Taha – die erste und zweite Botschaft des Koran

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Mahmud Mohammed Taha wurde um das Jahr
1911 in einer kleinen Stadt im Sudan geboren. Nach
einer Ingenieursausbildung in Khartum beteiligte er
sich am Kampf für die nationale Unabhängigkeit gegen
das britische Kolonialsystem. 1945 gründete er zu
diesem Zweck die „Republikanischen Brüder“, als deren
Führer er im folgenden Jahr verhaftet wurde. Im
Gefängnis entwickelte er sein Konzept der „Zweiten
Botschaft“ des Islam. Taha trat nachdrücklich für demokratische
Reformen und ein liberales Verständnis
des Islam ein und geriet in Konflikt mit fundamentalistischen
Kreisen. 1968 wurde er durch ein Rechtsgutachten
(Fatwa) in Mekka der Apostasie (des todeswürdigen
Abfalls vom rechten Glauben) beschuldigt.


1984 kritisierte seine Partei die Anwendung der Scharia
im Sudan als dem Islam widersprechend und
gleichzeitig die Unterdrückung der Christen und Animisten
im nicht arabischen Süden des Sudan. Daraufhin
wurde Taha wieder verhaftet. 1985 kam es durch
eine Intervention der Islamischen Weltliga zu einer
Neuauflage der Fatwa von 1968. Wenig später wurde
der 76-jährige M. M. Taha in Khartum hingerichtet.
Jörg Bohn, nach: Andreas Meier:
Der politische Auftrag des Islam, Peter Hammer Verlag Wuppertal, 1994, S. 526ff.
[…] Nach Taha hat Muhammad in der mekkanischen
Frühphase seiner Sendung, in der er ausschließlich
als Prophet tätig war, die überzeitlichen,
humanistisch-ethischen Prinzipien des Islam verkündet.
Demgegenüber hat Muhammad nach Taha während
seiner medinensischen Wirkungsphase, in der er
als Prophet und Politiker tätig war, diese humanistischen
Grundprinzipien des Islam in der Gesellschaft
von Medina als historisches Modell, das heißt zeitbedingt
und zeitgebunden, konkretisiert. Das bedeutet
für Taha, dass auch die prophetische Offenbarung
in Koran und Sunna während dieser Zeit im Bereich
ihrer Aussagen über Staat und Gesellschaft, die die
nach Taha aus der Sicht modernen Menschenverständnisses
diskriminierenden Sozialvorstellungen
ihrer Zeit widerspiegeln, nicht überzeitliche Normativität
besitzt – eine Aussage, die in krassester Weise
gegen den islamischen Konsensus (igma) verstößt,
wonach die prophetische Offenbarung als Ganze
überzeitliche Geltung besitzt und jegliche Form inhaltlicher
Kritik an ihr verwehrt wird.
Die „Zweite Botschaft“ des Islam bedeutet nichts
anderes, als dass die überzeitlich-universalen (asli)
theoretischen Prinzipien der mekkanischen Offenbarungszeit,
die aufgrund der rudimentären zivilisatorischen
Entwicklung ihrer Zeit im praktischen Experiment
der medinensischen Gesellschaft zugunsten
zeitlich-partikularer (far’i) Regelungen nicht durchgehalten
werden konnten (nash/Abrogation), zu dem
Zeitpunkt wieder zur Geltung gebracht werden, wenn
der zivilisatorische Fortschritt der Menschheit dazu
reif geworden ist. Tatsächlich sieht Taha vor dem

Hintergrund seines gegenüber dem regressiven Geschichtsbezug
der islamischen Tradition progressivevolutiven
Geschichtsbildes diesen Zeitpunkt in Form
des modernen Menschenverständnisses erreicht oder
zumindest sehr nahe. Damit macht Taha allerdings –
ohne dass er das in dieser Form ausdrücklich sagt, die
moderne Menschenrechtsidee der westlichen Tradition
zum hermeneutischen Schlüssel für die inhaltliche
Kritik der prophetischen Offenbarung Muhammads.
Es ergibt sich die provozierende Konsequenz,
dass Muhammad, der in seinem Wertbewusstsein selber
über seiner Zeit stand, der erste und einzige Muslim
im Vollsinn des Wortes gewesen ist – bis zu jenem
Zeitpunkt, wenn das menschliche Bewusstsein die
nötige zivilisatorische Vollendung erreicht haben
wird, um das evolutionäre Durchgangsstadium der
historischen Scharia abzustreifen und „die neue Zivilisation“
aufzubauen, in der die universalen Werte der
mekkanischen Offenbarung in vollkommener Weise
verwirklicht werden. Jetzt erst wird mit der „Zweiten
Botschaft“ die „Erste Botschaft“ vollendet, wird der
nur bruchstückhafte „Erste Islam“ vervollkommnet.
Dieses revolutionäre hermeneutische Konzept geschichtsphilosophischer
Koraninterpretation ermöglicht
Taha nicht weniger revolutionäre praktische
Konsequenzen: Taha erschüttert die durch das historische
Modell des Staates von Medina normierten
Grundlagen des traditionellen islamischen Verhältnisses
von Staat und Gesellschaft, indem er sie dem
Maßstab seines modernen humanistischen Universalismus
unterwirft. […]

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Eine Antwort zu “Taha – die erste und zweite Botschaft des Koran

  1. Ein wahrlich großer Denker und Muslime!

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