Der Niedergang der islamischen Mächte

Im 16. Jh. erlebt die islamische Welt unter den Osmanen
im Westen, den Safawiden im Iran und den
Moghul-Kaisern in Indien eine neue Hochblüte.
Gleichzeitig beginnt sich aber auch das europäische
„Zeitalter der Entdeckungen“ auszuwirken: Mit dem
Seeweg nach Indien verlieren die vom Iran und vom
Osmanischen Reich kontrollierten Handelswege an
Bedeutung. Zugleich ruiniert aus Lateinamerika einströmendes
billiges Silber die Währung.
Die Anzeichen des Niedergangs schienen angesichts
der ungebrochenen militärischen Macht wohl
nicht sonderlich beunruhigend. Denn obwohl die Osmanen
durch ihre Spione bestens über den Stand der
europäischen Militärtechnologie und politische Rivalitäten
unterrichtet waren, die sich für eigene Expansionspläne
ausnutzen ließen, nahmen sie von den
geistigen und sozialen Veränderungen im Europa der
Renaissance kaum Notiz. Gott hatte die Muslime zu
den Herren seiner Erde gemacht, was konnten Diskussionen
unter den Ungläubigen da für eine Bedeutung
haben?


Darüber hinaus berührte die Expansion des europäischen
Kolonialismus die islamische Welt kaum, solange
sich die Portugiesen und später Niederländer
und Engländer mit Handelsniederlassungen und militärischen
Stützpunkten an den Küsten begnügten.
Allerdings wurde auch der Orient kontinuierlich in die
von Europa beherrschten neuen Marktbeziehungen
eingebunden. Neben direktere Formen der Ausplünderung
durch ungleiche Handelsbeziehungen trat im
17. und 18. Jh. die Nahrungsmittel- und Rohstoffproduktion
für europäische Märkte.
Die militärische Durchdringung begann schließlich
in den Randzonen der islamischen Welt mit der
Expansion des russischen Zarenreiches nach Zentralasien,
der schrittweisen Eroberung Indiens durch die
Briten und der niederländischen Kolonialisierung des
indonesischen Archipels.
Als Napoleon Bonaparte 1798 mit einem Expeditionsheer
in Ägypten eindrang, besetzten erstmals
seit den Kreuzzügen wieder europäische Truppen islamisches
Kernland. Die Franzosen mussten ihre
Besetzung zwar schon nach drei Jahren aufgeben,
Frankreich begann jedoch mit der schrittweisen Eroberung
Algeriens eine Generation später auch Teile
des arabischen Raums in sein Kolonialreich zu integrieren.
England sicherte sich später Ägypten und gemeinsam
mit Russland Einfluss in Persien. Und nach
dem Ersten Weltkrieg teilten europäische Mächte die
verbliebenen arabischen Provinzen des Osmanischen
Reiches als „Mandatsgebiete“ unter sich auf.
Gegen die Überlegenheit der europäischen Mächte
formierte sich gegen Ende des 19. Jhs. Widerstand
von Muslimen, die im Islam eine politische Gegenkraft
sahen. Vor allem Dschamaleddin al-Afghani
(1839–97) rief die Muslime unermüdlich zur Einheit
und zum Widerstand gegen die Kolonialmächte auf.
Durch ihn wurde der Islam erstmals für eine antikolonialistische
Mobilisierung benutzt. Seine Ideen wirken
bis heute im politischen Islam fort.

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