Selbstkritik der Muslime ist gefordert

In den vergangenen Wochen haben sich die muslimischen Spitzenverbände gegenseitig so manches mediale Scharmützel geleistet und dabei das eigentliche Thema aus den Augen verloren: Wie schaffen es die Muslime in Deutschland, dass zukünftig ihre Strukturen demokratischer und transparenter unter dem Dach eines gemeinsamen Ansprechpartners werden? Es ist gut, dass nun endlich die Zeit gekommen ist, dass sie auch miteinander über diese Ziele sprechen. Die Tagung in Hamburg, wo fast alle „Großen“ – Zentralrat, Islamrat und der Verband islamischer Kulturzentren – mitgemacht haben, ist ein erster Anfang dazu. Nicht selten wurde versucht, den Vorsitzenden von Islamrat, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion DITIB und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland Begehrlichkeiten zur Meinungsführerschaft zu entlocken. Während Islamrat und Zentralrat sich zurückhaltend äußerten, platzte DITIB mit der Botschaft heraus: „Wir sind bereit, alle Muslime in Deutschland zu vertreten”. Das übersteigerte Selbstbewusstsein ist sicherlich auch eine Folge der moderaten Töne aus der Politik, die in DITIB – lange Zeit war es der Zentralrat – den neuen Prototypen eines „Islam light“ zu entdecken glaubte. Prompt reichte der Verband dann auch im letzten Monat in NRW, flankiert durch die dortige sozialdemokratisch-grüne Landesregierung, den Antrag auf Erlangung der Körperschaftsrechte ein. Doch damit wird weder die Frage nach einem gemeinsamen Ansprechpartner auf Bundesebene insbesondere der religiös praktizierenden Muslime – denn um diese geht es ja bei dieser Frage vorrangig – beantwortet, noch der so dringend benötigte Demokratisierungsschub in den muslimischen Verbänden eingeleitet. Von ihrer theologischen Ausrichtung sind die Verbände kaum unterscheidbar; sie halten uneingeschränkt an den klassischen Rechtsschulen fest.

Erst in den letzten Jahren haben sie jedoch begonnen, die Thematisierung des Muslimseins in einer pluralen europäischen Gesellschaft religiös-theologisch zu reflektieren. Die Islamische Charta des Zentralrats der Muslime ist ein Produkt dessen, zeigt aber auch gleichzeitig, dass dieser Prozess sich noch am Anfang befindet. Was aber deutlich fehlt, ist die Tatsache, dass kaum einer der Vertreter bisher eine Vorstellung hatte, wie es strukturell mit dem Islam in Deutschland weitergehen soll. Vonnöten ist eine Art Vision, wie ein zeitgemäßer Islam hier in Deutschland gelebt und vor allem vorgelebt werden kann, sowie eine überparteiliche Initiative, die diese Arbeit strukturell vorantreibt. Dass diese Initiative nicht vom Staat ausgehen kann, gebietet die Verfassung und wird von dessen Vertretern zu Recht immer wieder gebetsmühlenartig entgegengehalten. Jedoch steigt keiner mit einem eigenen Konzept in den Ring. Mittlerweile setzt sich eine illustre Gruppe aus Parteien, Akademien und Fachverbänden mit dieser Frage auseinander, aber die Muslime selbst sind bisher mit einem einheitlichen Vorschlag nicht in Erscheinung getreten. Das soll sich jetzt nach Hamburg ändern.

Die Gründe für diese Lethargie liegen tragischerweise zum Teil in den heutigen muslimischen Strukturen selbst begründet. Natürlich sind sie nicht immer hausgemacht – Vorurteile, Islamphobie und der fehlenden Goodwill seitens der Politik erschwert diesen Prozess erheblich. Oft ist es so, dass die Verantwortlichen der Verbände und Moscheegemeinden überproportional der ersten Generation der Einwanderer entstammen. Die erste Generation der Muslime hat in den „Gründerzeiten“ schier Außergewöhnliches geschafft. Sie haben die Moscheen, die heutige „islamische Infrastruktur“ gebaut, sind gleichzeitig ihrer Arbeit oder Ausbildung nachgegangen und haben Familien gegründet. Doch mit der Zeit haben sie neuen, nachgegangen und haben Familien gegründet. Doch mit der Zeit haben sie neuen, unverbrauchten Kräften immer weniger Platz eingeräumt. Die neue Generation muss oft mit ansehen, wie ihnen, trotz erfolgreicher Karriere im Berufsleben, das Recht auf Mitbestimmung in ihrer eigenen Community nicht gerade erleichtert wird. Eine für die muslimischen Gemeinden so dringende Frischzellenkur im größerem Ausmaß blieb somit bisher aus. Auch schleppen eine nicht unbedeutende Anzahl von Moscheegemeinden weiterhin historische Altlasten mit sich: Oft importierten deren Vertreter religiös-politische Ansichten bestimmter Bewegungen aus ihren Heimatländern in die Gemeinden. Während ihres Exil-und Studentendaseins, besonders in den 70er und 80er Jahren, verloren sie ihre politischen Vorstellungen kaum aus den Augen.

Die Vermengung von religiösen und sozialen Aufgaben auf der einen Seite und die Unterstützung von Aktionen für politische Veränderung jenseits der deutschen Grenzen in den unterschiedlichsten Formen – von der Gründung von Parteien bis hin zum Zusammenschluss von Geheimbünden – konnte auf langer Sicht nicht gut gehen. Diese Aktivitäten gingen oft an den religiösen Bedürfnissen der anwachsenden deutschen Community vorbei. Erfreulicherweise haben sich viele der Moscheegemeinden heute davon verabschiedet. Dennoch: Die internationalen Verwerfungen in der islamischen Welt wie zum Beispiel der Irakkrieg, die sich immer auch in der Gemeinde widerspiegeln, erschweren diesen Abnabelungsprozess. Auf der anderen Seiten können die unter direkter staatlicher Einflussnahme stehenden Verbände in Deutschland dazu auch keine wirkliche Alternative darstellen. Sie sind aufgrund der strukturellen Fremdbestimmung kaum in der Lage, die Frage nach einem einheitlichen Ansprechpartner befriedigend zu lösen. Angesichts dieser schweren Altlasten müssen sich die Verbände bei der neuen Struktur etwas einfallen lassen. Das Treffen in Hamburg ist ein richtungsweisender Anfang. Die eigentliche Arbeit liegt aber noch vor uns.Aiman Mazyek (36) war lange Jahre Pressesprecher des Zentralrats der Muslime in Deutschland und ist seit über 15 Jahren in unterschiedliche Arbeiten in der muslimischen Community involviert. Unter anderem war er Direktor des ersten Islampavillons auf einer EXPO (EXPO 2000 Hannover). Aiman Mazyek ist Projektleiter von islam.de und stellvertretender Vorsitzender der von Rupert Neudeck und ihm gegründeten Hilfsorganisation Grünhelme. Als ehemaliger Bürgermeisterkandidat ist er für die FDP in Alsdorf kommunalpolitisch aktiv. Mazyek studierte Politische Wissenschaften an der RWTH in Aachen.

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