Koloniale Erfahrungen

Der Islam im Zeitalter des Kolonialismus
Erste Schatten des heraufziehenden Kolonialismus
fielen über die islamische Welt, als in den Jahren 1600
und 1602 die Englische Kompanie Indiens und die
Niederländische Kompanie Ostindiens (später Batavia)
gegründet wurden.
Das osmanische Heer unterlag 1697 bei Zenta den
Truppen des Prinzen Eugen von Savoyen, zwei Jahre
darauf räumten die Osmanen entsprechend den Friedensbedingungen
von Karlowitz Ungarn. Rund hundert
Jahre später besiegten die Österreicher erneut
das Großtürkische Reich; im Vertrag von Swischtow
wurde 1791 der türkische Rückzug aus Europa festgeschrieben.
Knapp sieben Jahre darauf erschien Napoleon mit
einem französischen Heer in Ägypten. Die Bevölkerung
Kairos nutzte die Gelegenheit und erhob sich
gegen die osmanische Regierung, die Hohe Pforte in
Istanbul.


Nach dem Vertrag von Adrianopel (Edirne) erhielten
1729 Griechenland, die Moldau und die Walachei
ihre Unabhängigkeit. Algerien wurde 1830 von Frankreich
besetzt. Damit begann das eigentliche Kolonialzeitalter.
Seit 1877 beherrschten Franzosen und
Engländer gemeinsam Ägypten. Im gleichen Jahr
unterlagen die Osmanen dem zaristischen Russland.
Muslime hatten fortan unter russischer Herrschaft zu
leben.
Seit 1880 errichteten Europäer Kolonien und Protektorate
auf islamischem Gebiet. Gleichzeitig erwuchsen
Gegenkräfte, eine panislamische Bewegung
formierte sich, besann sich auf das eigene religiöse
und kulturelle Erbe und suchte mit der Macht des
überlieferten Wortes den Einfluss der Christen und
Europäer einzudämmen.
Die gemeinsame Niederlage des Deutschen Kaiserreiches
und der verbündeten Türkei beendete das
große Geschichtskapitel der fast sechshundertjährigen
osmanischen Herrschaft. 1922 entstand die türkische
Republik. Mustafa Kemal, genannt Atatürk, d. h.
Vater der Türken, wurde zum Präsidenten gewählt. Er
setzte die Säkularisation durch, das bedeutete die
Trennung von staatlichen und religiösen Institutionen
nach westlichem Vorbild, von weltlichem und geistlichem
Recht, von politischem Handeln und islamischer
Frömmigkeit. Anstelle des arabischen Alphabetes
wurde die lateinische Schrift eingeführt. Das Jahr
1924 brachte auch das Ende des Kalifats, das seit Mohammeds
Tod im Jahr 632 bestanden hatte.
Die durch den Ausgang des Zweiten Weltkrieges
geschaffenen neuen geopolitischen Bedingungen
entzogen dem kolonialen Imperialismus europäischer
Staaten die Grundlage und entließen in der Folge eine
Vielzahl islamischer Länder in die Unabhängigkeit.
Bis heute bleiben jedoch Erblasten: die kolonialen
Grenzfestlegungen, die Unterentwicklung. […]
Zwielichtig ist das Bild, das die islamische Bevölkerung
der einstigen Kolonien von den Ansprüchen und
Zielen christlichen Glaubens ihrer Unterdrücker in ihrer
Erinnerung trägt. Unvergessen ist das Leid unter
der Selbstherrlichkeit, dem Machthunger, der wirtschaftlichen
und kulturellen Ausbeutung durch die
Europäer. Erniedrigt, gedemütigt, überfremdet bewahrten
sie dennoch das eigene religiöse und kulturelle
Erbe, wenn auch in den Hinterhöfen ihrer Gesellschaft.
Gewiss war der Glaube an die Überlegenheit
der eigenen Religion verblasst, Fatalismus machte
sich breit; mit dem Wort Inschallah, Wie Gott will,
suchten Muslime ihre Enttäuschung, ja oft auch Verzweiflung
über den Sinn des Lebens zu verbergen.
Die Geschichte von Niederlagen und Demütigungen
erzählt ihre eigenen Geschichten, bewahrt ihre
besonderen Erfahrungen. Die großen Museen in Europa
und Nordamerika mit ihren überwältigenden
Sammlungen geraubter islamischer Kunst sollten
nachdenkliche Betrachter finden.

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Eingeordnet unter geschichte, islam, Islambild

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