Islam in Tibet

(iz). Während im Vorfeld der kommenden olympischen Spiele die chinesische Besetzung Tibets und teils gewalttägige Unruhen gegen diese die Berichterstattung dominieren, beschränkt sich die mehrheitliche Berichterstattung auf einfache Bilder. Dass die militanten Elemente des tibetischen Protests sich nicht nur gegen Repräsentanten des chinesischen Zentralregimes richteten, sondern vor allem gegen seit Jahrhunderten in der Region einheimische Muslime und ihre Geschäfte und Moscheen, bleibt bei dieser Sichtweise, welche hier bei uns von Tibet herrscht, leider unerwähnt. Aus diesem Anlass fassen wir einige Beobachtungen des US-amerikanischen Professors für Philosophie1, José Ignacio Cabezón, zusammen, der zahlreiche Erfahrungen im Himalaya gemacht hat.

Während eines Besuchs in Lhasa (1991) sah ich meine erste tibetanische Moschee. Natürlich wissen Studenten Tibets, dass es hier Muslime gibt und dass sie eine wichtige Rolle in der tibetanischen Gesellschaft spielen. Wegen der Beschäftigung mit dem Buddhismus in Tibet nehmen viele unbewusst an, dass die Gesellschaft am Himalaya eine monolithisch buddhistische sei. Wie vorurteilsbeladen diese Vorstellung ist, ergibt sich beim Anblick einer Moschee im Herzen Lhasas oder einem Spaziergang durch das muslimische Viertel der Stadt. Wieder einmal war ich von der Vielfalt der Stadt und ihrer Einwohner ergriffen und stellte mir vor, wie das städtische Zentrum des Himalayas in früheren Zeiten gewesen sein muss, als Menschen aus Indien, Nepal, Bhutan, Ladakh, Zentralasien, der Mongolei, China und sogar Südostasien einen größeren Zugang hatten.

Islam kam nach Tibet aus zwei Richtungen: dem Norden und dem Westen. Von Arabien über Persien und Afghanistan auf der alten Seidenstraße reisend, breitete der Islam sich im 7. Jahrhundert nach China aus. Von der nördlichen Provinz Ningxia und anderen Orten Chinas gingen Muslime nach Süden in das Gebiet des heutigen östlichen Tibets. Chinesische Muslime, die Hui, siedelten sich später in der gesamten Region an und betrieben von dort aus Handel mit der Mitte Tibets. Auch heute noch finden sich ihre Nachkommen im östlichen Tibet. Andere Muslime kamen vom Westen aus nach Lhasa, wo sie bis zum heutigen Tage in einer kleinen, eng verbundenen Gemeinde miteinander leben.

Die Gebiete des heutigen Afghanistans und der neuen Nationen Zentralasiens lagen für Jahrhunderte außerhalb des tibetanischen Einflusses, während zuvor sogar der Regent in Kabul, der zwischen 812 und 814 den Islam annahm, die tibetische Oberhoheit anerkannte. Auch wenn Tibeter und Araber bereits seit dem frühen 9. Jahrhundert miteinander in Kontakt standen, begann die zusammenhängende Ansiedlung von Muslimen aus dem Westen in Tibet erst im 12. Jahrhundert. Ein Teil des Zustroms kam aus Turkestan, Baltistan und Kaschmir über Ladakh und breitete sich von dort aus nach Westtibet und Lhasa aus. Zwei zentralasiatische Gestalten, Ali Hamadani und sein Sohn, Muhammad Nur Bakhsch, scheinen die Initiatoren für eine großflächige Annahme des Islam in Baltistan gewesen zu sein.

Die muslimische Gemeinde Lhasa besteht aus zwei unterschiedlichen Gruppen von Menschen: Jene, die Teil des chinesischen Kulturraums sind und jene, deren Hintergrund aus Kaschmir, Nepal, Ladakh stammt und nicht-chinesisch ist. Von der zweiten Gruppe leben in Lhasa weniger als tausend Menschen. Ihr tibetanischer Name „Kha Che“ bedeutet sowohl „kaschmirisch“ als auch „muslimisch“. Von den chinesisch-stämmigen Hui-Muslimen leben in Lhasa ca. 2.000 Menschen. Beide Gruppen benutzen jeweils eine der beiden wichtigsten Moscheen. Außerdem verfügen sie über getrennte Autoritäten in den Gemeinschaften und eigene Räte, die unabhängig voneinander Beziehungen zur Regionalregierung Tibets unterhalten. Die seit 1959 anhaltende chinesische Besatzung Tibets hat auch für die Muslime des Landes zu Problemen und Schwierigkeiten geführt. Viele der Hui sind Schlachter oder Gemüsebauern, während die „Kaschmiris“ überwiegend Händler sind.2

Auch wenn muslimische Händler bereits seit langem in den wichtigsten Städten vertreten waren, markierte die Regierungszeit des fünften Dalai Lama einen Wendepunkt für den Islam in der unwirklichen Bergwelt Tibets. Er gab den Muslimen den Ort, um eine Moschee zu errichten. Aber der Lama ermöglichte den Muslimen mehr als nur den Bau eines Gebetshauses, er übernahm auch das Patronat von 14 muslimischen Älteren und 30 Jugendlichen. Seine positive Einstellung scheint Teil einer größeren Politik zur Ermutigung von ethnischer, kultureller und wirtschaftlicher Vielfalt in Tibet gewesen zu sein, die als „die Einladung der Leute“ bekannt wurde. Darüber hinaus wurden den Muslimen umfangreiche Freiheiten gewährt, ihre eigenen rechtlichen Angelegenheiten innerhalb ihrer Gemeinschaften entsprechend dem islamischen Recht zu lösen und Geschäfte zu eröffnen, ohne Steuern zahlen zu müssen. Heute ist das vom damaligen Dalai Lama gestiftete Grundstück als „Park der Muslime“ bekannt. Solange es nur eine einzige Moschee in Lhasa gab, wurde sie für das Freitagsgebet von allen Muslimen benutzt.

Nur wenige Tibeter haben Kenntnis von den historischen Texten, in denen die Geschichte der Muslime, die unter ihnen leben, behandelt wird. Die Begegnungen mit dem Islam ergaben sich, wie in vielen anderen Fällen auch, durch den direkten Kontakt mit muslimischen Händlern. Im Osten kamen sie aus China und im Westen aus Indien, insbesondere aus den Regionen Ladakh, Kaschmir, Bihar umd Kalimpong. Noch vor den wirtschaftlichen Anreizen des fünften Dalai Lamas waren muslimische Händler aus dem Westen eine der wenigen Quellen von vielen wichtigen Dingen für den tibetanischen Alltag wie Safran, Trockenfrüchte, Zucker und Textilien. Auf ihrer Heimreise brachten sie Wolle, Moschus, aber auch Tee, tibetanische Schals, Salz, Gold, chinesischen Türkis und Yak-Schwänze mit, die bei den mongolischen Nachkommen in Zentralasien als Zeichen für Autorität galten. Manche waren nur temporäre Wanderer, während andere sich niederließen und den Kern für eine oft wohlhabende und kulturell aufstrebende muslimische Gemeinde bildeten. Es kam dabei nicht selten vor, dass die Händler oder ihre Nachkommen Tibeterinnen heirateten, die den Islam annahmen.

Auch wenn die Muslime für den größten Teil der Zeit sozio-ökonomisch, kulturell und sprachlich in die tibetanische Gesellschaft integriert sind und waren, haben sie einen starken Sinn ihrer muslimischen Identität bewahrt. Dies ist ein normaler Vorgang, da sie ihre Religion angesichts einer sie umgebenden überwältigend buddhistischen Welt bewahren wollten – eine Welt, die nichtsdestoweniger ihre Heimat ist.

Die oben erwähnten Privilegien für die Muslime Tibets wurden ihnen im Laufe der Zeit von der Regierung der Region in schriftlicher Form zugesichert. Sie konnten sie bis zur chinesischen Besetzung des unwirtlichen Hochlands ausüben. Analog zur Behandlung der buddhistischen Tibeter waren auch sie nach der Okkupation des Landes durch Peking einer sehr schlechten Behandlung, Unterdrückung und Terrorisierung ausgesetzt. Viele von ihnen, im Austausch für die freie Ausreise eines muslimischen Landes ihrer Wahl, mussten in Folge der Ereignisse ihr Eigentum an die chinesischen Behörden verkaufen. Diejenigen, die blieben, sahen sich Restriktionen ausgesetzt und mussten einen sozialen Boykott über sich ergehen lassen.3 Zu einem bestimmten Zeitpunkt war es anderen verboten, ihnen Lebensmittel zu verkaufen. Ein Teil von den Auswanderern ließ sich in Kaschmir nieder, der Region, aus der die Vorfahren einiger Muslime stammten.

Nach Angaben einiger Berichte leben heute 3.000 tibetanische Muslime und ca. 20.000 chinesische Muslime in Tibet. Außerhalb ihrer Heimat haben sich hunderte Familien in Indien, in Kaschmir und in Nepal angesiedelt.

1 An der Iliff School of Theology in Denver
2 Dies führte in letzter Zeit in manchen Regionen Chinas auch außerhalb Tibets, in denen Muslime und Tibeter wohnen, zu Konflikten, da sich manche Tibeter, die vielfach immer noch Nomaden oder Halbnomaden sind, durch die geschäftstüchtigeren muslimischen Händler benachteiligt fühlen.
3 Muslims of Tibet, Masood Butt, Februar 1994

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