Buchvorstellung: „Islam in Deutschland“

(iz). Im Spohr Verlag erschien im März dieses Jahres das Buch „Islam in Deutschland. Politische Notizen“ des IZ-Herausgebers Abu Bakr Rieger. In dem Taschenbuch geht es um eher unbedachte Aspekte der Begegnung Europas mit dem Islam. Nach Ansicht Riegers trifft die Frage nach dem politischen Islam nicht das Kerngeschehen dieser Zeit, das durch die Neutralisierung von Politik und Religion gekennzeichnet ist. Die IZ-Redaktion sprach mit Abu Bakr Rieger über einige inhaltliche Aspekte der Veröffentlichung

Islamische Zeitung: Herr Rieger, sie haben ein politisches Tagebuch veröffentlicht, worum geht es darin?

Abu Bakr Rieger: Mir geht es darum, einmal anzudeuten, worin aus meiner Sicht der eigentliche intellektuelle Reiz besteht, sich hier und jetzt mit dem Islam auseinanderzusetzen. Ich habe für diese Anmerkungen das Jahr 2005 gewählt. Die Debatten um den Islam in diesem Jahr drehen sich in vielerlei Hinsicht eher um periphere Themen und sind im Grunde etwas irreführend. Islam ist weder eine Kultur noch etwas Fremdes, er ist für mich die Quintessenz europäischer Erfahrungen. Man wird nicht Muslim wegen eines banalen Kopftuches oder um seine Frau schlecht zu behandeln. Man wird auch nicht Muslim, wenn Islam und Christentum dasselbe wären. Islam ist viel mehr als es die Debatte im Moment aufzeigen kann.

Islamische Zeitung: Der Titel „Politische Notizen“ impliziert, dass es auch um den politischen Islam geht?

Abu Bakr Rieger: Ja, es geht auch um den politischen Islam. Allerdings eher im Sinne eines Abgesanges. Wir leben nicht in einem politischen Jahrhundert. Der politische Islam der Moderne ist seinem Wesen nach eine Kopie der westlichen Vorbilder, eingebunden in die Idee, dass Macht organisierter Wille sei. Große Vereine bringen aber keinen großen Islam hervor. Der radikale politische Islam wiederum hat zynischerweise den nihilistischen Gedanken übernommen, dass eine Welt ohne Feinde eine gute Welt sei. Selbstmordattentate sind das Fanal dieses Nihilismus.

Islamische Zeitung: Heißt dies, das Plädoyer der europäischen Muslime läuft auf einen apolitischen Islam heraus?

Abu Bakr Rieger: Wenn man das islamische Leben näher studiert, vor allem seine organischen Komponenten Moschee, Markt und Stiftungen, dann sind diese Komponenten zunächst spiritueller, sozialer und ökonomischer Natur. Diese prägenden Institutionen sind lokale Einrichtungen. Diese freiheitliche Seite des Islam ist heute gleichzeitig insoweit politisch, als sie dem Menschen ein Leben jenseits staatlicher und ökonomischer Bevormundung ermöglicht. Das ist heute natürlich ein Politikum. Wie alle Europäer interessiert mich natürlich insbesondere, was die Offenbarung zur ökonomischen Vernutzung der Erde sagt. Hier geht es um nichts anderes als die Relevanz des Islam in dieser Zeit.

Islamische Zeitung: Ein wichtiges Thema ihrer kurzen Abhandlungen ist immer wieder auch, den Unterschied zwischen Islam und Ideologie zu reflektieren. Worin besteht dieser Unterschied?

Abu Bakr Rieger: Der Islam ist eine Lebenspraxis, die Muslime formen eine Gemeinschaft. Ideologie löst diesen Zusammenhang auf. Es gehört zu den Zeichen dieser Zeit, dass man so etwas wie „orthodoxe Muslime“ nicht mehr denken kann, sondern einfach der Ideologie und ihren Methoden zuordnet. Auch Rumi würde heute als Ideologe im Verfassungsschutzbericht genannt. Religiöses Leben ist daher in Deutschland in Gefahr. Die sogenannte Islamismusgefahr kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Demokratie selbst einem fortlaufenden dramatischen Wesenswandel unterliegt. Der Staat rüstet nicht nur wegen einiger Islamisten auf, er baut vor, um den unsichtbaren Limes zwischen Arm und Reich gegen unzufriedene Massen zu schützen. Die Tendenz zum Totalen wird durch den Terrorismus nicht erzeugt, sondern verstärkt. Einige Notizen in meinem Tagebuch drehen sich thematisch um die Frage, wie der Mensch, als Beobachter und Konsument, seinen politischen Möglichkeiten verlustig gegangen, überhaupt noch in das globale Geschehen eingreifen kann. Die Grundeinsicht ist dabei eher philosophisch als politisch: Nicht wir haben das Geschehen, sondern das Geschehen hat uns in der Hand.

Islamische Zeitung: Ihr Buch versucht auch mit einigen Anmerkungen Brücken zu europäischen Denkern zu schlagen…

Abu Bakr Rieger: Ja, das ist das Spannende. Die aktuelle Bedeutung des Islam erschließt sich natürlich heute nur, wenn man Ereignisse wie Technik, Internet oder Globalisierung richtig einordnet und versteht. Im Kern geht es um die Frage, ob die Einrichtung eines ökonomisch dominierten Weltstaates Politik und Religion neutralisieren kann. Autoren wie Peter Sloterdijk oder Jean Christophe Rufin bieten hier wichtige Interpretationshilfen. Es geht in meinem Tagebuch auch darum, diese thematischen Brücken und Anstöße den Muslimen aufzuzeigen. Natürlich bin ich als europäischer Muslim etwas irritiert über das teilweise infantile Verhältnis der islamischen Welt zur Frage der Technik.

Islamische Zeitung: Gibt es so etwas wie einen europäischen Islam?

Abu Bakr Rieger: Natürlich ist dieser Begriff bei vielen Muslimen verfemt, weil er mit einer politischen Logik eingeführt wurde, dass ein „guter“, also „liberaler“ europäischer Muslim am Besten gar nicht praktiziert. Damit wird dieser Begriff unbrauchbar. Für mich ist das korrekte Praktizieren keine politische, sondern eine rechtliche Komponente. Ich kann nicht liberal oder radikal beten, sondern nur korrekt. Einige Notizen in meinem Tagebuch, vor allem die Einträge aus dem Balkan, denken auf der anderen Seite die Prägung der europäischen Muslime durch den Islam und Europa an. Städte wie Sarajevo oder Prizren muss man einfach besuchen, um den Islam in Europa zu verstehen.

Islamische Zeitung: Herr Rieger, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bestellungen an:
Eva Arb
Tel. 06228-1019
email@arb24.de
http://www.spohrverlag.de

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