Überblick: ausgewählte Kontinente und Länder

Ägypten

Ägypten ist das Herz der arabischen Welt, in mancher
Hinsicht sogar das Herz des sunnitischen Islam.
Die meisten religiösen Reformer, säkularen Denker,
aber auch einige der wichtigsten Islamisten – militante
wie friedliche – sind in Kairo geboren, aufgewachsen
oder haben hier gelehrt. Die Ägypter nennen
nicht zuletzt deswegen ihre Hauptstadt Umm al-Dunya,
die „Mutter der Welt“.
Seinen besonderen Ruf hatte Kairo bereits im
Mittelalter. 972 wurde hier die Al-Azhar gegründet,
die älteste religiöse Lehrstätte im Islam. Die Azhar hat
sich im Laufe der Jahrhunderte den Namen erworben,
das Zentrum der sunnitischen Gelehrsamkeit zu sein.
Bis heute kommen Muslime aus der ganzen Welt, um
hier die Grundlagen des Glaubens zu erlernen. Die
Worte des Scheich al-Azhar, des höchsten Vertreters
des Islam in Ägypten, haben auch im Rest der islamischen
Welt Gewicht. Seine Rechtsgutachten gelten
zwar nicht als verbindlich, genießen aber größere
Autorität als die anderer Rechtsgelehrter.
Die Entwicklung der Azhar in den vergangenen
fünfzig Jahren wirft ein bezeichnendes Licht auf das
Verhältnis von Religion und Politik in Ägypten. Der
Staat hat in dieser Zeit die vollständige Kontrolle über
die offiziellen islamischen Institutionen übernommen.
Seit 1962 wird der Scheich al-Azhar direkt vom Präsidenten
ernannt, er ist somit ein Beamter des Staates.
Und so ist er meist bereit, die Politik des Regimes religiös
zu rechtfertigen.
Die Flexibilität, die die Azhar-Gelehrten bisweilen
an den Tag legen, ist erstaunlich. In den sechziger
Jahren, als Präsident Gamal Abd al-Nasser Bereiche
der Wirtschaft verstaatlichte, bemühte die Azhar den
Propheten Mohammed, um diese Politik zu rechtfertigen,
da auch er das Wohl des Gemeinwesens vor das
des Individuums gestellt hätte. Als Nassers Nachfolger
Anwar al-Sadat diese Maßnahmen wieder zurücknahm,
sich dem Westen zuwandte und die freie
Marktwirtschaft propagierte, änderte auch der Scheich
al-Azhar seine Meinung. Ein Kommunist sei ein Ungläubiger,
hieß es jetzt, weil dem Islam der Privatbesitz
heilig sei. Auch für den Frieden, den Sadat 1979
mit Israel abschloss, fanden die Rechtsgelehrten eine
Rechtfertigung in der Scharia. Er sei aus einer Position
der Stärke heraus erreicht worden, nachdem Ägypten
im Oktoberkrieg 1973 einen siegreichen Dschihad gegen
die israelischen Truppen gekämpft hätte. Der
Prophet Mohammed habe 628 ähnlich gehandelt, als

er mit den verfeindeten Clans von Mekka ein Friedensabkommen
schloss.
Anwar al-Sadat hatte die von säkularen und sozialistischen
Überzeugungen geleiteten Anhänger Nassers
verfolgen lassen und die Islamisten gefördert, um
diese Kräfteverschiebung für den eigenen Machterhalt
zu nutzen. Seine Wende zum Westen und zu Israel
erregte jedoch Anstoß in der islamistischen Welt
und führte 1981 zu seiner Ermordung durch islamistische
Militärs. Sein Nachfolger Hosni Mubarak regiert
seitdem mit dem Kriegsrecht und hält sich an der
Macht durch etwas mehr Distanz zum Westen, indem
er einerseits mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln
radikale wie gemäßigte Islamisten bekämpft und
andererseits Nachgiebigkeit gegenüber der Islamisierung
des öffentlichen Lebens bekundet. So werden
beispielsweise Intellektuelle auf „unislamische“ öffentliche
Äußerungen hin als Glaubensabtrünnige mit
Zwangsscheidungen von ihren Ehepartnern bedroht,
antiislamisch gewertete Veröffentlichungen von der
staatlichen Zensur verboten.

Türkei

Statistische Angaben
Von den 57 Millionen Einwohnern sind knapp 99
Prozent Muslime; ca. 80 Prozent sind Sunniten vorwiegend
hanafitischer Rechtsschule (türkisch: mezhep),
vor allem in der Südosttürkei aber auch schafiitischer
Rechtsschule; 15 bis 20 Prozent sind Alewiten
(esoterisch ausgerichtete Glaubensgemeinschaft, die
sich zur Zwölfer-Schia bekennt). Die Türkei belegt
Rang fünf der Staaten mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil.
Historische Grundlagen
Der Islam beginnt Ende des 11. Jhs. in Kleinasien
dauerhaft Fuß zu fassen. 1071 schlagen die Truppen
des Groß-Seldschuken Alp-Arslan (1063–1072) bei
Manzikert (Vansee) die byzantinischen Streitkräfte
und öffnen Anatolien turkmenischen Nomadenstämmen.
Der Mongolensturm (1242–1243) zerschlägt die
Macht der Seldschuken. Aus dem zusammenbrechenden
Reich bilden sich Kleinfürstentümer, darunter das
osmanische Emirat in Westanatolien unter Führung
von Osman I. (1281–1326), dem Ahnherren der osmanischen
Dynastie.
Um 1354 dringen osmanische Truppen erstmals
weit auf europäisches Gebiet vor: 1389 besiegen die
Osmanen auf dem Amselfeld (Kosovo) das serbische
Heer; 1453 erobert Mehmed II. (1451–1481) Konstantinopel
und benennt die Stadt in Istanbul um;
1460–1574 erringt das Osmanische Reich umfangreiche
Gebietsgewinne auf dem Balkan, in Vorderasien
sowie in Nordafrika und wird zur europäischen und
nahöstlichen Großmacht.
1571 verliert das Osmanische Reich in der Seeschlacht
bei Lepanto die Vorherrschaft im Mittelmeer;
1683 endet die zweite Belagerung Wiens (erste Belagerung
1529) mit der Niederlage am Kahlenberg;
1699 ist der Friede von Karlowitz der erste Vertrag in
einer Reihe von Abkommen, bei denen das Osmanische
Reich europäischen Boden preisgeben muss;
1839 setzt die Hohe Pforte Reformen zur Stärkung
des Reiches ins Werk (türkisch: tanzimat-i hayyrye);
bis 1913 gehen beinahe alle europäischen Besitzungen
verloren; das Osmanische Reich tritt an der Seite
der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg ein, im Oktober
1918 ist es besiegt, das Reich zerfällt.
England, Frankreich, Griechenland, Italien, aber
auch Armenier schicken sich an, die anatolische Restmasse
des Osmanischen Reiches unter sich aufzuteilen.
Die Siegermächte diktieren den Osmanen im Vertrag
von Sèvres (August 1929) einen Frieden, der den
Türken nur noch ein Rumpfgebilde ohne eigene Souveränität
als Staat zuerkennt. Unter Führung Mustafa
Kemals (1881–1938) beginnen die Türken den nationalen
Befreiungskampf (1919–1922), sie bringen Anatolien
sowie Ostthrazien mit Edirne unter Kontrolle.
Im Frieden von Lausanne (24. Juli 1923) erkennen die
Alliierten die neuen Grenzen an. Am 29. Oktober 1923
wird die Republik ausgerufen und damit gleichzeitig
offiziell das Sultanat abgeschafft.

Die Säkularisierung der türkischen Gesellschaft
Das Osmanische Reich war das letzte islamische
Vielvölkerreich, in dem die Gemeinschaft der Gläubigen
(arabisch: umma) über dem Konzept des Nationalstaates
stand: Der Islam allein galt als das die
Völker einigende Band, und das Kalifat war die Institution,
die über alle Grenzen hinweg die Muslime zusammenfasste.
Die osmanische Dynastie hatte sich
darauf berufen, den Kalifen-Titel 1517 bei der Eroberung
Ägyptens von dem letzten abbasidischen
„Schattenkalifen“ übertragen bekommen zu haben.
Im Prinzip mussten Politik und Gesetzgebung im Osmanischen
Reich mit der sharia, dem islamischen
Recht, übereinstimmen. Oberste Aufsicht führte der
Scheich ul-Islam.
Für den Republikgründer Mustafa Kemal, der 1934
mit dem Ehrentitel „Atatürk“ (Vater der Türken) versehen
wurde, trug der Islam die Hauptschuld am Verfall
des Osmanischen Reiches. Im Islam sah Atatürk auch
das größte Hindernis für seine ehrgeizigen Pläne, die
Türkei politisch, sozial, wirtschaftlich und kulturell an
Europa heranzuführen. An die Stelle des Islam trat als
Staatsideologie ein des Islam entledigter türkischer
Nationalismus. Atatürk verordnete eine konsequente
Säkularisierung der Türkei: Im März 1924 wird das Kalifat
abgeschafft; der letzte Kalif, Abdülmecid II., wird
des Landes verwiesen. Die Ministerien für sharia-Angelegenheiten
und religiöse Stiftungen sowie das
Amt des obersten Geistlichen, des Scheich ul-Islam
(türkisch: seyh ul-Islam) werden abgeschafft. Im April
1924 werden die Scheriatgerichte abgeschafft. Sämtliche
Schulen des Landes werden dem Unterrichtsminister
unterstellt. Dieser schließt als erstes die 479 höheren
Schulen für islamische Theologie (medrese).
Zum Schulbeginn im Herbst 1924 wird der Religionsunterricht
an den Gymnasien eingestellt; 1927 verschwindet
er aus den Mittelschulen, 1930 aus den
städtischen Schulen, 1938 aus den Dorfschulen. 1925
werden die Mausoleen (türbe) und Derwisch-Konvente
(tekke ve zaviye) geschlossen, die mystischen Bruderschaften
(tarikat) verboten. Damit soll der „Volksislam“
ausgeschaltet werden. Islamische Mystiker
(Sufis und Derwische) hatten im Osmanischen Reich
eine bedeutende Rolle im religiösen Leben der Bevölkerung
gespielt und verfügten auch bei Hofe über
beträchtlichen Einfluss. Für Atatürk stellten die Derwisch-
Orden all das dar, was er im traditionellen
Volksislam verachtete: Reaktion, Aberglaube, Fanatismus.
Die herausragenden Orden waren: Mevleviya,
Naqshbandiya und der Bektaschi-Orden. Von den
Derwisch-Orden ging zum Teil erbitterter Widerstand
gegen Atatürks Säkularisierung aus.
Im Artikel 2 der Verfassung von 1924 steht: „Die
Religion des türkischen Staates ist der Islam“. Dessen
ungeachtet wurden 1926 die auf der sharia fußenden
Gesetzbücher durch europäische Gesetzgebungen ersetzt:
durch das Schweizer Bürgerliche Gesetzbuch im
Zivilrecht, das italienische Strafrecht und das deutsche
Handelsrecht. 1928 wird Artikel 2 aus der Verfassung
gestrichen.
Atatürks Reformen erstreckten sich auch auf die äußeren
Anzeichen eines islamischen Staatswesens: 1925
muss der islamische Mondkalender dem Gregorianischen
Kalender weichen; 1926–1928 wird die arabische
Schrift durch das lateinische Alphabet ersetzt, das
Tragen des Fes verboten; von 1932 an ist der Gebetsruf
(ezan) anstatt auf Arabisch nur noch auf Türkisch erlaubt
(Anfang der 50er Jahre rückgängig gemacht),
1934 wird der Sonntag anstelle des Freitags zum wöchentlichen
Feiertag. 1937 werden die sechs Prinzipien
des „Kemalismus“ in die Verfassung aufgenommen:
a) Republikanismus, Gründung eines republikanischen
Regimes,
b) Populismus, Gleichheit der Bürger,
c) Nationalismus, Errichtung eines türkischen Nationalstaats,
d) Etatismus, bestimmende Rolle des Staates in der
Wirtschaft;
e) Reformismus, permanente dynamische Umformung
von Staat und Gesellschaft;
f) Laizismus, Trennung von Staat und Religion.
Mitte der 40er Jahre scheint das Konzept der säkularisierten
Türkei verwirklicht. Der Islam ist weitgehend
aus dem öffentlichen Leben verdrängt, jeglicher
offene Widerstand gegen den Laizismus gebrochen.
Die Wiederbelebung des Islam
Ende der 40er Jahre setzt eine erkennbare Wiederbelebung
des Islam ein. Verantwortlich dafür ist vor

allem die im Mai 1945 angekündigte und bei den ersten
freien Parlamentswahlen im Mai 1950 vollzogene
Abkehr vom Einparteienstaat und die Etablierung eines
Mehrparteiensystems. Das Bildungssystem wird
reislamisiert. Die ersten Revisionen des kemalistischen
Säkularisierungskonzepts fallen noch in die Regierungszeit
der auf Atatürk zurückgehenden Republikanischen
Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisil [CHP]).
1948 wird an den Grundschulen der freiwillige Religionsunterricht
eingeführt, in den Jahren darauf folgen
die städtischen Schulen, die Mittelschulen und
die Gymnasien. (Nach Artikel 24 der Verfassung von
1982 ist der Religionsunterricht für alle muslimischen
Schüler in den Primar- und Sekundarstufen verbindlich.)
1949 wird die seit dem Lehrjahr 1932/33 unterbrochene
Ausbildung islamischer Geistlicher und Gelehrter
wieder aufgenommen. In Ankara wird per Gesetz
die erste Theologische Fakultät eingerichtet; gegenwärtig
gibt es acht: an der Marmara-Universität in
Istanbul, in Samsun, Izmir, Erzurum, Kayseri, Konya,
Ankara und Bursa mit zusammen mehr als 8 200 Studenten.
Die Theologischen Fakultäten unterstehen
dem Amt für Höhere Bildung (Yüksek Ögretim Kurumu),
das die Kontrolle über den gesamten Lehrkörper
in der Türkei ausübt. Unter der Regierung des
1961 hingerichteten Adnan Menderes (Demokratische
Partei [DP]) werden 1951 die Imam-Hatip-Schulen
neu eröffnet. Diese Schulen sind als zweistufige,
weiterführende Bildungseinrichtungen konzipiert.
Nach vier Jahren Grundstudium können die Schüler
mit Mittelschulabschluss ausscheiden und als Imam,
Prediger und Koranlehrer arbeiten, oder sie können
eines der gegenwärtig 383 Imam-Hatip-Gymnasien
besuchen. Im Schuljahr 1990/91 besuchten 100 687
Schüler diese – seit 1983 als höhere Berufsschule anerkannten
– Gymnasien, deren Abschluss zum Universitätsstudium
aller Fächer berechtigt.
Seit 1971 gibt es Korankurse, die unter der Aufsicht
des Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten
(Diyanet Isleri Baskanligil [DIB], vormals Diyanet Isleri
Reisligil [DIR]) stehen. Mit den jährlich etwa 5 000 offiziellen
Kursen konkurrieren in zunehmendem Maße
zahlreiche inoffizielle Kurse antikemalistischer Orden
und Gruppen (Nurculuk, Süleymancilik und Naqshbandi),
die in der gesamten Türkei ca. 400 illegale
Koranschulen und Internate mit weit über 100 000
Schülern betreiben.
Artikel 68 der Verfassung von 1982 verbietet die
Gründung religiöser Parteien, die im Widerspruch zu
den säkularen Prinzipien der Republik stehen. Darüber
hinaus stellen die Artikel 163, 241 und 242 des
türkischen Strafrechts die Anwendung der Religion zu
politischem und privatem Vorteil unter Strafe. Insgesamt
fünf Parteien wurden seit Errichtung der Republik
wegen Verletzung dieser Gesetze verboten, darunter
die Volkspartei (MP) und die Nationale
Heilspartei (MSP).
[…]
Staatsislam und gegenwärtige Lage
Im Gegensatz zu den westlichen säkularen Staaten
besitzen die religiösen Organisationen in der Türkei
keine interne Autonomie. Die kemalistische Variante
des Säkularismus (laiklik) bedeutet eine umfassende
staatliche Kontrolle aller offiziellen religiösen Institutionen
und Bewegungen. Als oberste Aufsichtsbehörde
fungiert das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten
(DIB), das 1924 neben dem Generaldirektorium
für Religiöse Stiftungen (Vakiflar Genel Müdürlügü)
als Ersatz für das Amt des Scheich ül-Islam gegründet
wurde. Sein Vorsitzender, der vom Ministerpräsidenten
vorgeschlagen und vom Staatspräsidenten ernannt
wird, ist die höchste islamische Autorität in der
Türkei. 1989 unterstanden ihm 50 814 Imame, die gemäß
eines 1970 verabschiedeten Gesetzes Beamte
sind.
Vier Gruppen entziehen sich weitgehend dem Einfluss
des offiziellen Islam:
a) Die schiitischen Alewiten, die mit 15–20 Prozent
Bevölkerungsanteil eine beachtliche Minderheit
stellen, fühlen sich vom staatlich-religiösen Regelwerk
kaum angesprochen, da dieses weitgehend
am sunnitisch-orthodoxen Islam ausgerichtet ist.
Ob der jahrhundertelangen Spannungen mit den
Sunniten hatten viele Alewiten in den vergangenen
Jahrzehnten das kemalistische Säkularisierungskonzept
unterstützt.

b) Die Naqshbandi, ein auf Baha ud-Din Naqshband
(gestorben 1390 im mittelasiatischen Buchara) zurückgehender
Derwisch-Orden sunnitisch-orthodoxer
Prägung. Die Bruderschaft ist im gesamten
Land weit verbreitet, unterhält eigene Moscheen
und Koranschulen und praktiziert nach wie vor ihre
seit 1925 verbotenen rituellen Zusammenkünfte
(zikir). Dem Orden wird ein großer politischer
Einfluss nachgesagt.
c) Die Nurculuk (wörtlich: Schüler des Lichts) gehen
auf den kurdischen Naqshbandi-Scheich Said-i
Nursi (gestorben 1960) zurück. Sie treten für eine
stärkere Rückbesinnung auf Koran und Sunna unter
Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse
ein.
d) Die Süleymancilik leiten sich ebenfalls von einem
Naqshbandi-Scheich ab, Süleyman Hilmi Tunahan
(gestorben 1959), sie gelten als religiös-konservative
Vereinigung.
Seit 1960 hat das Militär in der Türkei dreimal die
Macht übernommen (27. Mai 1960, 12. März 1971, 12.
September 1980). Als einer der Hauptgründe wurde
jedes Mal die Wahrung des kemalistischen Erbes genannt,
zu dem vor allem der Säkularismus Atatürkscher
Prägung gehört. Der Islam hat aber trotz aller
Restriktionen mehr und mehr an Bedeutung gewonnen.
1976 wurde die laizistische Türkei Vollmitglied
der Islamischen Konferenz; 1983 erließ Ministerpräsident
Turgut Özal ein Gesetz, das die Gründung islamischer
Banken erlaubt, 1987 hob er die Beschränkung
auf, wonach jeder Türke nur einmal nach Mekka pilgern
darf. Özal war auch der erste Regierungschef der
modernen Türkei, der selber zur hajj nach Mekka aufbrach.
Während seiner Regierungszeit (1983–1989)
erfuhr der Islam eine deutliche Aufwertung. Özal setzte
damit gewissermaßen eine Tradition türkisch-konservativer
Regierungschefs der Nachkriegszeit fort: Je
weniger es der Regierung gelingt, die wirtschaftlichen
Schwierigkeiten zu meistern und die Hoffnung auf
Wohlstand zu erfüllen, desto mehr versucht sie, ihre
Klientel mit immateriellen Zugeständnissen zufrieden
zu stellen. Das heißt: Das kemalistische Laizismuskonzept
wird immer mehr aufgeweicht. In der Türkei
herrschen teilweise die gleichen sozialen und wirtschaftlichen
Bedingungen, die in anderen Staaten des
Nahen Ostens den islamistischen Gruppen Enttäuschte
und Hoffnungslose zutreiben. Sollte sich die wirtschaftliche
Lage des Landes verschlechtern, ist eine
Zunahme der Zahl islamistischer Gruppen nicht auszuschließen.

Indonesien

Samira hat sich kaum verändert, seit ich sie in Kairo
kennen lernte, wo sie, wie so viele indonesische
Studenten, an der Azhar-Universität studierte. Auch
ihre Eltern, die beide als Da’is, als öffentlich bedienstete
Koran- und Religionslehrer arbeiten, haben im
Ausland studiert und begrüßen mich in gepflegtem
Hocharabisch. Überall in ihrem weitläufigen Haus erinnern
Bilder und arabische Bücher an ihre Studienzeit
in Mekka.
Samiras Eltern waren mit einem veränderten Verständnis
des Islam nach Djakarta zurückgekehrt und
bemühen sich seitdem, den Islam nach den strengen
Regeln der schafi’itischen Rechtsschule zu leben und
zu lehren. Wie viele Religionsgelehrte kämpfen sie damit
gegen den „Adat-Islam“, einen in lokalen Traditionen
tief verwurzelten Volksislam, der mit vielen Elementen
anderer Religionen verschmolzen ist. In
eigens dafür vorgesehenen Räumen ihres Hauses versammeln
Samiras Eltern täglich Männer und Frauen
aus der Nachbarschaft, um sie im unverfälschten Islam
zu unterweisen, mit ihnen religiöse Übungen abzuhalten
und das Gemeinschaftsgebet zu verrichten.
Der weit verbreitete Adat-Islam spiegelt die gesellschaftliche
Vielfalt Indonesiens. Auf den 13 667 Inseln
leben zahlreiche ethnische Gruppen mit zum Teil eigenen
Sprachen. So verwundert es kaum, dass auch
der Islam, zu dem sich fast 90 Prozent der 190 Millionen
Einwohner bekennen, in unterschiedlichsten
Formen erscheint. Zusammen mit der christlichen

Minderheit und den vielerorts fortlebenden hinduistischen
und animistischen Traditionen ergibt sich ein
buntes Gesamtbild indonesischer Kultur.
Der religiös-kulturelle Konflikt um das richtige Verständnis
des Islam spielt auch in das politische Leben
hinein. Während die javanische Elite des Landes eher
dem einheimischen Adat-Islam und mystischen Traditionen
anhängt, berufen sich Oppositionelle häufig
auf den Islam der Gelehrten mit seiner universellen
Gültigkeit.
Erste islamische Organisationen bildeten sich bereits
im Widerstand gegen die niederländischen Kolonialherren.
Aus der studentischen Opposition der
sechziger Jahre ist inzwischen eine neue
Generation muslimischer Intellektueller hervorgegangen,
zu denen auch meine Gastgeber zu rechnen
sind.
Bei den lebendigen Veranstaltungen in ihrem
Hause mit Gebet und Diskussionen, aber etwa auch
mit Volkstanzdarbietungen beginne ich zu begreifen,
dass der indonesische Islam nicht jene randständige
Ausprägung islamischer Kultur ist, als die er lange angesehen
wurde, sondern dass er eine starke eigene
Gestaltungskraft besitzt.

Afrika (südlich der Sahara)

[…] Die afrikanischen Länder mit einer Bevölkerung,
die aus den Angehörigen vieler Religionen besteht
und in denen auch viele Muslime leben, ziehen
sich heute wie ein Gürtel von Dakar in Senegal quer
über den Kontinent bis nach Kenia. In all diesen Ländern
ist der Islam auf dem Vormarsch. Doch verläßliche
Zahlen gibt es nicht, weder über Zuwachsraten
noch über die Gesamtzahl schwarzafrikanischer Muslime.
[…]
Die Attraktivität des Islams für viele Afrikaner ist
leicht zu erklären: Die Gemeinschaft hat Vorrang vor
dem einzelnen, es gibt eine klare Aufteilung der Rollen
von Frau und Mann, und Polygamie wird geduldet.
Hinzu kommt die Enttäuschung über „westliche“
Werte. Das gilt auch für demokratische Regierungssysteme,
die aus der Sicht der einfachen Leute zu
nichts geführt haben außer zu Wahlfälschungen, die
es den korrupten Eliten erlauben, sich weiter zu bereichern.
Der Islam hingegen verspricht zumindest
Recht und Gerechtigkeit. […]
In den ostafrikanischen Ländern, etwa Kenia und
Tansania, waren Muslime in der Vergangenheit systematisch
von der Macht ausgeschlossen gewesen. Das
hat zu einer Radikalisierung geführt, die heute die
Machteliten politisch unter Druck setzt. […]
In Somalia wiederum, das verdächtigt wird, eine Art
Hinterhof des Fundamentalismus in Afrika zu sein, hatte
der Zusammenbruch des Staates zu Beginn der
neunziger Jahre eine verschärfte Form der Scharia hervorgebracht.
Deren drakonische Strafen konnten die
allgegenwärtige Gewalt zumindest verringern. Ein
Grund, weshalb sich Somalia dafür ausspricht, die
Scharia beizubehalten. In Afrika gibt es aber auch zahlreiche
Beispiele für ein tolerantes Miteinander der Religionsgemeinschaften:
Senegal, Mali, Burkina Faso,
Kamerun und – trotz der politischen Wirren im vergangenen
Jahr – auch die Elfenbeinküste gehören dazu. […]
Dennoch sieht sich etwa die Regierung des muslimischen
Niger heute an vorderster Front gegen einen
von Nordnigeria ausgehenden Fundamentalismus. […]

Selbst in traditionell liberalen muslimischen Ländern
wie etwa Mali, von wo aus der Islam sich vom
14. Jh. an über Westafrika verbreitete, sind die Stimmen
der Scharfmacher nicht länger zu überhören.
Auch dort rekrutieren radikale Muslime in den Elendsvierteln
Anhänger und finden vor allem bei jungen
Arbeitslosen Gehör. […]
In Sudan und Tschad wiederum gehörte das Gewaltmonopol
über Jahrzehnte den Muslimen der
Nordregionen. Heute schlägt das Pendel zur anderen
Seite aus. Im christlichen Süden Tschads soll in den
kommenden Jahren Öl gefördert werden, und die
Führer der christlichen Gruppen werden plötzlich
vom Norden umworben. Das ist ein weiteres Beispiel
dafür, daß die Religion häufig nur das Feigenblatt für
einen Kampf um Ressourcen ist.

USA

Die meisten amerikanischen Muslime sind Sunniten,
eine Minderheit Schiiten und eine kleine Minderheit
Angehörige der „Nation of Islam“, geleitet heute
von dem charismatischen Louis Farrakhan. Die amerikanischen
Muslime sind eine Mischung von zum Islam
konvertierten Afro-Amerikanern (etwa ein Drittel),
Einwanderern aus Asien und dem Nahen Osten
und Kinder von Einwanderern. Sie leben hauptsächlich
in Kalifornien, New York, New Jersey und in Michigan.
Aber keiner weiß so richtig, wie viele Muslime es
wirklich gibt in den USA. Muslimische Verbände sprechen
von sechs bis sieben Millionen; stimmt das, lebten
in den USA mehr Muslime als Juden.
Einer aktuellen Studie des American Jewish Committee
zufolge ist das übertrieben. Es gebe in Wirklichkeit
nur zwischen 1,5 Millionen und 3,4 Millionen
Muslime. Ein Experte der Encyclopedia Britannica
schätzt 4,1 Millionen, das Hartford Institute for Religious
Research kam zum Schluss, dass etwa 2 Millionen
Amerikaner mindestens einmal im Jahr zur Moschee
gingen. Die Zahl derer, die sich mit dem Islam
identifizieren, sei aber wesentlich höher. Hinter den
widersprüchlichen Erhebungen stecken politische
Interessen, aber auch wirkliche Probleme: Nirgendwo
in den USA, im Land der Religionsfreiheit, gibt es offizielle
Zahlenangaben über Religionszugehörigkeit.
Die amtliche Volksbefragung interessiert sich für
Hautfarbe, Beruf, Einkommen und vieles mehr: Nach
dem Glauben darf aber nicht gefragt werden.
Doch was immer auch stimmen mag: Die USA sind
in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten von
einem jüdisch-christlichen […] zu einem multireligiösen
Land geworden. […] Die Muslime […] haben den
größten Zulauf unter den neuen Religionen. Mehr als
1 300 Moscheen stehen heute in den USA – doppelt
so viele wie vor 15 Jahren. […]

Russland

In der Russischen Föderation stellen Muslime die
zweitgrößte Religionsgruppe nach den russisch-orthodoxen
Christen. Zahlenangaben schwanken zwischen
8,5 und 21 Mio., aber verlässliche Daten fehlen, da
zum einen Religionszugehörigkeit nicht offiziell erfasst
wird, zum anderen eine klare Trennung zwischen islamischem
religiösem Bekenntnis und ethnischer „muslimischer“
Identität oft nicht erfolgt. Wie in anderen

Staaten der ehemaligen Sowjetunion zeichnet sich
allerdings auch in Russland eine klare Wiederbelebung
und Neuformierung islamischer Gemeinden und
Institutionen ab. Die meisten Muslime Russlands leben
in den autonomen Republiken des nördlichen Kaukasus,
aber auch in Zentralrussland (mit Moskau), in den
Republiken Tatarstan und Baschkortostan im Wolga-
Uralgebiet und in Sibirien sind sie stark vertreten.
Nach langer Unterdrückung religiöser Aktivitäten
in der Sowjetunion werden seit 1990 verstärkt neue
Moscheen und Lehranstalten gebaut. Die institutionelle
Gliederung der islamischen Gemeinden wurde
mit Zentren in Moskau und Ufa ebenfalls neu organisiert,
wobei die Kaukasusregionen eine Sonderstellung
einnehmen.
Schon seit 1552 Ivan IV. die Tatarenkhanate von
Kazan und Astrachan eroberte, waren muslimische Regionen
ein fester Bestandteil Russlands. Durch diese
frühe Zugehörigkeit kamen die tatarischen Muslime
am intensivsten mit russischer und westlicher Kultur
in Berührung und entwickelten im 19. Jh. eine islamische
Reformbewegung. In den Wolgabezirken von Kazan,
Astrachan und Orenburg blühten islamisches
Buchwesen und nationale Literaturen. Im Gegensatz
dazu wurden die muslimischen Regionen des Nordkaukasus
erst im 18. und 19. Jh. gegen harten Widerstand
von Russland erobert. Im Kaukasus ist neben islamischem
Traditionalismus auch eine Vielzahl lokaler
islamischer Kulturen beheimatet, in denen Sufi-Bruderschaften
eine wichtige Rolle spielen. Insbesondere
in Daghestan findet sich auch eine gelehrte Tradition
mit breiter Kenntnis des Arabischen auf der Basis systematischer
handschriftlicher Überlieferung.
Im Gegensatz zur Mehrheit der ex-sowjetischen
Muslime, die der hanafitischen Rechtsschule angehören,
sind die Muslime Daghestans Shäfi’iten. Die Muslime
Russlands bilden keine geschlossene Einheit und
verfolgen auch unterschiedliche Interessen, die oft
stärker ethnisch als religiös bestimmt sind. Ebenso ist
die offizielle Politik Russlands gegenüber dem Islam
nach innen und außen nicht widerspruchsfrei. Offene
Polemik gegen islamische Terroristen im Kaukasus
und die Furcht vor dem Import von islamischem Fundamentalismus
aus den angrenzenden Ländern
Mittel- und Zentralasiens stehen neben einer offenen
Religionspolitik, die Konfessionsfreiheit weitgehend
garantiert.

Europa

Die wachsende Präsenz des Islams und der Muslime
in Europa ist durch zwei zeitlich versetzte, dabei
jedoch eng miteinander verknüpfte Entwicklungen
bestimmt. Zunächst ließ die wirtschaftliche und imperiale
Expansion des 19. und frühen 20. Jh. viele Muslime
teils zu Untertanen, teils zu Verbündeten und
Partnern europäischer Staaten werden und fixierte
den Nahen Osten und viele andere islamisch geprägte
Regionen politisch, wirtschaftlich und kulturell
nachhaltig auf die europäischen Metropolen.
Die Beziehungen und Orientierungen, die dadurch
geschaffen wurden, blieben grundlegend auch für die
Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die europäischen
politischen Imperien lösten sich auf; zugleich aber
setzten große Ströme der Bildungs- und Arbeitsmigration
von Muslimen ein, die nach und nach in unterschiedlichem
Maße praktisch alle europäischen Staaten
erreichten.
Neben die altansässigen muslimischen Volksgruppen
und Minderheiten im europäischen Teil der UdSSR
(besonders Tataren, Baschkiren, Tschetschenen, Daghestaner)
sowie in den […] Balkan-Staaten (Bulgarien,
Albanien, Jugoslawien, Griechenland) traten seit dem
Zweiten Weltkrieg neue muslimische Migrantengemeinschaften
in die Staaten Nord-, Mittel- und Westeuropas
und den Mittelmeerraum ein. […] Bildungsmigranten
kamen teils auf persönliche oder familiäre
Initiative, teils im Rahmen staatlicher und internationaler
Programme, die dem Aufbau der Bildungs- und Verwaltungsinstitutionen
des Heimatlandes dienen sollten.
Viele von ihnen etablierten sich auf Dauer, freilich
mit unterschiedlichem Erfolg, in den Gastländern. Von
ihrer nationalen und ethnischen Herkunft stellten sie
meist eine äußerst heterogene, vorwiegend allerdings
urban geprägte Gruppe dar. Sie heirateten häufig in
die einheimische Gesellschaft ein und engagierten sich
Projektübergreifende Materialien
3. Gegenwartsfragen Materialien

nicht selten in politischen und sozialen Organisationen
des Ziellandes.
Die Arbeitsmigration war zahlenmäßig von ungleich
größerem Gewicht. In verschiedenen europäischen
Ländern führte der wirtschaftliche Aufstieg seit
den 1960er Jahren zu einem großen Bedarf an Arbeitskräften,
der nicht zuletzt auch große Zahlen
muslimischer Migranten anzog. Ausschlaggebend für
die Wahl des Ziellandes waren meist die historischen,
politischen und rechtlichen Beziehungen, die das Heimatland
mit der ehemaligen Hegemonialmacht oder
mit einem ehemaligen Alliierten verbanden.
So etablierte sich in jedem Land eine klare mehrheitliche
Dominanz einzelner ethnisch-nationaler
Herkunftsstaaten. In Großbritannien waren dies Pakistan
und Indien, in Frankreich die Staaten des Maghreb,
in den Niederlanden Indonesien, in der Bundesrepublik
die Türkei. Trotz der Unterschiede in der
ethnisch-nationalen Zusammensetzung vollzog sich
der Aufbau der Gemeinschaften in den verschiedenen
Ländern auffällig parallel. Die Arbeitsmigranten
kamen vorwiegend aus ländlichen Gebieten des Heimatlandes,
besaßen selten mehr als eine elementare
Schulbildung und waren in starkem Maße durch die
heimischen religiösen und familiären Strukturen geprägt.
In den meisten Fällen kamen zunächst nur
männliche Arbeitskräfte, die nach mehrjährigem Aufenthalt
ihre Familien nachholten. In dieser Phase begann
der Aufbau religiöser und ethnisch-nationaler
Vereine und Organisationen, der vielfach der religiöspolitischen
Landschaft des Heimatlandes entsprach,
aber später auch auf diese zurückwirkte.
Die Versuche der europäischen Länder, den Zuzug
der Migranten durch Gesetzesänderungen zu stoppen,
hatten oft zunächst den gegenteiligen Effekt einer
verstärkten Zuwanderung. Bis zu Beginn der
1990er Jahre konsolidierten sich die Migrantengemeinschaften
dann in ihrem heutigen Umfang, der in
manchen europäischen Staaten wie Frankreich und
Deutschland eine Bevölkerungsgruppe von mehreren
Millionen Muslimen etablierte.
Die Alters- und Beschäftigungsstruktur der muslimischen
Gemeinschaften hat sich allerdings wesentlich
verändert: Da der Nachzug jüngerer Erwachsener
weitgehend ausbleibt, steht einer stark expandierenden
Zahl muslimischer Jugendlicher eine wachsende
Überalterung der Erwachsenen gegenüber. Ferner
hat die Zahl der Selbstständigen gegenüber den abhängig
beschäftigten Arbeitern stark zugenommen.
Dies verschiebt allmählich auch das Image der Muslime
im lokalen Umfeld. […] Generell hat sich mit der
Konsolidierung und partiellen Einbürgerung großer
muslimischer Migrantengruppen auch die Bedeutung
des Islams in Europa verändert. Während die Religion
für die muslimischen Bildungsmigranten in ihrem Bemühen
um soziale Integration im Zielland nicht selten
in den Hintergrund trat, rückte sie für die Arbeitsmigranten
geradezu ins Zentrum ihrer Bemühungen um
die Konsolidierung ihrer Gemeinschaften und ihrer
sozio-kulturellen Identität.
Mit dem Nachholen der Familien begann daher
auch die Gründung eigener Moscheen, zumeist durch
Anmietung von Wohnungen oder leer stehenden Fabrikgebäuden,
und der Aufbau islamischer Vereine,
Organisationen und Verbände. Manche islamischen
Gruppen gewannen durch die neuen Organisationsstrukturen
und die finanzielle Unterstützung ihrer Anhänger
in Europa auch in ihrer Heimat erheblich an
Gewicht.
Die Beziehungen der Muslime zu den kommunalen
Institutionen und zur einheimischen Bevölkerung erzwangen
dabei nicht selten eine Zusammenarbeit von
islamischen Gruppen, die sich in der Heimat heftig bekämpften.
Aber auch die Beziehungen zwischen den
Gemeinschaften der Arbeitsmigranten und den Angehörigen
der muslimischen Bildungsschicht waren alles
andere als einfach, und sowohl die politischen als
auch die religiösen Orientierungen gehen bei ihnen
zuweilen weit auseinander, wie nicht zuletzt die Rushdie-
Affäre deutlich werden ließ. Andererseits führte
die wachsende Zahl der Ehen zwischen Muslimen und
Einheimischen aber auch zu einem Anwachsen der
Konversionen zum Islam, insbesondere bei Frauen. […]
Die kommunale Integration der verschiedenen
muslimischen Gemeinschaften bietet bis heute viele
Reibungsflächen und Konflikte, die von der Genehmigung
von Moscheebau und Gebetsruf bis zu Schulunterricht
und Schulspeisen und zur Kleidung der
Frauen und Mädchen reichen. Fragen der rechtlichen

Anerkennung des Islams und des islamischen Religionsunterrichtes
sowie der Zulässigkeit des Kopftuches
für Musliminnen in Schule und öffentlichen Institutionen
werden in fast allen europäischen Ländern
sehr kontrovers diskutiert, da sie vielfach die grundsätzlichen
Einstellungen zum Verhältnis von Religion
und Staat berühren.
Einheimische Konvertiten und Vertreter der muslimischen
Migrantengruppen finden hierbei offenbar
zunehmend zu gemeinsamen Positionen. Während
grundsätzliche Klärungen politischer und juristischer
Fragen bisher weitgehend ausgeblieben sind, verstärkt
sich trotz aller Spannungen vielerorts die pragmatische
Suche nach tragfähigen Kompromissen, die
geeignet sind, ein dauerhaftes Zusammenleben mit
muslimischen Gemeinschaften und schließlich auch
die Integration des Islams in das öffentliche Leben in
Europa zu fördern.

Deutschland

Muslime in Deutschland
Rund 3 Mio. Menschen muslimischen Glaubens leben
gegenwärtig in Deutschland. Da der Islam etwas
Vergleichbares wie Konfessionen oder gar Kirchen
nicht kennt, ist nur ein Teil der hier lebenden Muslime
organisiert, und zwar in einer Vielzahl von Verbänden
und Gruppierungen, die zu überschauen und einzuordnen
den meisten Deutschen schwer fällt. Erst
recht gilt das für eine Bewertung unter dem Aspekt
der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz […]
Die verschiedenen muslimischen Gruppen in
Deutschland
Der Islam wird in Deutschland durch Vereine, Dachund
Spitzenverbände repräsentiert. Allerdings kann
keiner der im Folgenden aufgeführten Spitzen- und
Dachverbände für alle Muslime in Deutschland sprechen,
und überhaupt nur 10 bis 15 Prozent der hiesigen
Muslime dürften in diesen Verbänden erfasst
sein. Zum einen vertreten sie weder die 400 000 bis
600 000 türkischen Aleviten, die sich eigenständig organisiert
haben, noch die aus dem offiziellen Islam
ausgeschlossenen 60 000 pakistanischen Ahmadis,
die sich selber sogar als „die besten Muslime“ betrachten,
noch die meisten Sufi-Derwisch-Orden, die
von traditionellen Muslimen als „heterodox“ bezeichnet
werden. Vor allen Dingen nehmen sie nicht die
Interessen der immer noch schweigenden Mehrheit
der hier lebenden Muslime wahr, die ihre eigenen
Vorstellungen endlich nachdrücklich einbringen müssen,
zumal nicht wenige von ihnen vor dem Schari’a-
Islam in ihren Herkunftsländern geflohen sind […].
Die nächstgroße muslimische Gruppe bilden –
Stand: Ende Dezember 1999 – mit abnehmender Tendenz
die Bosnier mit rund 168 000 Personen. Dann
kommen mit etwa 115 000 die Iraner, gefolgt von den
Marokkanern mit 81 000; 71 000 kommen aus Afghanistan,
51 000 Personen (überwiegend Muslime) aus
dem Irak, 38 000 aus Pakistan.
Um die 3 Mio. Muslime leben in Deutschland, davon
gut 2 Mio. (2 053 564) Türken. Es gibt außerdem
schätzungsweise 100 000 bis 120 000 deutschdeutsche
Muslime, die meist aufgrund ihrer Heirat mit einer
Muslimin oder mit einem Muslim zum Islam konvertiert
sind. Groben Schätzungen zufolge dürften
hierzulande ferner etwa 650 000 eingebürgerte Muslime
nicht nur türkischer Abkunft leben, die nicht mehr
in der Ausländerstatistik berücksichtigt werden.
Vier große Spitzenorganisationen
Derzeit gibt es vier große Spitzenorganisationen: die
türkei-staatliche DITIB (Diyanet Iseri Türk Islam Birligi,
Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion);
den von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs
(IGMG) mit ihren zahlreichen Untergliederungen dominierten
Islamrat der Bundesrepublik Deutschland;
ferner den Zentralrat der Muslime in Deutschland
(ZMD); schließlich den nunmehr unabhängigen Verband
der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) mit seinen
304 Moscheegemeinden und 21 000 Mitgliedern, der
im August 2000 den Zentralrat verlassen hat. Dazu
kommen regionale Dachverbände wie die von Muslimbrüdern
gegründete Islamische Religionsgemeinschaft
Hessen (IRH) oder die Schura in Hamburg, in
der die IGMG großen Einfluss hat. Die meisten dieser
Verbände sind türkisch, nämlich DITIB, IGMG und

VIKZ. Im Übrigen sind die Dachverbände gespalten in
die semi-säkulare DITIB und in die restlichen antisäkularen
Organisationen.
DITIB mit Sitz in Köln ist der größte Dachverband
mit 776 Mitgliedsvereinen. Er ist eine Dependance
der staatlichen Religionsbehörde in Ankara (Diyanet
Isleri Baskanligi, Präsidium für Religionsangelegenheiten),
deren Präsident qua Amt auch Ehren- und Beiratsvorsitzender
von DITIB ist. DITIB vertritt die Interessen
und die Politik des semi-säkularen türkischen
Staates, die auch der Vorsitzende in seiner gleichzeitigen
Funktion als Botschaftsrat absichert. Die Imame
lernen neuerdings Deutsch, aber nicht um die Integration
zu fördern, sondern um auch die deutschsprachigen
Türken betreuen zu können. DITIB beharrt auf
türkischsprachigem Religionsunterricht, in dem die
Kinder mit Hilfe der offiziellen Religionsschulbücher
zu guten türkischen Staatsbürgern erzogen werden
sollen. Als Ableger des türkischen Staates ist DITIB
auch politischer Spielball der jeweiligen dortigen Regierungskoalitionen
und deshalb kein stabiler Faktor.
DITIB ist mit Sonderkonditionen für deren Imame bei
der Einreise nach Deutschland ausgestattet, weil man
von dieser Organisation zu Recht erwartet, dass von
ihr unter den derzeitigen Bedingungen keine antiwestlichen,
antichristlichen und gegen unsere Verfassung
gerichteten Impulse ausgehen.
Die anderen im Folgenden aufgeführten Spitzenverbände
und ihre Mitgliedsvereine sind nicht minder
stark von ihren Herkunftsländern abhängig als DITIB
von der Türkei; aber sie sind islamistischen Parteien,
Regierungen oder sogar Organisationen zuzuordnen,
die in den islamischen Ländern verboten sind, wie etwa
die vom Verfassungsschutz als „extremistisch“ eingestuften
Muslimbrüder. Sie vertreten in dem breiten
Spektrum des Islam nur eine einzige Ausrichtung,
wenn auch in Varianten, nämlich den politisch orientierten
Islam. Die meisten der hiesigen Muslime
haben allerdings keinerlei Berührung mit diesen Organisationen
und kennen selbst als eingetragene Mitglieder
oft deren eigentliche Intention nicht.
Der Islamrat und Milli Görüs
Der Islamrat der Muslime in Deutschland mit Sitz in
Bonn als zweitgrößter Dachverband besteht – neben
der wichtigen Jama’at-un Nur (Nurculuk) und winzigen
weiteren Vereinen – im Wesentlichen aus der türkischen
Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) mit
der vorstandsidentischen EMUG (Europäische Moscheebau
und -unterstützungsgesellschaft) und deren
zugeordneten Organisationen und Vereinen, die oft
weder im Namen noch in der Satzung als der IGMG zugehörig
zu erkennen sind, wie IHH (Internationale Humanitäre
Hilfsorganisation e.V.), Selpa Lebensmittelhandel,
Islamische Union Europa und deren juristische
Nachfolgeorganisation MSB (Muslimischer Sozialbund),
GMSG (Gesellschaft Muslimischer GeisteswissenschaftlerInnen),
IPD (Institut für Internationale Pädagogik
und Didaktik), DIF (Deutschsprachige Islamische Frauengemeinschaft),
Muslim Studentenvereinigung in
Deutschland oder zahlreiche islamische Föderationen
wie die Islamische Föderation Berlin.
Die IGMG gibt an, europaweit über 1 091 Organisationen
und über 2 137 Zweigstellen mit 17 841 Verwaltungsbeamten
(idareci) zu verfügen.

Der Zentralrat der Muslime
Der arg geschrumpfte Zentralrat der Muslime in
Deutschland (ZMD) hat nach dem Ausstieg von VIKZ
seinen Sitz von Köln nach Eschwege verlegt. Diesem
multiethnischen Spitzenverband gehört als einziger
türkischer Verein ATIB (Avrupa Türk-Islam Birligi,
Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa)
an. 20 Mitglieder des Zentralrats sind ansonsten
das Islamische Zentrum von Aachen, das den syrischen
Muslimbrüdern, und das von München, das
den ägyptischen Muslimbrüdern zuzuordnen ist,
außerdem das schiitische Islamische Zentrum Hamburg,
die deutschsprachigen Muslime vom Haus des
Islam, die Muslimische Studentenvereinigung, die
Deutsche Muslim-Liga Bonn, die Deutsche Muslim-Liga
Hamburg, Albaner, Bosniaken etc. Der Zentralrat
nimmt in Pressemitteilungen und im Internet zu aktuellen
Themen Stellung. Wiewohl zahlenmäßig recht
klein, ist er insbesondere durch seinen engagierten
Vorsitzenden Dr. Nadeern Elyas politisch wirksam. Der
im Jahr 2001 ernannte Generalsekretär des Zentralrates,
Dr. Ayyub Kähler, gehört zu den bedeutendsten
Vertretern des hiesigen Islam.
Der Verband der Islamischen Kulturzentren
Der in Köln beheimatete Verband der Islamischen
Kulturzentren (VIKZ) hat sich offenbar nicht erneut
an einen Spitzenverband gebunden, nachdem er ja
schon einmal dem Islamrat den Rücken gekehrt hatte.
Seine Moscheen sind klar als dem VIKZ zugehörig gekennzeichnet.
Schriften werden kaum publiziert. Von
ihren früheren heftigen antisemitischen und antichristlichen
Äußerungen haben sie sich längst offiziell
distanziert. VIKZ ist ein Verband der Süleymancis, die
ihre Ordenszugehörigkeit allerdings nur sehr ungern
zugeben – schon um nicht als Häretiker zu gelten. Sie
sind eine endogame Sufi-Gruppe. Ein Süleymanci darf
nur hinter einem Süleymanci beten und er darf nur
das Fleisch eines von einem Süleymanci rituell geschlachteten
Tieres verzehren.

Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen
Rechts?

Vereinfacht dargestellt sind es diese nicht mit letzter
Rechtssicherheit beantworteten Probleme, die dafür
verantwortlich sind, dass die Anerkennung des Islam
als Körperschaft des öffentlichen Rechts bis heute in

keinem Bundesland erfolgt ist. Ebenso ist keine dauerhafte
Regelung für islamischen Religionsunterricht
erreicht, obwohl dies ein garantiertes Grundrecht ist
und Konsens darüber zu herrschen scheint, dass die
muslimischen Kinder in ihrer religiösen Identität gefestigt
werden müssen, ein Gedanke, den auch – vielleicht
nicht ganz uneigennützig – die Kirchen beider
christlicher Konfessionen massiv unterstützen.
Vielerorts wurden islamische Curricula entwickelt,
z. B. von DIF (Deutschsprachige Islamische Frauengemeinschaft
– d. Red.) und dem Zentralrat. Die Ausbildung
der Imame wird von etlichen Organisationen eigenständig
betrieben. In Deutschland bilden z. B. DIF
oder seit Februar 2001 der umstrittene ehemalige
Vorsitzende der Islamischen Religionsgemeinschaft
Hessen Amir Zaidan mit dem Projekt „Deutschsprachige
Ausbildung in Islamologie“ in Berlin, Frankfurt
und München muslimische Islamwissenschaftler aus.
Die Schaffung eines Lehrstuhls für Islamische Theologie
an hiesigen Universitäten wird in Hamburg, Frankfurt,
Essen und andernorts diskutiert.
Wie aber ist die Sicherheit gegeben und wie ist
überprüfbar, dass diese Religionslehrer nicht die
Schari’a als einzig wahre islamische Lebensform anpreisen
und dass sie unser Grundgesetz mit den Menschenrechten
nicht nur als eine bedauerlicherweise
unter den hiesigen Diaspora-Bedingungen zu ertragende
Kompromisslösung vermitteln? Diese Unklarheit
betrifft grundsätzlich alle islamischen Organisationen
mit Ausnahme von DITIB.

Eine Innensicht
[…] In einer gewachsenen Gesellschaft wie einer
Großfamilie oder einer traditionellen Dorf- oder Stadtteilgemeinschaft
in der islamischen Welt war es darüber
hinaus selten ein Problem, vertrauenswürdige
Männer und Frauen zu finden, an die man sich in Fällen
von Zweifeln, Fragen, Krisen, Konflikten und Problemen
um Rat und Hilfe wenden konnte, denn der
Ruf von Wissen, Erfahrung und Weisheit verbreitete
sich schnell. Eine besondere Stellung hatten dabei
seit jeher die Lehrerinnen und Lehrer der Religion, vor
allem im Zusammenhang mit den mystischen Traditionen
und Sufiorden, wo man sich besonders mit der
spirituellen Entwicklung des Einzelnen befasste.
Muslime in Deutschland
Während diese Strukturen auch im Orient immer
mehr in den Sog der Großstadtanonymität geraten,
haben sie in Deutschland, wo es erst seit der Zeit des
Wirtschaftswunders Muslime in größerer Zahl gibt,
noch gar nicht richtig wachsen können. Erst allmählich
entsteht aus den zunächst improvisierten, dann
weitgehend auf die Bedürfnisse der unmittelbar eigenen
Gemeinde zentrierten Moscheen eine übergreifende
religiöse Infrastruktur.
Zu den Kaufleuten, Studierenden und Arbeitsmigranten
und ihren Familien, die ursprünglich nicht
auf einen dauerhaften Aufenthalt eingestellt waren,
ist eine neue Generation hinzugekommen, die in
Deutschland aufgewachsen, in verschiedenen Berufsgruppen
tätig und in vielen gesellschaftlichen Bereichen
aktiv ist.
Hinzugekommen sind auch Dachorganisationen
(z. B. der Zentralrat der Muslime in Deutschland, ZMG,
mit Sitz in Köln), Foren (z. B. die Konferenz der Muslime
Hamburgs, KMH), Netzwerke (z. B. das Frauennetzwerk
HUDA) und Berufsorganisationen von Ärzten,
Geisteswissenschaftlern usw. Sie vertreten nach außen
hin gemeinsame Interessen und vermitteln
untereinander Informationen, u. a. auch darüber, an
welche Personen oder an welche der neu entstandenen
Institutionen man sich mit rechtlich-ethischen
oder theologischen Fragen oder auch mit persönlichen
Problemen und Zweifeln wenden kann.
Mittlerweile gibt es auch eine wachsende Anzahl
von Männern und Frauen, die sowohl über eine entsprechende
Ausbildung (oftmals Studium in einem
oder mehreren islamischen Ländern; Studienmöglichkeiten
in Deutschland sind im Aufbau) verfügen als
auch mit der hier vorhandenen besonderen Problematik
vertraut sind. […]
Wanderer zwischen den Welten
Das Leben als Muslim im heutigen Deutschland ist
weitgehend ein Leben zwischen den Werten mehrerer
Kulturen und Sichtweisen. Es ist nicht ein Leben
zwischen zwei heilen Welten, bei dem sich Fragen oft
mit einem einfachen Entweder-oder beantworten lie-

ßen, sondern es ist ein Leben zwischen Welten, die jeweils
für sich in einer rapiden Umwandlung begriffen
sind und ihre eigenen Komplexitäten und Widersprüche
enthalten. In diesem Spannungsfeld bekommen
soziale Schwierigkeiten, Familienkonflikte und Veränderungen
innerer Überzeugungen noch einmal eine
zusätzliche Dimension. So kommt etwa zu Armut und
Arbeitslosigkeit außer einem unsicheren aufenthaltsrechtlichen
Status oft noch zusätzlich die Diskriminierung
aufgrund eines südländischen Aussehens
und/oder religiöser Lebensäußerungen.
Ehe- und Generationskonflikte erhalten, vor allem
in bikulturellen Familien, den Anstrich eines Kulturkampfes.
Glaubens- und Orientierungskrisen bekommen
auch dann, wenn es sich um normale Erfahrungs-
und Erkenntnisprozesse handelt, oft die
Intensität eines Weltuntergangs, vor allem dann,
wenn Anspielungen auf das historische Konkurrenzverhältnis
der beiden Schwesterreligionen Christentum
und Islam eine Rolle spielen. Missverständnisse,
Halbwissen und Vorurteile tragen das ihrige zu diesem
Szenario bei und bewirken verschiedene Reaktionen:
radikale Abwehr, Flucht in ideale Traumwelten,
ungeduldige Suche nach Wurzeln, Resignation, Trotz,
psychosomatische Störungen, Verwirrung angesichts
einer Vielzahl von widersprüchlichen Zielen, extremistische
Standpunkte und ähnliches, und zwar durchaus
auch mehrere davon nacheinander in verschiedenen
Lebensphasen. Die Herausforderung, die aus
mehreren Richtungen empfunden wird, verstärkt die
Frage nach dem eigenen Woher und Wohin und nach
dem Sinn des Lebens, und sie veranlasst zur verstärkten
Besinnung auf und Auseinandersetzung mit Religion.
[…]

Eine ganze Generation junger Muslime musste
sich so gut wie allein und ohne Leitbilder durch einen
regelrechten Werte- und Normendschungel kämpfen,
begleitet von vielen traumatischen Erfahrungen und
Ängsten. Die Ängste übertragen sich oft auch auf das
Gottesbild. Befürchtungen und Hoffnungen über die
unmittelbare eigene Zukunft, ja über dieses irdische
Leben hinaus sind nicht nur in Krisenzeiten wie
Krankheit oder Verlust aktuell, sondern direkt mit diesen
Orientierungsfragen verbunden. Viele Muslime
sind gern bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn
sie damit auf längere Sicht Gutes bzw. Gottes Wohlgefallen
erlangen können.
Bei allen Fragen der Lebensgestaltung geht es also
nicht nur um Orientierung in einem Labyrinth von
Möglichkeiten und Hindernissen, sondern darum, ob
Pläne und Entscheidungen richtig oder falsch sind,
und ob gegenwärtiges Leid womöglich eine Strafe für
vergangene Fehler ist.
Im Islam gibt es keine Beichte. Grundsätzlich ist es
eine Sache zwischen dem Individuum und seinem
Schöpfer, durch Einsicht in Fehler und Schwächen,
Umkehr und ggf. Versöhnung mit den Mitmenschen
Vergebung zu erlangen. Aber gerade darum ist es erforderlich,
immer wieder an die göttliche Barmherzigkeit
zu erinnern, wie sie Sinn und Ziel des Qur’an ist.
Aus islamischer Sicht ist der Mensch ein vom Schöpfer
gewolltes Geschöpf, wenn auch ein in der Entwicklung
befindliches, so dass Fehler und Schwächen immer
wieder Begleiterscheinungen sind. Damit kann man
zwar beträchtlichen Schaden anrichten, sie können
aber auch überwunden werden, mit der Möglichkeit,
daraus zu lernen und Segen zu erfahren. Der Qur’an
lehrt außerdem dass Prinzip, dass Gott „keiner Seele
mehr auferlegt als sie tragen kann“ (Sura 2,287); Pflichterfüllung
und gute Handlungen liegen also immer im
Rahmen der eigenen Fähigkeiten.
Leid ist auch keine Strafe für Fehler oder Versäumnisse,
es sei denn, es gäbe einen direkten ursächlichen
Zusammenhang, sondern es ist Unglück. Oft
hilft es, es als Prüfung aufzufassen, durch die man eigene
Grenzen erkennen und Geduld bzw. den Mut
zum Neuanfang entwickeln kann, denn „Gott ist mit
den Geduldigen“ (Sura 2,154), und Gottes Verheißung
gilt besonders denen, die die Hoffnung nicht aufgeben.
Neben verschiedenen Lehren und Verboten enthält
der Qur’an auch Worte des Trostes und der Ermutigung,
die hier hilfreich sein können. Ebenso wichtig
wie die Gelegenheit zum Nachdenken und Gespräch
ist hier aber auch die Anregung und Anleitung zum
persönlichen Gebet. […]

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter demokratie, deutschland, Türkei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s