Islam in Abgrenzung zu Judentum und Christentum

Über die Religionen
Die Religionen traten auf, als die Menschen, nach
ihrem Verständnis für das Wohl der Allgemeinheit
und selbst des Einzelnen zu urteilen, in einem der
Kindheit des Neugeborenen vergleichbaren Zustande
waren […].


Daher gaben sie ihnen strenge Befehle und scharfe
Verbote, verlangten ihren Gehorsam und trieben
sie darin bis an die Grenze des Möglichen. […] Sie
zeigten ihnen Wunder, die ihre Augen blendeten und
auf ihre Sinne Eindruck machten, und schrieben ihnen
einen Gottesdienst vor, der zu diesem ihrem Zustande
passte […].
Darauf verging die Zeit, und unter dem Zauber
der Ereignisse und der Erfahrung des Unglücks empfand
die Seele (des Menschen) Gefühle, die feiner als
die Sinnesempfindungen waren und tiefer in das Bewusstsein
eindrangen, sich aber im Allgemeinen nicht
über das erhoben, was das Herz der Frauen empfindet
oder die Begierden der jungen Burschen begleitet.
Da trat eine Religion auf, die zu den Gefühlen
sprach, sich an die Zuneigung wandte, die Liebe zu
gewinnen suchte und zu den Bestrebungen des Herzens
redete.
Daher gab sie den Menschen asketische Vorschriften,
die sie von dieser ganzen Welt abwenden und
zum jenseitigen Reich hinwenden sollten, […] und sie
führte im Gottesdienst Bräuche ein, die zu ihrem Zustande
passten […].
Darauf vergingen einige Jahrhunderte, als der
menschliche Wille zu schwach wurde, sie zu ertragen,
und man keine Möglichkeit fand, in den von ihr gesetzten
Grenzen zu bleiben und ihre Lehren zu befolgen
[…]. Schließlich hatte das Alter der menschlichen
Gesellschaft den Menschen zu seiner Reife kommen
lassen, und die vergangenen Ereignisse hatten ihn auf
seine Volljährigkeit vorbereitet.
Da trat der Islam auf, der zur Vernunft sprach und
das Verständnis und die Einsicht zu Hilfe rief und sie
mit den Gefühlen und den Sinnen verband, um den
Menschen im Diesseits und im Jenseits zu seinem
Glück zu führen […]. Gibt es nach der (Erreichung der)
Volljährigkeit noch eine Vormundschaft und nach der
vollen Entwicklung des Verstandes noch eine Vertretung?
[…]
Daher sind die Offenbarungen mit der Offenbarung
Mohammeds abgeschlossen und die Sendungen
mit seiner Sendung zu Ende, wie das (Heilige)
Buch ausdrücklich erklärt hat.
Mohammed Abdu: Über die Religionen,
in: Islamische Geisteswelt, hg. v. R. Jockel, Wiesbaden 1981, S. 298f.
Anmerkung: Mohammed Abdu (1849–1905) war Großmufti
von Ägypten, Ideengeber und Symbolfigur des
modernen Reformislam, dessen zentrale Elemente die
Rückkehr zu den Ursprüngen des Islam, die Stärkung
der Rechte der Bevölkerung gegen ihre Regime und

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