Vielfalt und Einheit des Islam

„Eine Lebensform wie die des Islam, die neben den
rein religiösen auch soziale, politische, rechtliche, wirtschaftliche,
militärische, ethische, literarische, künstlerische,
mystische, philosophische und dazu naturwissenschaftliche
Aspekte in sich vereinigt, kann man in ihrer
Gesamtheit nicht einfach nur in die Kategorie der Religion
einstufen […]. Man sollte den Islam nicht nur als eine
Religion ansehen und verstehen, sondern auch als eine
geistige Haltung, eine Art zu denken und zu leben,
eine Form der Kultur oder Zivilisation – denn das alles
bedeutet der Islam.“ (Mohammed Iqbal, 1877–1938,
islamischer Reformer)

Zitiert nach: Werner Trutwin: Islam, Düsseldorf 1998, S. 13.
Die Ausprägungen der islamischen Kultur sowie
religiöser Religionen und Sitten waren und sind in
Zeit und Raum sehr unterschiedlich. In einigen islamischen
Ländern wird das Bilderverbot so radikal durchgesetzt,
dass selbst bedeutende vorislamische Kunstwerke
unwiederbringlich zerstört werden wie die
Buddha-Statuen in Bamian/Afghanistan durch die Taliban.
Dort war auch das Zeichnen und Malen von
Menschen für private Zwecke unter strenge Strafen
gestellt. Andererseits gibt es sogar Bilder des Gesichts
des Propheten Mohammed in früherer osmanischer
Miniaturmalerei, dessen Darstellung sonst entweder
nur als Flamme oder verschleiert oder gar nicht gestattet
ist. In einigen islamischen Ländern gilt ein Verschleierungsgebot
für Frauen, in anderen ist sogar
das Kopftuch unüblich, in einigen sollen Frauen nicht
öffentlich auftreten, in anderen sind sie Spitzenpolitikerinnen
und Staatsoberhäupter.
Redaktion
Der Islam weist eine erhebliche Vielfalt auf, die in
manchen Punkten in Widersprüchlichkeit übergeht.
„Den“ Islam als einheitliche Größe gibt es heute nicht.
Die Komplexität erklärt sich zum einen durch die
regionalen, kulturellen und historischen Prägungen,
die der Islam in seinem Verbreitungsgebiet erhalten
hat. In der arabischen Wüste oder in afrikanischen
Slums sieht er anders aus als in einem indonesischen
Dorf oder in einem Stadtteil von Berlin. In Bosnien
wird er anders gelebt als in Persien oder in Palästina.
Viele Muslime leben in unvorstellbarer Armut an der
Grenze des Existenzminimums, andere gehören als
Ölmilliardäre zu den reichsten Leuten der Welt.
Zum anderen geht die Pluralität des Islam auch
auf die unterschiedlichen Interpretationen zurück, die
er sich selbst gibt. Islamische Rechtsgelehrte setzen
durchaus verschiedene Akzente. Orthodoxe Gelehrte
und fromme Mystiker stehen oft in Spannung zueinander.
Es gibt die überwiegend friedliche Mehrheit
der Muslime in aller Welt und es gibt gewalttätige Minoritäten,
die Mord und Totschlag für Recht ansehen.
Großzügige Toleranz und schreckliche Intoleranz haben
im Islam ihren Platz. Während Fundamentalisten
jede Neuerung des Islam ablehnen, suchen moderne
Muslime nach einer zeitgemäßen Deutung des Islam.
Hinter aller Vielfalt lässt sich eine letzte Einheit
entdecken. Sie liegt im religiösen Bereich: im Glaubensbekenntnis,
im Koran als heiligem Buch, in der
arabischen Sprache des Gottesdienstes, in den Pflichten
der Muslime, in ihrem Gemeinschaftsgefühl und
im Stolz auf die eigene Geschichte.

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