Kritik des Islam an Judentum und Christentum sowie jüdische und christliche Gegenkritik

Die grundsätzliche Kritik Mohammeds und des
Koran an den Juden beruht vor allem auf dem Vorwurf,
sie, die Juden, hielten sich nicht an die Gesetze
und Gebote der Tora. Damit wiederholt Mohammed
ein Argument, das als jüdische Selbstkritik immer wieder
in der hebräischen Bibel auftaucht – vor allem in
den prophetischen Texten. Dort kann man in den
Aussagen der großen Schriftpropheten wie Amos, Jesaja
und Jeremia immer wieder den Aufruf an das jüdische
Volk lesen, zu den Grundgeboten des ethischen
Monotheismus zurückzukehren.
Ein sehr fundamentaler Vorwurf gegenüber den
Juden, der auch in den Aussagen von Muslimen der
Gegenwart auftaucht, betrifft den angeblichen jüdischen
Erwählungsstolz. Gemeint ist, dass nach muslimischem
Verständnis Juden fälschlicherweise aus der
Tora eine besondere Erwählung des jüdischen Volkes
durch Gott ableiten. Richtig sei vielmehr, dass alle
Menschen vor Gott/Allah gleich seien und dass von
einer besonderen Erwählung des jüdischen Volkes
durch Gott nicht die Rede sein könne und dürfe, zumal
ein solcher Erwählungsglaube zu einer arroganten
Abgrenzung gegenüber anderen Menschen und
Religionen führen könne.


Juden weisen gegenüber dieser muslimischen Kritik
darauf hin, dass der Glaube an die besondere Erwählung
Israels bzw. des jüdischen Volkes für Juden
die Einsicht nach sich zöge, Gott und den Menschen
gegenüber besonders verpflichtet zu sein. Ein jüdischer
Missionsanspruch oder ein jüdisches Überlegenheitsgefühl
existiere nicht.
Grundsätzlich ist zu erkennen, dass der Koran
deutlich zwischen Juden differenziert, die ihrer eigenen
Tradition treu seien und die hoch geschätzt werden,
und Juden, die sich an die Gebote der Tora nicht
hielten und die deshalb und nicht, weil sie Juden
sind, kritisiert werden. Dies zeigen die folgenden Koran-
Stellen:

Und wenn sie die Tora und das Evangelium, und was
von ihrem Herrn zu ihnen herabgesandt worden ist,
halten würden, würden sie von oben und unter ihren
Füßen zu essen bekommen, was sie nur wollten. Unter
ihnen gibt es eine Gemeinde mit maßvollem Wandel.
Aber schlimm ist, was viele (andere) von ihnen tun.
(Sure 5,66)

Sie sind nicht (alle) gleich. Unter den Leuten der Schrift
gibt es speziell unter den frommen Juden eine Gemeinschaft,
die (andächtig im Gebet) steht, (Leute) die
zu (gewissen) Zeiten der Nacht die Verse Gottes verlesen
und sich dabei niederwerfen. Sie glauben an Gott
und den Jüngsten Tag, gebieten, was recht ist, verbieten,
was verwerflich ist, und wetteifern (im Streben)
nach den guten Dingen. Diese gehören zu den Rechtschaffenen.
Für das, was sie an Gutem tun, werden sie
(einst) nicht Undank ernten. Und Gott weiß Bescheid
über die, die (ihn) fürchten. (Sure 3,113–115)

In der Kritik dem Christentum gegenüber wird
vor allem ein grundsätzlicher Vorwurf erhoben: die
Vergöttlichung Jesu Christi und die Propagierung der
Vorstellung vom stellvertretenden Sühneleiden Jesu
Christi. Der Koran wirft dem Christentum vor, über
das Trinitätsdogma (Gott offenbart sich als Gottvater,
als Sohn und als Heiliger Geist) eine Mehrgötterlehre
zu verbreiten bzw. dem einen Gott andere Götter zuzugesellen.
Kritisiert wird weiter, dass mit dem Glaubenssatz,
Jesu Christi sei „für unsere Sünden gestorben“,
die Verantwortlichkeit jedes einzelnen
Menschen für sein eigenes Leben in Frage gestellt
werde. Die Botschaft des ethischen Monotheismus
werde so verfälscht.
Der Koran versteht Jesus anders als die Tradition
des Neuen Testaments und ist bemüht, ein falsches
Jesus-Bild des Neuen Testaments und des Christentums
zu korrigieren. Zum Jesus-Bild des Koran gehört
die Betonung der Jungfrauengeburt Jesu – denn Jesus
sei zwar nur Mensch und Prophet, aber er sei einer
der herausragenden Propheten Gottes. Dies
unterstreiche die Jungfrauengeburt. Es wird betont,
dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei, Gott habe
ihn vielmehr vor seinem Tod zu sich genommen.
Die Kritik des Koran am Christentum berührt fundamentale
Fragen des Christentums und stellt die traditionelle
christliche Glaubenslehre in radikaler Weise
auf den Prüfstand. Eine denkbare christliche Gegenkritik
kann hier nur in Form von Diskussionspunkten
angedeutet werden.
1. Christlich geschulte Theologen werden zur islamischen
Kritik an der Trinitätslehre einwenden,
dass Mohammed und der Koran ihrerseits die ursprünglichen
Absichten der Trinitätslehre verfälschen.
Nach einer Formel des christlichen Religionsphilosophen
Tertullian lehrt das Trinitätsdogma
Folgendes: „Una substantia, tres
personae“. Damit meint Tertullian: Gott sei in seiner
Substanz oder in seinem Wesen einer, offenbare
oder zeige sich aber im Laufe der Geschichte
in verschiedenen Rollen (= Personen) oder
Wirkungsweisen – einmal als Schöpfer, der den
Anstoß zur Entwicklung des Lebens gegeben habe,
dann in der Gestalt Jesu Christi und dann als
Geist des Friedens und der Wahrheit in allen
Menschen, die zur Friedensstiftung und zur
Wahrhaftigkeit bereit seien.
2. Nach christlichem Verständnis ist der Glaube an
das stellvertretende Sühneleiden Jesu Christi ein
Hinweis darauf, dass ein Mensch nicht alles aus eigener
Kraft leisten kann und vor allem nicht in der
Lage ist, sich selbst zu erlösen. Die damit verbundene
Betonung der Gnade Gottes teilt das Christentum
mit dem Islam.
3. Der letzte Aspekt betrifft die Frage, ob Jesus wirklich
am Kreuz gestorben ist oder vielmehr vorher
von Gott aufgehoben bzw. in den Himmel verrückt
worden sei. Hier haben Kirchenhistoriker mit
Recht darauf hingewiesen, dass Mohammed mit
seinen Aussagen auf einer Linie mit einer altkirchlichen
Strömung liege, die von der Kirche als Irrlehre
verurteilt worden sei und die man als Doketismus
bezeichnet. Für die später als Irrlehre
verdammte doketistische Konzeption ist es unvorstellbar,
dass Christus als Vertreter Gottes wirklich
gelitten habe, denn Leiden und Beauftragung
durch Gott bzw. Gottessohnschaft schlössen sich
aus. Möglicherweise hat Mohammed gerade diese
doketistische Konzeption aufgenommen, weil er
so große Schwierigkeiten hatte, sich vorzustellen,
dass ein Prophet Gottes wie Jesus in so furchtbarer
Weise leiden und – zunächst – durch den Kreuzestod
auch sichtbar eine Niederlage erleiden
könnte. Eine denkbare christliche Gegenkritik würde
einwenden, dass Mohammed seinerseits in der
Gefahr steht, mit seiner Vorstellung vom Tod Jesu
die historischen Fakten zu verfälschen, und dass
gerade umgekehrt die Vorstellung von der
Menschlichkeit Jesu, die ja das Christentum auch

lehrt, einschließt, sich ein wirkliches Leiden und einen
wirklichen Tod Jesu vorzustellen.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter christen

3 Antworten zu “Kritik des Islam an Judentum und Christentum sowie jüdische und christliche Gegenkritik

  1. Mr.Musician

    Ein beachtlicher Beitrag- beachtlich insbesondere deshalb, weil Muslime nicht direkt als „Buhmänner“ abgeschrieben werden, man befasst sich mit den Aussagen des Koran (kritisch) und vergleich Positionen, ohne abzuwerten. Es ist völlig ok, wenn christliche (Gegen-)Argumente rekonstruiert werden.

    Doch sollte man nicht vergessen, dass der Koran am Judentum nicht nur die Tatsache kritisiert, dass diese zu „lasch“ mit ihrem Glauben umgehen, sondern auch, und das müsste man noch hinzufügen, die Tatsache, dass sie Zinsen nehmen (was koranisch explizit verboten wird) und weil sie „Ezra“ als Sohn Gottes annehmen, auch davon berichtet der Koran. Übrigens weiss man heutzutage bzw. nimmt an, dass damals, in der Nähe von Mekka/ Medina lebende Juden dieses „Abwandlung“ in ihrem Glauben im Gegensatz zu anderen Juden hatten. Der Koran kritisiert folgich diese eine „sonderform“ des Judentums kritisiert. Sofern man also nicht an „Ezra“ glaubt, sich gerecht/ fromm verhält ist es im islamischen Sinne ok.

    Andererseits kritisiert der Islam auch „Muslime“- die nicht an das glauben, was die Botschaft des Propheten sind, es wird gesagt, dass jene zwar mündlich „glauben“, aber im Herzen nicht an Allah glauben. Also der Kritikpunkt gegenüber den Juden, dass sie nicht fest genug an ihrer Religion festhalten trifft auch auf Muslime zu.

    Mit freundlichen Grüßen,
    xxx

  2. alime

    @Mr.Musician
    Es gibt einige Punkte in denen ich dir zustimmen kann. Z.B. das Verhalten der Juden im Koran. Dasb Goldene Kalb, Missachtung des Sabats, etc. Hier geht es, laut modernen Koraninterpreten, nicht nur um die Söhne Israels, sondern um ihr explizites Verhalten. Dieses Verhalten legen aber auch Muslime an den Tag. Hier ein Beweis: Ich mache meine Pilgerfahrt nach Mekka erst wenn ich 60 bin und nicht mehr soviele Sünden gegen Ende meines Lebens begehe.“ Kennt Allah denn nicht die Herzen der Menschen? Wem macht dieser Mensch etwas vor? Sündigen soll der Mensch eh nicht, unabhängig vom Alter. Die Hadsch ist verpflichtend ab dem Zeitpunkt, wo man Geld hat, gesund ist und die Geschlechtsreife erlangt hat. Alles andere ist eine Hinauszögerung einer Pflicht, die in den 5 Säulen des Islams fundiert ist.

  3. Mr.Musician

    Danke schön Alime,

    ich finde diese Kritik angebracht. Genauso wie Juden oder Christen werden, wenn man den Koran ließt, auch MUSLIME kritisiert, die rein platonisch glauben, aber sich nicht mit dem Koran auseinandersetzen- dabei gehts nichts ums Lesen in einer Sprache, dieman nicht versteht, sondern um Lesen und VERSTEHEN (es gibt ja die These, man solle und dürfe den Koran nur auf arabisch lesen, alles andere sei „Sünde“- auch wenn man kein arabisch versteht).
    Ich finde, an diesem Punkt könnte man fast schon Tolstoi zitieren, seine „Kritik am Christentum“ trifft fast 1 zu 1 auf den Islam zu: Muslime lesen kaum noch den Koran, verlassen sich auf religiöse Autoritäten und kaum einer kennt die „Philosophie des Koran“ oder sein eigentliches Verlangen: Es gibt sogar jene, die behaupten, es würde für einen Muslimen reichen, alle Riten durchzuführen und dabei garnicht zu verstehen, wieso und was der Koran will.

    Im Vordergrund steht, laut Koran, das Gedenken an Allah und die daraus abzuleitende FRÖMMIGKEIT, nicht die akribische Befolgung von irgendwelchen Ritualen- diese sind zwar womöglich auch wichtig (da sie bei Befolgung die Seele wie auch den Körper reinigen)- aber an erste Stelle steht das Verständnis darüber, WIESO. Ein guter Muslim benimmt sich zu JEDER Zeit so, wie wenn er beten würde: Wenn der Koran sagt, „bete zu Allah und denke an ihn morgens, mittags und abends“ so versteh ich dies nciht wörtlich, vielmehr so, dass man IMMER, bei JEDER Handlung nur im Sinne der Frömmigkeit handelt und Allahs gedenkt/ sich für alles bedankt. Es geht also nicht, wenn man sich besäuft, andere Menschen hintergeht und dabei meint, es sei alles im „Lot“, nur weil man sein Ritualgebet vollführt.
    Aber auch der Koran kritisiert eben eine solche Haltung, an sich ist es dasselbe, was an den Juden „kritisiert“ wurde- genau dieselbe Kritik trifft auf Christen wie auch Muslime zu.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Taha

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