Gesundes Leben nach islamischer Sicht

Malik Özkan, Bremen

(iz). Vor der Absicht kommt das Wissen, denn ohne Kenntnis einer Sache kann man diese nicht beabsichtigen. Also, was ist Gesundheit? Wenn wir die Antwort nicht kennen, können wir sie auch nicht anstreben. Augenblicklich begnügen wir uns mit der Annahme, dass Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit ist. Genauso wenig könne man sagen, dass ein Mann eine Nicht-Frau oder eine Frau ein Nicht-Mann sei. Als Ergebnis dieser Denklogik entstand eine Medizin, die ihre gesamte Energie auf die Identifizierung und Auslöschung von Krankheit verwendet. Unsere Medizin ist eine Heilkunst des Kriegs.

Einekorrekte Definition von Gesundheit müsste diese beschreiben können und nicht bloß die Krankheit. Mehr noch, sie ist abhängig von zuvor notwendigen Definitionen des Menschen, des Lebens, des Universums und der Existenz als solcher. Wir müssten sie im größten möglichen Rahmen geben, und fragen, ob körperliches, mentales, wirtschaftliches, soziales und emotionales Wohlergehen voneinander getrennt bestehen können. Kann das Individuum ernsthaft als getrennt von seiner Familie, Verwandtschaft, Gesellschaft und dem Rest der Menschheit verstanden werden? Griechen und Muslime fanden eine andere Antwort auf diese wichtigen Fragen. Es gibt eine griechische Denklogik, welche von dem muslimischen Gelehrten Mahdi As-Subairi Al-Jamani überliefert und modifiziert wurde. In seinem Werk „Ar-Rahma fi’t-Tibb wa’l-Hikma“ meditiert er über die Begriffe „Tibb“ und „Hikma“:

„Tibb“ leitet sich aus der arabischen Wurzel „umsichtige Behandlung“ und „vorsichtig“ ab und ist das übliche Wort für Medizin. „Hikma“ ist ein anderer Begriff für Medizin. Aber dieses Wort wird ebenso häufig mit Weisheit übersetzt. Es steht für die „Sophia“, die Liebe für das, was Philosophie genannt wird, und leitet sich aus einer Wurzel ab, die für „Urteil/Urteilen“ verwendet wird. Muslimische Ärzte wurden auch „Hakim“ genannt, denn sie zeigten den Menschen, wie sie gut zu leben haben, um gesund zu bleiben; nicht ausschließlich, weil sie diese behandelten, wenn sie krank wurden. Das taten sie natürlich auch. Hikma ist, im begrenzenden Rahmen von Medizin, das Wissen darüber, wie wir am besten essen, schlafen, uns bewegen etc., damit wir im bestmöglichen Gesundheitszustand verbleiben können.

Weisheit im Arabischen bedeutet kein aufgezeichnetes Wissen aus vergangenen Zeiten, sondern das richtige Urteil der Menschen, ob jung oder alt.

In dieser griechischen Sichtweise der Dinge kommt alles aus einem Zwischenspiel zwischen zwei Gegensätzen, die aus einer unitarischen Realität stammen. In ihrer Interaktion erzeugen sie vier Elemente: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Dabei wäre es ein Fehler, zu glauben, dass es eine Essenz namens „Erde“ und „Feuer“ gäbe. Es handelt sich um eine andere Betrachtungsweise der Dinge, die sich von der Newton’schen, die trotz aller Verfeinerung noch das naturwissenschaftliche Bild von der Welt prägt, unterscheidet. Die mechanistische Perspektive der Welt hat sich als Desaster erwiesen, und wir müssen nach neuen Deutungen suchen. Vielleicht finden wir beim Denken der antiken Griechen und der Araber Anknüpfungspunkte, um richtige Antworten zu finden.

Der Punkt, den wir beim griechisch-arabischen Denken verstehen müssen, ist, dass der Anfang Bewegung ist und dass sich alles in der Welt in Bewegung findet; sie ist dynamisch. Die Vorstellung, dass Gesundheit ein statischer Zustand sei, führt uns also nicht weiter. Alle erschaffenen Dinge, insbesondere die belebten, sind dynamisch und in Bewegung. Sie sind aber gleichermaßen ausgeglichen und bestrebt, ein Gleichgewicht zu finden.

Das beste Beispiel für diese ausgeglichene Dynamik, die in unserem Zusammenhang Gesundheit bedeutet, ist der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. In einer Überlieferung (Bukhari und An-Nawawi) des Gesandten Allahs heißt es: „Es gibt im Körper ein Stück Fleisch. Ist dieses gesund, ist der gesamte Körper gesund. Wenn es nicht gesund ist, dann ist der gesamte Körper nicht gesund. Wahrlich, es ist das Herz.“

An dieser Stelle können wir erkennen, dass die körperliche Gesundheit vom Herzen abhängig ist. Und das Herz wird hier als ein Stück Fleisch bestimmt, nicht als spirituelle oder esoterische Einheit. Jedoch reden wir andererseits nicht von der kardiologischen Einheit im Sinne des modernen Menschen, wenn dieser über das Herz spricht. Wenn sich das Herz demnach im richtigen Zustand befindet, ist so auch der Körper in Ordnung. Das entspricht aber keiner kardiologischen Position, die sich im Wesentlichen mit dem Wohlergehen einer Pumpe beschäftigt.

In einem Vortrag sprach der dänische Arzt Sören Ballegaard über das menschliche Herz. Er wies die Idee zurück, dass es nicht mehr sei als eine bloße Pumpe. Ballegaard verwies auf die gesündesten menschlichen Herzen in Europa, die sich in Kreta finden lassen. Ihre Diät ist weder Cholesterin-arm, noch fänden Anhänger gesunder Ernährung ihre helle Freude daran. Sie rauchen, trinken Kaffee und essen reichlich Fleisch. Kreter jedoch essen niemals allein. Ihre Tische sind immer gefüllt mit Männern, Frauen, Kindern, Nachbarn, Tanten und Onkeln. Es sind diese Dinge, die die Herzen am Leben erhalten. Wir reden hier also nicht über Pumpen, auch wenn der medizinische Betrieb in der Lage ist, die Gesundheit dieser Pumpe zu bewerten.

Und so hat sich unser Bild vom Menschen verändert und wir sehen ihn als Wesen an, dessen Wohlergehen vom Herzen abhängig ist. Von allem, was wir aus der Offenbarung wissen, können wir Schlüsselpunkte über dieses Organ zusammenfassen: Es ist der Ort des Verstehens, des Intellekts und der inneren Schau (Basira).

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