Der Islam in Wissenschaft, Kunst und Kultur

Einflüsse der islamischen Kultur auf Europa

Einst stand die Welt unter anderen Vorzeichen als
heute: Während unseres Mittelalters befand sich Europa
eindeutig in der Position des „Unterlegenen“ und
blickte mit einer Mischung aus Furcht und Bewunderung
auf den Islam und seine überlegene Zivilisation.
Während Europa den Muslimen nicht viel mehr als
Rohstoffe wie Pelze und Holz bieten konnte, importierte
es seinerseits neben Gewürzen, Ölen und später
Kaffee hunderterlei andere Produkte eines verfeinerten
städtischen Lebens. Mit den Kreuzzügen, die in
Europa ein bis heute nachwirkendes, verzerrtes Bild
vom Islam entstehen ließen, war doch zugleich das
heiße Begehren nach den schönen Dingen des Lebens
verbunden.
Zwar dämonisierte Europa den Islam, jedoch eignete
es sich ohne die geringsten Bedenken seine profane
und materielle Kultur an. Mathematik und Astronomie,
Naturwissenschaft und Technik, Philosophie und Medizin
hätten in Europa ohne die Vermittlung der Muslime
nicht den Aufschwung nehmen können, wie er seit
dem 12. Jh. zu verzeichnen war. Dabei spielten sowohl
arabische Übersetzungen aus dem Griechischen als
auch eigenständige arabische Weiterentwicklungen
der antiken Wissenschaften eine Rolle.
Vielleicht am deutlichsten ist dies in der Medizin.
Die Heilkunst stand in Europa auf sehr niedrigem Niveau,
bevor sich der Einfluss aus der islamischen Welt
bemerkbar machte. Unter anderem geht die Einrichtung
von Krankenhäusern darauf zurück. Jahrhundertelang
wurden Kranke in Europa nach den Lehrbüchern
Galens und des arabischen Philosophen und
Arztes Ibn Sina (Avicenna, gestorben 1037) behandelt.
Aber auch in anderen Bereichen übten die Muslime
eine nachhaltige Wirkung aus, in der Entwicklung
des Gartenbaus oder bei der Herstellung von Textilien.
Vielfältige Einflüsse gab es in der Musik, angefangen
von der Laute (von arabisch al-ud), die sich bald
über ganz Europa verbreitete, über den Einfluss der
höfischen Gesangskultur Andalusiens auf die Troubadoure
bis hin zur Übernahme „orientalischer“ Tonfolgen
in der Musik der Romantik.
Da die meisten Neuerungen über Spanien und Sizilien
ihren Weg nach Norden fanden, nachdem beide
bereits für die Christenheit zurückerobert waren, war
man sich ihrer Herkunft aus dem islamischen Kulturbereich
meist gar nicht bewusst. Umso bereitwilliger
wurden sie dann aufgenommen. Obwohl die Namen
der Dinge häufig genug ihren Ursprung verraten, wie
der Musselin aus Mossul oder die Damaszenerklingen
aus Damaskus, nahm man dies oft gar nicht mehr wahr.
Und so ist es noch immer: Wer denkt schon daran,
dass sich Hinterlassenschaften islamischer Kultur
selbst in Teilen des christlichen Ritus und Kultus behaupten
– im Rosenkranz nicht weniger als in den
Weihrauchgefäßen und den Prunkstoffen der liturgischen
Gewänder!


Wörter arabischer Herkunft
Schon eine kleine Liste von Lehn- und Fremdwörtern
aus dem Arabischen verdeutlicht den vielfältigen kulturellen
Einfluss aus der islamischen Welt:
Alkohol von: al-kuhut
Chemie von: al-kimiya
Kabel von: habl = Seil
Razzia von: ghazwa = Beutezug
schachmatt von: schah mata
= der König ist gestorben
Tarif von: ta’rifa
= Bekanntmachung, Preisliste
Ziffer von: sifr = Null
Zucker von: sukkar.
Unsere „arabischen Ziffern“ haben sich aus den in
Andalusien benutzten westarabischen Ziffern entwickelt,
während im heutigen Arabisch die ostarabischen
in Gebrauch sind. Die Araber haben ihre Ziffern
von den Indern übernommen.

Fremd- und Lehnworte aus dem Arabischen:
Admiral, Albatros, Alchimie, Alkohol, Alkoven,
Aprikose, Arabeske, Burnus, Chemie, Fakir, Fanfare,
Gazelle, Giraffe, Gitarre, Jacke, Kabel, Kaffee, Kaliber,
Kandis (Zucker), Karussel, Kittel, Laute, Magazin, Marzipan,
Maske, massieren, Matratze, Monsun, Mulatte,
Mumie, Natron, Papagei, Rasse, Schirokko, Sirup, Sofa,
Talisman, Tamburin, Tarif, Watte, Zenit, Ziffer, Zucker.
Die Zahlzeichen sind durch Vermittlung arabischer
Gelehrter von Indien nach Europa gelangt und heißen
darum arabische Ziffern. Erst seit Adam Riese (gestorben
1559) setzte sich das Rechnen mit diesen
Zahlzeichen durch.
Fremd- und Lehnwörter aus dem
Persisch-Türkischen:

Basar, Bronze, Derwisch, Dolmetsch, Horde, Jasmin,
Joghurt, Kaftan, Karawane, Kasack, Kaviar, Khaki,
Kiosk, Limonade, Orange, Pascha, Risiko, Saffian,
Schach, schachmatt, Schakal, Schal, Scharlach, Scheck,
Schikane, Spinat, Tasse, Tulpe, Turban, Türkis, Zinnober.
Manche Kulturgüter und Begriffe sind über die
von Spanien gebildete Brücke nach Mitteleuropa gelangt.
Dies gilt besonders für die Philosophie. Die
arabisch-islamische Philosophie übernahm aus der
Antike das Erbe des Aristotelismus, das im christlichlateinischen
Europa unbekannt war.
Friedrich Kluge, in: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache,
Berlin 1960, S. 901f. und 911.

Wissenschaft im Islam
In der Blütezeit der islamischen Kultur im Mittelalter
haben die muslimischen Gelehrten und Künstler
in großer Offenheit aus vielen antiken, byzantinischen,
persischen, indischen und sogar chinesischen
Quellen geschöpft. Ihr großes Verdienst ist die Bewahrung
der antiken Philosophie und Wissenschaft
für die Neuzeit.
Der Islam ist in der Regel auch der Welt des Wissens
und der Wissenschaft sehr zugewandt gewesen.
Denn wenn Gott das Sein, die Wirklichkeit schlechthin,
ist, dann kann Gott auch über die Erforschung
des Seins erkannt werden; und dann kann es niemals
eine unüberwindbare Grenze zwischen Wissen bzw.
Wissenschaft und Religion geben, da Gott in allem
wirkt.
Nicht nur die Moschee und der Koran wären demnach
„Zeichen Gottes“ oder Orte, an denen man sich
Gott zuwenden kann, sondern die ganze Schöpfung.
Es ist dann auch konsequent, wenn die Theologie, die
„Gotteslehre“ des Islam, auch die Natur und die Naturgesetze
als das „aufgeschlagene Buch Gottes“ verstehen
kann.
Naturgesetze sind die „Gewohnheit Gottes“, der –
wie es auch Luther in seiner Auslegung des 1. Glaubensartikels
ausgedrückt hat – „mich und alle Kreatur
erschaffen hat und noch erhält“. Naturgesetze sind also
das „Normale“ in Gottes Wirken, der sich darin – über
die Existenz der Naturgesetze – als der Schöpfer und
Erhalter der Wirklichkeit zeigt. Wunder wären dann
eher das Außerordentliche, etwas, was die Gewohnheit
Gottes unterbricht.

Architektur
Der charakteristische Beitrag des Islams zur Architektur
ist die Moschee. Sie verbindet einen weiten,
rechteckigen Hof, meistens mit Säulenhallen umgeben,
oft mit einem Brunnen für die religiösen Waschungen
in seiner Mitte, mit einer feierlichen, geschlossenen
Halle für das gemeinsame Gebet und die
Versammlungen und mit einem oder mit mehreren
Minaretts, von deren Spitze aus der Muezzin fünfmal
am Tage zum Gebet ruft.
Die Omar-Moschee in Jerusalem, 691 als einer der
schönsten Bauten der omaijadischen Zeit errichtet,
scheint sich in ihrem achteckigen Zentralbau, über
den sich eine hohe Kuppel wölbt, früheren byzantinischen
Vorbildern zu nähern. Die große Moschee von
Damaskus aus dem Jahre 705 ist eine umgewandelte
dreischiffige christliche Kirche. Diese Bauten unterscheiden
sich von den christlich-byzantinischen
durch zwei wesentliche Dinge. Das erste ist die Auflockerung
der Architektur und damit eine Ausweitung
des Raumes. Typisch dafür sind der hufeisenförmige
arabische Bogen mit einer aufsteigenden Tendenz
zum Spitzbogen, der die zwar sichere, aber schwerfällige
Statik des Rundbogens durchbricht, sowie die
Ausdehnung und Erhöhung der Kuppel. Das andere
ist der Wandel in der Dekoration. Die Moschee ist leer.
Sie hat keine Altäre, Statuen, Götter- oder Heiligenbilder.
Die einzige bescheidene Unterbrechung der baulichen
Geometrie ist die Mihrab, die Gebetsnische, die
dem Gläubigen die Richtung nach Mekka anzeigt. Die
ganz lebendige und oft überreiche Dekoration aus
Mosaiken, Marmorintarsien, Holzschnitzereien aus
Stuck besteht aus unfigürlichen, abstrakten Motiven.
Auf die Moscheen, die die Omaijaden in Damaskus,
Medina, Jerusalem, Aleppo und Fostat, dem heutigen
Kairo, das von Arabern in Ägypten gegründet
wurde, bauten, folgen die der Abbasiden: die große
von Kairuan, Tunesien, die prächtige Ahmed Ibn Tuluns
in Kairo, beide aus dem 9. Jh., und die Überreste
der Moscheen mit dem eigenartigen massiven, spiralförmigen
Minarett in dem entfernten Samarra an den
Grenzen des chinesischen Turkestan. 1453 wandelten
die Türken nach der Eroberung Konstantinopels, die
das endgültige Erlöschen Ostroms bedeutete, die Hagia
Sophia in eine Moschee um und bauten die glänzende
blaue Moschee des Sultans Ahmed I. (1610).
Wie die rasche Entwicklung die ursprünglichen
Anlagen der modernen arabischen Städte verändert
hat, so sind auch die Spuren der ältesten Kalifenpaläste
aus der Zeit der Omaijaden und Abbasiden zerstört
worden, von deren Glanz uns die blühende arabische
Literatur berichtet. Charakteristisch sind dagegen,
was Größe, Vielgestaltigkeit und Pracht betrifft, die
Paläste, die von den ersten islamischen Herrschern
am Rand der Wüste oder in der Wüste selbst erbaut
wurden und die ein Bild von der Entwicklung der profanen
Architektur geben. Sie sind immer dreigeteilt:
Man gelangt zuerst in den öffentlichen Teil, dann in
den privaten, Diwan genannt, dann in den eigentlichen
Wohnteil, den Harem. In der Zeit, als die Seldschuken
nach dem 11. Jh. erstarkten, wurden viele
Universitätsgebäude zur Unterrichtung in religiöser
islamischer und weltlicher Wissenschaft gebaut.
Plastik und Malerei
Die anderen Künste, besonders die Bildhauerei
und Malerei, sind von Anfang an ausgeschlossen,
mehr noch als durch ausdrückliche, kategorische Verbote
durch die Abneigung, die der Islam aus religiösen
Motiven gegen figürliche heilige oder weltliche
Bilder empfindet, in denen er eine immanente Gefahr
der Götzenanbetung fürchtet. Wegen dieses Ausschlusses
sucht und findet die islamische Kunst ihre
Erfüllung in der Dekoration, aber diese ist von solchem
Glanz und solchem Zauber, von solcher Originalität
und glühender Erfindungsgabe, von einer Verbindung
formaler, zur Wiederholung drängender
Rhythmen, von farblichen, bald kontrastierenden,
bald harmonischen Wirkungen, dass sie den großen
Beitrag in der Kunst des Islams bildet, um dessen
Kostbarkeit sie das Abendland oft beneidet und vor
dem es immer wieder wie vor einer Märchenwelt
staunend steht. Selten hält sie sich an realistische

Motive von Tieren oder Pflanzen, die sie dekorativ
umgestaltet oder in ornamentaler Stilisierung bringt.
Gewöhnlich handelt es sich um abstrakte Motive, die
sich durch unerschöpfliche Phantasie auszeichnen:
geometrische Motive, die von einer einfachen skandierten
Klarheit bis zu den komplizierten Verflechtungen
und Überlagerungen reichen, graphische Motive
von seltener Eleganz und Weichheit, die sich sogar
der Einlegearbeit und der arabischen Schrift bald in
horizontaler, bald in vertikaler Anordnung bedienen,
lineare Motive, die die Vorliebe für die Arabeske zeigen,
die in ihrer Gewundenheit, in ihren Verschnürungen,
in ihrem flüssigen Verlauf von Einzelmotiven
oder Wiederholungen gerade die ornamentale Verwendung
der ununterbrochenen zeichnerischen Linie
bedeutet.

Kleinkunst
Die charakteristische islamische Kunst erobert sich
im Laufe der Jahrhundertwende unendlich viele religiöse
und profane Anwendungsgebiete in der Plastik
und der Malerei, vom Mosaik bis zum Freskenbild,
von Marmorintarsien bis zu Majolikaintarsien, vom
Holzschnitt bis zur Marmorverzierung, von Sägearbeiten
in Holz oder Marmor bis zu eigenartigen Dekorationen
in Form von Girlanden, hängenden Vorhängen
oder Stalaktiten.
Es ist leicht verständlich, dass in den Händen eines
so außergewöhnlichen Kunstgewerbes die Kleinkunst
zu großer Blüte kam, sei es für das prunkvolle und raffinierte
Hofleben, sei es für den intensiven Handel,
der sich nach den Kreuzzügen auch nach dem Westen
ausdehnte. Mit dieser Mannigfaltigkeit an Herstellungstechniken,
an Geschmack und Stilen, die die geschichtliche
Gliederung in verschiedene Staaten und
Gruppen zeigt, begleitet die Kleinkunst die ganze Geschichte
der islamischen Kunst.
Mehr noch als aus Goldschmiedearbeiten besteht
sie aus reich verzierten Vasen, Krügen, Bechern, Bronze-
und Kupfertellern, aus einer sehr edlen Keramik,
die neue Typen von Amphoren, Flaschen, Vasen
schafft, mit prächtiger Ausführung bis zu Email- und
Glasarbeiten. Aus verzierten und reich verarbeiteten
Geweben entsteht in späterer Zeit jene Teppichkunst,
die in verschiedenen Städten Persiens und in geringerem
Maße und Wert in den Städten Kleinasiens, die
zum ottomanischen Reich der Türken gehören, zu einer
unerreichten und edlen Qualität der Teppichknüpferei
führt.
Miniaturen
Nach dem Verfall der immer mehr zur Scheinmacht
gewordenen Abbasiden-Herrschaft (1258) lockert
sich das Verbot, Figürliches darzustellen. So
entsteht als Illustration zu den phantasievollen Geschichten
eine neue Form der Kunst in der Miniatur,
lebhaft in der Erzählung, lebendig in den intensiven
Farben, aber auch hier flächenhaft und dekorativ.
Und hier tauchen nun auch die Namen der Künstler
auf, die sonst wie in der mittelalterlichen abendländischen
Kunst verschwiegen werden. Berühmt sind die
Schulen Bagdads und Indiens, beide im 12. und 13.
Jh. in Blüte. Einen anderen Höhepunkt der Miniaturmalerei
bildet die persische Schule, die mit feiner Darstellungskunst
und ausgewogenem Farbensinn von
einer verfeinerten höfischen Kultur erzählt. In Indien
entsteht im 16. Jh. unter der Herrschaft der Mogulen
ein Zentrum, das seine Anregungen stark von der
persischen Miniaturmalerei empfängt. Viele persische
Arbeiten werden kopiert.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter kultur, kunst, wissenschaft

Eine Antwort zu “Der Islam in Wissenschaft, Kunst und Kultur

  1. La ilahe il Allah – möge Allah uns an Wissen und Rechtleitung mehren !

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