Da, wo öffentliche Schulen versagen… SEMA-Privatschule in Mannheim.

Türkische Schule bedeutet nicht türkischer Lehrplan in türkischer
Unterrichtssprache. An der SEMA-Privatschule in Mannheim wird im Unterricht
und in den Pausen Deutsch gesprochen. 45 türkischstämmige und vier deutsche
Schüler lernen dort.
Von FOCUS-Schule-Autor Sven Hasselberg

Gymnasien in Deutschland, „die in türkischer Sprache unterrichten“, hatte
der türkische Ministerpräsident Erdogan bei einem Deutschlandbesuch
gefordert und damit eine parteiübergreifende Diskussion losgetreten.
Tatsache ist: Es gibt in Deutschland deutsch-türkische Schulen. Morgen für
Morgen empfangen bundesweit sechs Privatgymnasien ihre Schüler in Berlin,
Köln, Hannover, Eringerfeld bei Paderborn, Stuttgart und Mannheim. Hinzu
kommen noch einige Realschulangebote.

Zu wenig Förderung an deutschen Schulen

An der SEMA-Privatschule in Mannheim sieht der Alltag anders aus, als sich
Bürger und Politiker dies in der hitzigen Debatte vorstellen. Die
Unterrichtssprache ist Deutsch, es gibt keinen Islamunterricht, sondern
weltanschaulich neutrale Ethikstunden, und der Unterrichtsinhalt richtet
sich nach dem Bildungsplan 2004 für Realschulen und Gymnasien in
Baden-Württemberg – ganz so, wie es sich für eine staatlich genehmigte
Privatschule gehört. Das Regierungspräsidium Karlsruhe steht als beratende
Behörde zur Seite und die Stadt Mannheim arbeitet hervorragend mit SEMA
zusammen, die sich auch mehr als deutsche Privatschule mit
deutsch-türkischem Trägerverein versteht.

Begonnen hatte alles mit drei Nachhilfezentren, in denen der
Türkisch-Deutsche Bildungsverein bereits seit Jahren zeitgleich über 500
türkische Schüler unterstützt. „Immer wieder merkten wir, dass diese Schüler
an manchen – und ich betone, nur an manchen! – deutschen Schulen
untergingen, nicht genug gefördert werden konnten“, berichtet
Diplom-Ingenieur Ali Yildirim, Vorsitzender des Bildungsvereins und
Gründungsmitglied der SEMA-Schule.

Konzepte gegen doppelte Halbsprachigkeit

In der Regel sind es Sprachprobleme, die türkische Schüler an deutschen
Schulen zurückwerfen. Viele von ihnen haben aber nicht nur Schwierigkeiten
mit der deutschen Sprache, sie können auch nicht richtig türkisch sprechen
und vor allem schreiben. Die „doppelte Halbsprachigkeit“ wird an der
SEMA-Privatschulein in kleinen Klassen mit maximal 20 Kindern durch
gezielten Förderunterricht bekämpft.

„Schüler sollen Deutsch nicht als Fremdsprache lernen, sondern als
Zweitsprache, also gleichwertig neben ihrer türkischen Muttersprache. Den
Defiziten in der türkischen Muttersprache begegnen wir mit einer
freiwilligen Türkisch-AG“, erklärt Nuh Duran, stellvertretender
Geschäftsführer und verantwortlich für den reibungslosen täglichen Betrieb
der Schule. „Die Regel lautet ganz einfach: Im Unterricht und in den Pausen
wird nur Deutsch gesprochen.“ Die Kinder halten sich daran – auch ohne
Strafen. „Wir haben das zu Beginn mit ihnen festgelegt. Sicher, manchmal
rutscht ihnen ein türkischer Satz raus, aber es sind ja noch Kinder.“

Auch für die türkischen Eltern ist es oft einfacher ihre Probleme mit
türkischen Lehrern zu besprechen. Die Verständigung klappt nicht nur aus
sprachlichen Gründen besser, sondern auch einfach deshalb, weil wegen der
gemeinsamen Kultur eine bessere Vertrauensbasis vorhanden ist.

Auch deutsche Schüler profitieren

An der SEMA-Privatschule kümmern sich insgesamt zehn türkische und deutsche
Lehrer um 49 Schüler, aufgeteilt in eine fünfte und eine sechste Klasse
Gymnasium sowie eine fünfte Klasse Realschule. Unter den Schülern sind auch
vier deutsche Kinder. Drei deutsche Jungs und ein Mädchen pauken heute
bereits neben türkischen Klassenkameraden.

Ihre Eltern entschieden sich für diese außergewöhnliche Lösung, da die
individuelle Betreuung in kleinen Klassen auch ihren Kindern entgegenkommt
und die Schule darüberhinaus eine geregelte Nachmittagsbetreuung und ein
Mittagessen anbietet. „Wir wollten von Anfang an eine internationale Schule
sein und hoffen, dass noch mehr Deutsche unser Angebot annehmen“, erklärt
Nuh Duran. „Schließlich wollen auch wir eine Ghettoisierung vermeiden.“

„Ich glaube, das Problem an der aktuellen Diskussion ist, dass niemand
wirklich definiert, was der Begriff türkische Schule alles bedeuten kann“,
erklärt der Vorsitzende des Bildungsvereins Ali Yilidirim. „Dass dort
ausschließlich türkisch gesprochen werden muss, würde nach unseren
Erfahrungen keinen Sinn machen.“

Die Aussage des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan würde er persönlich
nicht auf die Goldwaage legen: „Ich glaube schlicht und einfach, dass die
konkrete Ausführung dieses Vorschlags in den Äußerungen zu kurz kam. Nach
all den grausamen Dingen, die fundamentalistische Islamisten in unserer Welt
angerichtet haben, sind die Deutschen natürlich besorgt und vorsichtig. Das
ist verständlich.“

Kulturelle Wurzeln nicht aufgeben

SEMA-Geschäftsführer Duran wünscht sich, dass seine Landsleute sich in
Deutschland integrieren können, ohne ihre kulturellen Wurzeln aufzugeben:
„Vollständige Assimilation halte ich für falsch“, sagt er. „Natürlich müssen
die Türken in Deutschland sich integrieren und unbedingt die deutsche
Sprache sprechen. Aber sollen wir deshalb unsere Bräuche aufgeben? Das eine
muss das andere doch nicht ausschließen. Wir sind alle Individuen in einer
globalisierten Welt und haben unsere Traditionen und unsere Geschichte. Wir
können diese beibehalten und trotzdem integriert in einem anderen Land
leben.“

http://www.focus.de/schule/schule/schulwahl/tuerkische-schulen_aid_237962.ht

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter deutschland, gesellschaft, Türkei

Eine Antwort zu “Da, wo öffentliche Schulen versagen… SEMA-Privatschule in Mannheim.

  1. Badegül.

    Wie viel würde mich es kosten wenn ich mein Kind hier auf die Privatschule schicken würde ?

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