Ludwigshafen: Erdogan der Versöhner

Vier Tage nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen besucht der türkische Ministerpräsident Erdogan den Unglücksort. Inmitten von Trauer und Wut brandet plötzlich Jubel auf.
 Von FOCUS-Online-Autor Hardy Prothmann

„Unsere Mitbürger sind Botschafter einer Zivilisation des Friedens.“ Mit teils frenetischem Applaus begrüßen 2000 Türken am Ort der Brandkatastrophe in Ludwigshafen am Donnerstag die Rede des türkischen Ministerpräsidenten. Recep Tayyip Erdogan versichert den Familien seine tiefe Trauer über den „fürchterlichen Vorfall“. Gleichzeitig bedankte er sich bei den deutschen Behörden für den Einsatz und die geretteten Hausbewohner. Allerdings betonte Erdogan, dass er davon ausgehe, dass die Ursachen für den Brand sorgfältig und schnell untersucht werden. An die türkischen und deutschen Medien richtete er den dringenden Appell „nichts zu schreiben, was den Frieden zerstören könnte“.

Zuvor hatte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) Erdogan und die versammelten Menschen begrüßt und seiner Anteilnahme versichert: „Ihnen und unseren türkischen Mitbürgern möchte ich versichern, dass wir genauso intensiv trauern würden, als wenn Deutsche betroffen gewesen wären.“


War es ein Anschlag?

Seit dem frühen Nachmittag versammelten sich überwiegend Türken, darunter viele Familien mit Kindern, hinter den Absperrungen rund um das abgebrannte Haus. In der Luft um das dreistöckige Haus hängt immer noch der Brandgeruch Die Stimmung auf dem Platz war ruhig, obwohl alle miteinander reden. Die Frage, die alle bewegt, lautet: War es ein Anschlag? Oder war es ein technischer Defekt?

Für viele ist die Frage schon geklärt. Denn im August 2006 wurde auf das nun vollständig ausgebrannte Haus bereits ein Anschlag mit Molotow-Cocktails verübt. Damals konnte das Feuer sofort gelöscht werden, es entstand nur ein geringer Schaden, niemand wurde verletzt. „Hoffentlich war das kein Anschlag. Das würde alles so viel schlimmer machen, als es schon ist“, sagt Baylan Dursum. Als Vorsitzender eines türkisch-humanitären Vereins in Mannheim kümmert er sich auch auf der anderen Rheinseite in Ludwigshafen um die Belange seiner Landsleute.

Dursum stellt die Frage, die sich hier viele stellen: „Wieso hat das Treppenhaus so schnell lichterloh gebrannt? So eine Treppe brennt doch nicht in ein paar Minuten so stark, dass man sie nicht mehr betreten kann?“ Gleichzeitig beruhigt er aber seine Landsleute und verweist darauf, dass man den deutschen Behörden vertrauen und erst einmal abwarten muss, was die Ermittlungen als Brandursache feststellen werden.

Hakenkreuzschmierereien und Angst
Erdogan mit der Hand auf dem Herzen

Auch Emre Tayar, ein junger Türke, der acht Jahre im Haus nebenan gewohnt hat, zweifelt: „Wissen Sie, ich habe hier lange gewohnt. Und immer wieder gab es diese Schmierereien an den Hauswänden, also Hass, das Hakenkreuz und so ein Zeug.“ Seine Freunde nicken, sind aber alle entspannt. Aggressiv wirkt am Donnerstag niemand auf dem Platz. Bis auf einen älteren deutschen Radfahrer, der etwas über zu viele Ausländer murmelt und sich umschaut, als würde er bedroht werden.

Die Türken auf dem Platz betonen, wie gerne sie in Deutschland und wie stolz sie auf die Arbeit ihrer Eltern seien, die hier vieles vorangebracht hätten, wie sehr sie Gewalt verabscheuten und wie traurig sie diese Tragödie mache. Und alle sagen, dass sie sehr froh wären, wenn sich dies als Unglück und nicht als Anschlag entpuppte.

Politiker heizen die Stimmung an

Aufregung kommt auf, wenn die Politik das Thema beherrscht: „Wenn das ein Anschlag war, dann bestimmt auch, weil in den vergangenen Monaten so viel gegen die Ausländer gehetzt wurde. Die Politiker sind verantwortungslos und heizen mit ihren Parolen die Stimmung an“, sagt ein Türke aus Karlsruhe, der seine Schwester besucht, die in unmittelbarer Nähe des Brandhauses wohnt. „Wissen Sie, ich bin Türke, habe aber einen deutschen Pass. Trotzdem fühle ich mich als Mensch 3. Klasse. Jeden Tag, bei den Behörden, erfährt man, dass man kein Deutscher ist, Pass hin oder her.“

Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten ist für die Türken hier ein wichtiges Zeichen. Baylan Dursum sagt: „Die Menschen brauchen das Gefühl, dass sie etwas wert sind und ernst genommen werden. Das sagt uns der Besuch von Herrn Erdogan. Bestimmt auch, weil viele sehr verunsichert sein werden, bis die Frage geklärt ist, ob es nun ein Anschlag oder ein technischer Defekt war.“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter deutschland, islam, Türkei

Eine Antwort zu “Ludwigshafen: Erdogan der Versöhner

  1. Bitte zum Thema auch die Kritik der türkischen Opposition würdigen – oder ist das hier ein Wahlkampfblog für Erdoğan?

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