Tauhid – Monotheismus in seiner reinsten Form

Hadsch Abdalhaqq Bewley.

„Sprich: Er ist Allah, Absolute Einheit; Allah, der Ewige Versorger von allem. Er hat nicht gezeugt und wurde nicht gezeugt. Und niemand kommt Ihm gleich.“
Ich frage mich, ob es überhaupt jemanden gibt, der diese Ajats nicht mehrmals täglich rezitiert. Wir sind vollkommen vertraut mit ihnen und es gibt eine Gefahr, dass diese Vertrautheit dazu führt, daß wir die enorme Wichtigkeit ihrer Bedeutung für unser Leben aus den Augen verlieren. Wie viele von uns reflektieren bewusst darüber, was diese Ajats eigentlich meinen oder sind sie zu einer bloßen Formel geworden, die wir Tag für Tag wiederholen? Der Prophet, Frieden und Segen Allahs auf ihm, sagte, dass die Surat al-Ikhlas einem Drittel des Qur’ans gleicht, denn sie beinhaltet das gesamte Wissen des Tauhids, dem ein Drittel von Allahs Buch gewidmet ist. Aber wenn wir darüber nachdenken, so ist Tauhid eigentlich die Grundlage unseres gesamten Dins und nicht nur des Islams, wie wir ihn kennen, sondern auch aller anderen Adjan (pl. von Din), die von vorangegangenen Propheten und Gesandten Allahs gebracht wurden. So liegt das Verständnis von Tauhid im zentralen Kern der menschlichen Existenz. Wenn wir dies begreifen, so haben wir erfaßt, was es heißt, ein menschliches Wesen zu sein. Versagen wir darin, so entgeht uns das Wesentliche . Der Prophet, Friede und Segen Allahs auf ihm, sagte: „Wisst ihr, was Allahs Rechte über Seine menschlichen Geschöpfe sind? Dass sie anbeten und keinen Schirk begehen, indem sie Ihm etwas anderes beigesellen“. Wie wir wissen, ist Schirk die Unfähigkeit, Allahs Einheit zu bestätigen, die einzige Sache, die Allah nicht vergeben kann und es ist daher lebenswichtig für unser Wohlergehen in der Dunja und der Akhira, sicherzustellen, dass wir wirklich verstehen, was die Kalimatu ‘t-Tauhid – die Worte „la ilaha illa Allah“ – bedeuten. Die ‘Ulama dieser Wissenschaft – die Mutakallimun – haben große Lasten auf sich genommen, Tauhid auf die verständlichste Art und Weise für uns zu definieren.

Al-‘Aschari z.B. beschreibt die Einheit Allahs, indem er uns eine Aufzählung der Göttlichen Eigenschaften gibt, wie sie in der Surat al-Ikhlas und anderswo im Qur’an enthalten sind. Er sagt, dass Allahs Existenz vor der Zeit liegt und andauernd ist; dass Er absolute Unabhängigkeit hat; daß Er mit nichts verbunden ist, was in der Zeit ist; dass er Eins ist in Seinem Wesen, Seinen Eigenschaften und Seinen Handlungen; und dass Er Leben, Macht, Wissen, Willen, Hören, Sehen und Sprache hat. Das Problem dieser und anderer Beschreibungen ist, dass – obwohl ein vollkommenes Verständnis von ihnen uns vor dem Begehen von Schirk schützen würde – Sprache heute so entwertet wurde, dass es mehr als einmal passiert, dass die tiefe Bedeutung dieser Definitionen uns verborgen bleibt und sie zu bloßen Worten werden. Was sie in der Tat besagen und der Qur’an in überwältigender Weise deutlich macht, ist, dass in Wirklichkeit in der Existenz nichts irgendwelche Macht besitzt, außer Allah. „La haula wa la quwwata illa billah – Es gibt keine Macht und keine Stärke außer mit Allah.“ „La fa’il fi’l wudschud siwa’llah – Es gibt keinen aktiv Handelnden in der Existenz, außer Allah.“ Dies ist die Wahrheit und sie bedeutet, dass alles was geschieht, nur allein durch Allah geschieht. Das Problem, welches sich nun für uns stellt, ist, dass uns genau das Gegenteil eingetrichtert wurde, dass in der sogenannten realen Welt Allah nichts zu tun hat, mit dem was vorgeht und dass es eigentlich die sekundären Gründe sind, die die Dinge wirklich geschehen lassen. Wir sollten nicht unterschätzen, wie tief die wissenschaftliche materialistische Weltsicht bei Muslimen und Nichtmuslimen in das menschliche Bewußtsein eingedrungen ist. Es ist ein durchdachter und andauernder Prozess der Indoktrinierung, dem wir unser ganzes Leben hindurch ausgesetzt sind. Wind und Regen werden durch den Regenzyklus und Druckveränderungen in der Athmosphäre erzeugt. Die Ursache, warum Pflanzen wachsen ist der Stickstoffkreislauf. Der Flug entstand durch die Wissenschaft der Aerodynamik. Unsere eigene Geburt ist die Folge von Empfängnis und Schwangerschaft. Krankheiten werden durch die Wissenschaft der Medizin geheilt. Die Beispiele sind unendlich, aber sie sind einfach nicht wahr. Es ist nicht so, dass diese Vorgänge nicht stattfinden würden. Sie tun dies in der Tat, aber sie sind nicht der Grund für irgendwas, noch sind sie die Ursache für irgendwas. Nichts lässt irgendwas geschehen, außer Allah. „Wa huwa ladhi anzala mina’s-sama’i ma’an fa akhradschna bihi nabata kulli schai – Er ist es, Der Wasser vom Himmel schickt, aus dem Wir Wachstum jeglicher Art erhalten.“ Er lässt den Regen niedergehen, Er lässt die Planzen wachsen. „Alam jarau ila’t-tairi musakhkharatin fi dschawi’s-sama’i ma jumsikuhna illa’Llah – Seht ihr nicht die Vögel in der Luft im Himmel hängen? Nichts hält sie dort, außer Allah.“ Flug geschieht nur durch Allah. „Huwa ladhi khalaqakum min turabin thumma min nutfatin thumma min ’alaqatin thumma jukhridschukum tiflan – Er ist es, der euch aus Erde, dann aus einem Tropfen Sperma, dann aus einem Klumpen Blut erschaffen hat, dann bringt Er euch hervor als Neugeborene.“ Allah ist verantwortlich dafür, dass wir in die Welt gelangen. „Wa idha maridtu fa huwa jaschfin – Und wenn ich krank bin, ist Er es, Der mich heilt.“ Allah ta’ala ist der Heiler der Krankheiten. Man wird dazu sagen: „Oh ja, natürlich!“, aber wenn man in sein Herz schaut, dann sieht man, wie wirklich über die Entstehung der Dinge gedacht wird. In welche Beziehung werden die Dinge gesetzt, die einem alltäglich begegnen. Sehen wir sie als von Allah kommend oder greift die Konditionierung ein und schiebt die Dinge ursächlich ihrem eigenen Entstehungsprozess zu? Wir leben in einer Welt der sekundären Ursachen, deshalb ist es natürlich für uns, die Existenz von diesem Blickpunkt aus zu betrachten. Der Unterschied zwischen uns und unseren Vorfahren liegt darin, dass ihnen die Wahrheit beigebracht wurde. Sie war ihre Grundlage, mit deren Hilfe es viel einfacher für sie war, durch die Erscheinungen zu sehen und die Dinge zu sehen, wie sie sind. Wir hingegen wurden bis zu dem Grad in einer Täuschung unterwiesen, die es fast unmöglich für uns macht, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Kurz nachdem ich Muslim wurde, lebte ich in Marokko. Ich kann mich daran erinnern, wie ein Mann, den ich wegen seines Wissens sehr achtete, zu mir sagte: „Der Unterschied zwischen mir und dir ist, dass ich glaube, dass wenn mir ein Becher mit Gift gegeben wird und ich Bismillah sage und es trinke, Allah mich vor Schaden schützen kann, aber du glaubst, dass es nichts anderes tun kann, als dich zu töten.“ Die Kluft zwischen diesen beiden Sichtweisen ist sehr schwierig zu überbrücken. Wir sind in der Tat in einer bedrohlichen Lage; indem wir Folgen ihren scheinbaren Ursachen zuordnen, geben wir etwas anderem als Allah Macht, was eindeutig Schirk ist. Wir haben möglicherweise die Formel des Tauhids auf unserer Zunge, aber durchdringen ihre Bedeutungen wirklich unser Wesen? Wir müssen uns hüten, Tauhid in den Köpfen und nicht in den Herzen zu haben. Es gibt dazu eine Geschichte, die von den Leuten Allahs über einen furchtbaren Mann erzählt wird, der Zeit seines Lebens seinen Trieben folgte und jeden nur erdenklichen Fehler machte. Er gab Anweisungen, dass nach seinem Tode, sein Körper in kleine Teile gehauen werde, die dann getrennt verbrannt werden sollten, damit in unterschiedlichen Gegenden seine Asche verstreut werden kann, so dass es für Allah unmöglich sein wird, ihn wieder zusammenzusetzen, damit er dadurch der Strafe des Feuers entgehen könnte. Am Letzten Tag wird Allah selbstverständlich keine Schwierigkeit haben, ihn zum Leben wiederzuerwecken und er wird in einem Zustand des erniedrigenden Schreckens vor seinen Herren gebracht werden. Aber Allah wird zu ihm sagen: „Wegen deines unerschütterlichen Glaubens in die Wirklichkeit meiner Macht, habe Ich dir heute vergeben, so gehe in Meinen Garten mit denjenigen, die ihn betreten.“

„Wir bitten euch nicht um Versorgung. Wir versorgen euch. Und am Ende werden die besten Ergebnisse durch Taqwa erzielt.“

Ein bedeutender Punkt unseres täglichen Wissens um Tauhid betrifft die gesamte Frage nach Rizq – Versorgung. Allah tabaraka wa ta’ala ist ar-Razzaq – der Versorger. Er alleine ernährt und unterstützt fortwährend die Existenz – uns eingeschlossen. Dies meint, dass die Energie, die wir ausgeben, um unser Leben zu führen – egal welche Form sie hat – nicht wirklich die Ursache dafür ist, dass wir bekommen, was wir benötigen. Es ist Allah, der uns versorgt. Es ist lebenswichtig für uns Muslime, dass wir die Folgen dessen verstehen. Die Kultur, in der wir leben, und heute ist klar, dass die Menschen ein System geschaffen haben, welches den gesamten Erdball umspannt, wird vollständig von wirtschaftlichen Zwängen regiert. Als direkte Folge davon wird das menschliche Leben überall grundsätzlich in wirtschaftlichen Begriffen bestimmt und menschliche Hoffnung in wirtschaftlichen Zielen. Kinder werden heute an der Schule unterrichtet, dass ihre Karriere, ihre zukünftige Anstellung, die einzige Sache ist, die wirklich wichtig ist und ihre gesamte Erziehung auf dieses Ende hin ausgerichtet ist. Als Ergebnis dessen beanspruchen die Sorge um Anstellung, oder deren Fehlen, über das Einkommen bzw. dessen geringe Höhe, die Herzen und Gedanken der meisten Leute und macht den größten Anteil ihrer Gespräche aus. Der ganze Weg, auf dem das System von Unglauben in der Lage ist, die Menschen – Muslime genauso wie Nichtmuslime – in Leibeigenschaft zu binden ist, dass es sie überzeugt hat, dass ihr Leben vollkommen abhängig ist von dem System, welches sie aufgestellt haben. Nur die Klinge des Tauhid kann durch dieses Spinnengewebe schneiden und uns frei machen. Wir müssen uns nur daran erinnern, dass unser Leben ausschließlich von Allah abhängig ist und von nichts anderem. Wie das Ajat, mit dem ich begonnen habe, klar macht, müssen wir uns nicht darum sorgen, zu bekommen was wir brauchen, das ist die Angelegenheit von Allah. Was uns wirklich kümmern sollte, ist unsere Taqwa, unser Wissen um und unser Gehorsam gegenüber unserem Herren. An diesem Punkt kann ich bereits die Leute sagen hören: „Ja, aber! Was ist damit …?“ und sie werden über das Binden der Kamele sprechen und das Nichtvergessen unseres Anteils an der Dunja etc. Aber meiner Erfahrung nach ist diese Reaktion in den meisten Fällen das Ergebnis jener Angst, der wir zu entkommen suchen. Ich sage nicht, dass wir nicht arbeiten sollen oder das zu tun, um zu erlangen, was notwendig ist, um uns und unsere Familien zu erhalten. Allerdings müssen wir uns in den Tiefen unserer selbst bewusst sein, dass es nicht diese Aktivitäten sind, die uns unsere Versorgung sichern. Nur Allah macht dies und die Wahrheit liegt im Gegenteil dessen, was die meisten Menschen denken. Weit davon entfernt auf dem Rücken zu liegen und untätig zu sein, sind die mir bekannten Menschen mit dem tiefsten Wissen, dass Allah ihr Versorger ist, bei weitem am aktivsten in materiellen Dingen, als jeder andere, den ich kenne. Der Unterschied zwischen denjenigen, die wirklich wissen, dass Allah ihr Versorger ist und denjenigen, die dies nicht tun, ist erst einmal ein versteckter, obwohl er von Zeit zu Zeit an die Oberfläche tritt. Dies trennt den wirklichen Mumin, vom demjenigen, der verstecktem Schirk unterworfen ist. Dies ist von großer Wichtigkeit für unser Leben und natürlich auch für unser Schicksal, was sehr deutlich gemacht wird durch die Expedition nach Hudaibija. Als der Ruf kam, hatten die Muminun keine Hemmungen, alles im gleichen Augenblick liegen zu lassen und gemeinsam mit dem Propheten aufzubrechen. Was machten aber die, die nicht mitgingen? „Schaghalatina amwaluna wa ahluna – Unser Wohlstand und unsere Familien beschäftigen uns.“ Unsere Aufgabe als Muslime ist es, Allah anzubeten und Seinen Din einzurichten. Andere Projekte, die wir an der Arbeit oder zu Hause haben, müssen dem folgen. Wenn wir dies tun, wird Allah sich um unsere Sorgen kümmern, genauso wie Er sich um die gekümmert hat, die vor uns kamen, als sie diese Aufgabe annahmen. Aber wir werden nie dazu in der Lage sein, bis wir wirklich die Bedeutung von la ilaha illa Allah verstehen und verinnerlichen und aus tiefstem Herzen in der Lage sind, „Hasbunallahu wa ni’ma’l-wakil – Allah ist genug für mich und der beste Beschützer“ auszusprechen. Dies geschieht mit Allahs Erlaubnis, denn Er hat versprochen, Seinen Din bis zum Jüngsten Tag zu bewahren, und ich bitte Allah uns zu denjenigen zu machen, die Er für diese Aufgabe ausgewählt hat. Sie ist das einzig wirkliche Objekt, welches wertvoll genug ist für das menschliche Streben und in dem menschliche Erfüllung und Glück liegt.

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