Mohammeds Wirken in Mekka

[…] Rund ein Jahrzehnt wirkte Mohammed nach
seinem ersten Offenbarungserlebnis als Prophet in
Mekka. Argwöhnisch von den führenden Repräsentanten
des Rates der Stadt beobachtet und schließlich
gemeinsam mit wenigen Anhängern gesellschaftlich
isoliert, trug er jene Koransuren vor, die noch
heute in den Koraneditionen ausdrücklich als „mekkanische“
bezeichnet werden. Inhalt dieser oft sehr eindringlichen
Verse und Suren sind in erster Linie die
Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit Gottes, das
Wunder der Schöpfung, das nahe Weltende und das
Letzte Gericht, die Strafen in der Hölle und die Belohnungen
im Paradies; Buße und Nächstenliebe werden
darin gepredigt und das Streben nach Reichtum als
irdischer Irrweg verurteilt. So lautet etwa Sure
79,34–39: „Wenn dann die große Katastrophe (d. h.
das Weltende) kommt, am Tag, da der Mensch sich
dessen erinnert, was er (in seinem Erdenleben) erstrebt
hat, und der Höllenbrand denen, die sehen
können, vor Augen gestellt wird – wenn dann einer
aufsässig gewesen ist und das diesseitige Leben (dem
Jenseits) vorgezogen hat, ist der Höllenbrand (für ihn)
der Ort der Einkehr.“


In Mekka war Mohammeds Streben noch allein auf
die Bekehrung seiner heidnischen, sprich polytheistischen
Landsleute gerichtet, wobei er sich in der Tradition
von Moses und Jesus (und anderer Propheten)
sah, die ihrem Volk die Heilige Schrift vom einzigen
Gott überbracht hatten. Aller Wahrscheinlichkeit nach
sah er damals auch noch keinen Unterschied zwischen
dem Koran und den jüdischen und christlichen
Offenbarungstexten, die er gewiss nur in Bruchstücken
und vom Hörensagen kannte. Die Idee, der Prophet
und Begründer einer die anderen Offenbarungsreligionen
ersetzenden Weltreligion zu sein, war ihm
damals noch fern. Und die Idee, der Begründer eines
islamischen Staatswesens zu werden, gewiss noch
ferner. […]
Gernot Rotter: Die Verfassung von Medina: Mohammed als Prophet und Realpolitiker,
in: Weltreligion Islam, hg. v. der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002, S. 28.
1.1.4
Die Formation des Islam als politische Religion
in Medina
Als wichtiges Strukturmerkmal, das bereits die Zeit
Mohammeds bestimmt, könnte man die Einheit von
„Islam“ und „Umma“, von Religion und Politik, nennen.
Damit ist gemeint: Von seinem ganzen Selbstverständnis
und seiner Geschichte her ist der Islam eine
Religion, die ihr Ziel, ihr „telos“, im Aufbau einer
sozial gerechten Gesellschaft sieht, in der die Prinzipien
des „ethischen Monotheismus“ konkret verwirklicht
sind oder verwirklicht werden sollten. In diesem
Sinne werden sich Muslime in ihrem persönlichen
Selbstverständnis zuerst als Mitglied einer „Umma“,
einer Gemeinschaft, verstehen und dann erst als Individuen.
Ebenso wird die in unserer rechtlichen und
politischen Tradition übliche Trennung von Religion
und Politik oder die Auffassung, dass „Religion“ eine
„Privatsache“ sei, Menschen muslimischer Tradition
nicht einleuchten.
Auch im christlichen Abendland ist die Herausbildung
des Primats des Individuums vor der Gemeinschaft
eine späte Entwicklung, die sich erst mit der
Aufklärung voll ausbildet. Bei allen vormodernen Gesellschaften
und Kulturen existiert der Vorrang der
der Vorstellungen der Gemeinschaft vor den individuellen
Ansprüchen.

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