Imame in Deutschland sollten…

(iz). Die Rolle der Imame in deutschen Moscheen ist eine Frage, die nicht nur Medien und Politik interessiert, sondern vor allem auch die Muslime selbst. Sicherlich ist es beklagenswert, dass nach wie vor die Mehrheit der hiesigen Imame nicht oder nur wenig die deutsche Sprache beherrscht, dass es in vielen Moscheen noch immer keine – zumindest teilweise – deutschsprachige Freitagskhutba gibt, dass zu wenig Angebote, zum Beispiel islamischer Unterricht, in deutscher Sprache stattfinden. Hinzu kommt die oft unzureichende Wellenlänge der Imame zu den jungen Muslimen und ihrer spezifischen Lebenssituation, die mangelnden Kenntnisse vieler Imame über diese Gesellschaft, andererseits aber auch mangelnder Respekt gegenüber den Imamen seitens mancher Moscheevorstände oder Moscheebesucher und daraus resultierende geringe Einflussmöglichkeiten der Imame in der Wissensvermittlung und spirituellen Leitung ihrer Gemeinden.


Die Funktion eines Imams ist nicht identisch mit der eines Priesters beziehungsweise Pfarrers einer christlichen Kirchengemeinde. Imam im Sinne eines „Vorbeters“ beim gemeinschaftlichen Gebet kann im Prinzip jeder Muslim sein, der von der Gemeinschaft dafür bestimmt wird, wobei gewisse Voraussetzungen vorliegen sollten, die eine Person dafür vor anderen auszeichnen. Dazu gehört zum Beispiel, dass er über gute Kenntnisse im Fiqh, insbesondere des Gebets, verfügt, möglichst viel vom Qur’an auswendig rezitieren kann (bei einem „hauptamtlichen“ Imam am besten den ganzen Qur’an), über eine gute, korrekte Aussprache des Arabischen und über eine schöne Rezitationsstimme verfügen sollte. Er sollte auch in der Gemeinde beliebt sein und über vorbildliche charakterliche und moralische Eigenschaften verfügen. Zu betonen ist dabei, dass es das Recht der Gemeinde ist, sich ihren Imam zu wählen.

Eine Besonderheit hierzulande ist, dass in Deutschland die Moscheen als Vereine organisiert sind, was bedeutet, dass es in jeder Moschee einen Vorstand und einen Vorsitzenden gibt, der den Verein leitet, während die Imame letztlich Angestellte des Vereins sind und bestimmte Aufgaben übernehmen. Außer bei der staatlich-türkischen Dachorganisation DITIB, wo die Imame vom türkischen Staat entsandt und bezahlt werden, übernehmen die Vereine die Entlohnung des Imams. Traditionell sollten Imame eigentlich gar keine Lohnempfänger sein, damit nicht die Freiheit der Lehre durch entsprechende Abhängigkeiten beeinträchtigt wird. In der Praxis ergibt sich mitunter auch das Problem, dass Imame sich durch die finanzielle Abhängigkeit von den Moscheevereinen nicht ausreichend entfalten können, da sie durch die leider manchmal kurzsichtigen Vorstellungen der Moscheevorstände eingeengt werden und bei Meinungsverschiedenheiten jederzeit entlassen werden können. Einfach ausgedrückt können die Imame manchmal nicht so wie sie gerne wollten und könnten, und können Dinge, die sie für sinnvoll und wichtig halten, nicht umsetzen. Manchmal wollen sich die Gemeinden auch einfach berechtigte Kritik des Imams an Missständen in der Gemeinde oder Fehlverhalten nicht anhören. Andererseits ist eine Moschee, in der der Imam die stärkste Position hat und der Vorstand eine zu geringe, auch nicht im Gleichgewicht. Da der sunnitische Islam keine Herrschaft der Imame kennt (anders als die Schia), geht es um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Imam als geistlicher und dem Vorsitzenden als politischer Autorität.

Ein anderes Problem ist, dass nicht wenige Imame aus sprachlichen oder Altersgründen oder wegen mangelnder Kenntnisse der hiesigen Gesellschaft und Lebenswirklichkeit der jungen Muslime keinen richtigen Draht zu diesen aufbauen und somit nur bedingt als Respekts- und Identifikationspersonen für die Jugend fungieren können. Entweder findet zu wenig Lehre statt, es gibt sprachliche Probleme, oder die Art und Weise der Wissensvermittlung spricht die Jugendlichen wenig an. So findet man leider zunehmend das Phänomen, dass sich Jugendliche anderswo nach islamischem Wissen und Orientierung umschauen, anstatt vom Imam zu lernen und ihm Fragen zu stellen. Insbesondere deutschsprachige Angebote jeglicher Art haben Hochkonjunktur, sei es im Internet oder seitens deutschsprachiger Wanderprediger, die rhetorisch offenbar die Wellenlänge der Jugendlichen treffen, zumeist aber kaum seriös qualifiziert sind und inhaltlich problematisch zu sehen sind.

Praktische Empfehlungen

Ferid Heider, der als junger deutschsprachiger Muslim in zwei Berliner Moscheen als Imam tätig ist und nebenbei noch an der Uni studiert, kennt viele der geschilderten Probleme aus der Praxis. Ein Imam sollte, so Ferid Heider, neben einer Grundausbildung in allen islamischen Wissensdisziplinen auch „einigermaßen Deutsch sprechen können, nicht unbedingt perfekt, aber zumindest so, dass er reden, kommunizieren und die Leute verstehen kann. Ideal wäre es, wenn er auch auf Deutsch Vorträge halten kann, zum Beispiel bei Begegnungen mit Nichtmuslimen“, sagt Ferid Heider. Seiner Einschätzung nach befinden wir uns derzeit in einer Übergangsphase, da die Moscheen und die Verbände erst seit kurzem wirklich erkannt hätten, dass es solcherart qualifizierter Imame bedarf. Parallel mit dem Spracherwerb komme dann auch das Kennenlernen der Gesellschaft, meint Heider. „Man muss die Situation und die Probleme in dieser Gesellschaft kennen, um als Imam richtige Aussagen machen zu können, statt Urteile aus anderen Ländern zu übernehmen, die nicht den hiesigen Kontext berücksichtigen und die Dinge hier für die Menschen eher erschweren als erleichtern.“ Der Imam sollte vor allem grundlegende islamische Wissensbereiche unterrichten, da es hierbei vielen an Wissen fehle, statt zu sehr speziellere Themen zu behandeln, die eher Stoff für Gelehrtendebatten darstellten. Eine gute Khutba solle aktuell sein und die Menschen ansprechen, indem zum Beispiel auch ein grundlegendes Thema immer mit aktuellen Bezügen verknüpft wird, meint Heider: „Der Zuhörer muss am Ende wissen, was er von der Khutba mitnimmt. Bei der Khutba geht es ja nicht um Information, sondern darum, die Muslime zu einem bestimmten Verhalten und Handeln aufzufordern.“

Manche Imame, insbesondere wenn sie aus dem Ausland kommen, seien den Status als Angestellte des Vereins nicht gewohnt und hätten Schwierigkeiten, dies zu akzeptieren. „Natürlich versucht man immer, mit Hikma, mit Weisheit, an solche Probleme zwischen Imam und Vorstand heranzugehen“, sagt Heider. Er empfiehlt, sich von Anfang an zu einigen und klar zu machen, welche Aufgaben der Imam hat und dass er sich in einem Vertragsverhältnis befindet. „Auf der anderen Seite muss dem Imam auch ein gewisser Freiraum gewährt werden, denn den braucht er, um kreativ sein zu können.“ Sehr wichtig sei, dass der unter Muslimen ohnehin gebotene gegenseitige Respekt zwischen Imam und Vorstand auch in Konfliktsituationen erhalten bleibt. Manchmal fehle aber auch seitens mancher Gemeindemitglieder der Respekt vor dem Imam. „Da kommt es darauf an, dass der Imam mit Kritik, wenn sie richtig ist und angemessen geäußert wird, auch entsprechend umgeht. Ist sie nicht berechtigt, muss man auch souverän damit umgehen können. Manchmal verhalten Leute sich aber auch unverschämt. Man muss sie aufklären und ihnen zeigen, wie die Gelehrten mit Meinungsverschiedenheiten umgehen. Es ist auch Aufgabe des Imams, die Leute zu erziehen. In Extremfällen müssen Personen, die sich so gegenüber dem Imam verhalten, vom Vorstand gemaßregelt oder sogar der Moschee verwiesen werden“, so Ferid Heider.

Zur Problematik in Bezug auf die Jugendlichen meint er, dass dies an der mangelnden Kompetenz vieler Imame liege, vor allem an ihrer mangelnden Deutschsprachigkeit. „Der zweite Grund ist, dass radikales Gedankengut bei vielen Jugendlichen einfach besser ankommt als gemäßigte Positionen, wo sie stärker differenzieren müssen.“ Natürlich spiele auch die Art und Weise, wie jemand predigt, eine Rolle, und ob dies die Jugendlichen anspricht oder eher langweilt. „Viele Imame wissen nicht, was die Jugendlichen wirklich brauchen. Wenn nun ein solcher Prediger kommt, der einigermaßen gut Deutsch spricht, und auch noch ein rigides und engstirniges Islam-Bild vermittelt, was vielen Jugendlichen attraktiv erscheint, dann hat er auch Erfolg. Daher ist es wichtig, mehr Imame zu haben, die Deutsch können und die ein vernünftiges Islamverständnis haben, dann wird man auch viel Erfolg haben bei den Jugendlichen, da bin ich mir sicher“, meint der junge Imam aus Berlin. Es gehe um ein vernünftiges und umfassendes Islamverständnis, das nicht nur Äußerlichkeiten und bestimmte Themen anspreche, und das die Jugendlichen zu ausgewogenen Muslimen erziehe, die den Islam auf richtige Weise leben. „Ganz wichtig ist es auch, den Jugendlichen zu zeigen, wie man als Minderheit mit dieser Gesellschaft und mit Nichtmuslimen umgeht. Viele Radikale versuchen, die Jugendlichen von der Gesellschaft abzuschotten. Man muss aber genau das Gegenteil bewirken. Man sollte einen tiefen Glauben haben und den Islam praktizieren, sich andererseits aber auch in die Gesellschaft einbringen und an ihr partizipieren. Wenn wir das erreichen, dann haben wir viel erreicht.“ Nadir Moubarrid von der Muslimischen Jugend in Deutschland betont die Wichtigkeit der Deutschsprachigkeit von Imamen. „Er sollte die Umstände und die Situation der Jugendlichen in diesem Land begreifen, muss also auch Zeitung lesen und sich über die gesellschaftliche und politische Lage informieren. Er soll nicht nur die Gebete leiten, sondern auch Seelsorge betreiben und in der Lage sein, den Jugendlichen gesellschaftskonforme Lösungen anzubieten und nicht solche, die vielleicht für eine andere Weltregion passend sind, aber nicht für hier.“ Ein idealer Imam sei für ihn auch jemand, der durch sein Auftreten Vorbildfunktion habe, wozu auch gehöre, dass er zum Beispiel Sport treibe, was auch für Jugendliche gut sei. „Ein Imam, der nicht nur ernst ist, sondern auch mal locker mit den Jugendlichen umgeht“. Und er sollte auch Kenntnisse über andere Religionen haben, meint Moubarrid. „Er sollte nicht mit Scheuklappen durch die Gegend laufen, sondern mit einem weiten Blick, und einen Überblick haben über das, was ihn umgibt.“

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Eingeordnet unter deutschland, Islambild, kultur, moschee

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