Muslime in England

Großbritannien gilt unter jungen Muslimen manchmal als heimliches Vorbild. Nicht nur gibt es dort eine Gemeinschaft mit wesentlich längeren britischen Traditionen, auch kommen viele für den europäischen Diskurs bedeutsamen Stimmen von der Insel. Auch in Sachen Jugendkultur haben britische Interpreten und Künstler einen bedeutenden Einfluss. Einzelne Gestalten wie Yusuf Islam, Sami Yusuf, Prince Naseem und manch anderer Sportler sind Botschafter Großbritanniens bei jungen europäischen Muslimen. Hyder Abbasi wurde 1984 im pakistanischen Rawalpindi geboren und wuchs in der mittelenglischen Stadt Rugby auf. Abbasi studiert englische Literatur und Sprache an der Universität von Leicester. Darüber hinaus schreibt er als freier Autor für Universitätsmagazine und publizierte bereits in der englischsprachigen „Islamica“. Mit ihm sprachen wir über die Lage junger Muslime in England, ihre Erwartungen und die Veränderungen seit den Anschlägen in New York und London. Islamische Zeitung: Du bist in einer kleineren mittelenglischen Stadt aufgewachsen. Wie empfindest Du heute Deine Kindheit?

Hyder Abbasi: Ich wuchs in der überwiegend nichtmuslimischen, weißen Stadt Rugby auf, wo es nur eine kleine muslimische Gemeinschaft überwiegend pakistanischer Herkunft gab. Islam spielte damals in meinem Leben keine entscheidende Rolle. Die pakistanische Kultur war wichtiger als die Religion selber. Ähnlich wie im Christentum wurde halt das Freitagsgebet zelebriert und das war es dann auch. Ich habe auch eine Madrassa besucht, aber wohl nur, um meinen Eltern einen Gefallen zu tun.

Islamische Zeitung: Ist bei Dir aus Deiner Zeit in der Madrassa etwas hängen geblieben?

Hyder Abbasi: Offen gestanden ist mit Ausnahme des Segens vom Lesen des Qur’an nicht wirklich etwas übrig geblieben. Man hat nichts bleibendes gelernt. Vor allem die Art und Weise, wie man uns unterrichtete, hatte negative Erinnerungen hinterlassen. Die angestellten Imame aus Pakistan sprachen auch alle kein Englisch. Es gab keine funktionierende Kommunikation zwischen den Schülern und ihren Lehrern. Entweder man wurde geschlagen oder man ist abgehauen.

Islamische Zeitung: Die Moschee hatte also keinen bleibenden Eindruck bei Dir hinterlassen?

Hyder Abbasi: Nein, nicht wirklich. Ich bin ja damals sowieso nur hingegangen, um meinen Eltern keinen Ärger zu bereiten. Sobald das zu Ende gegangen ist, habe ich mich um mein eigenes Leben gekümmert. Am meisten hing diese Entfremdung davon ab, wie mit uns umgegangen wurde. Die Kommunikation war zumeist sehr einseitig und bestand in der Regel in Befehlen. Die Bedeutungen der Lehre wurden uns nicht vermittelt. Es gab keine Seele darin. Darüber hinaus waren die Räumlichkeiten auch nicht wirklich so, dass man dort seine Zeit verbringen wollte.

Islamische Zeitung: Also hatte die nichtmuslimische Umwelt einen größeren Einfluss auf Dich?

Hyder Abbasi: Ja genau, der Islam nahm in diesen prägenden Jahren meiner Jugend keinen wirklichen Einfluss auf mich. Mein Leben bestand aus den von mir besuchten Clubs und meinem Freundeskreis.

Islamische Zeitung: War für Dich als Jugendlicher Rassismus eine alltägliche Größe?

Hyder Abbasi: Ja. Wie gesagt, habe ich in einer Kleinstadt gelebt. Die pakistanische Minderheit war sehr klein und deshalb gab es recht regelmäßig auch Rassismus. Wenn man älter wird, geht man anders damit um. Als Jugendlicher nimmt man eine aggressivere Haltung dazu ein und tendiert dazu, häufiger mal auf Angriff zu schalten. Das hat vor meiner Zeit in der Highschool bei mir dazu geführt, dass ich sehr nationalistisch eingestellt war. Ich habe mich damals als Pakistaner und nicht als Brite gefühlt und diese Emotion auch zum Ausdruck gebracht. Wo ich hinging wurde ich daran erinnert, dass ich ein „Paki“ war. Also war ich auch einer.

Islamische Zeitung: Was hat Dein Interesse am Islam wieder geweckt?

Hyder Abbasi: Es gab eine ganze Reihe an Faktoren. Zum einen wurde mir bewusst, dass meine Religion und meine Kultur ein integraler Bestandteil meiner Existenz war, auch wenn sie einige Zeit in den Hintergrund trat. Mir war immer klar, dass ich mich dem nicht entziehen konnte. Tief in mir wusste ich, dass der Din die Wahrheit war. Und dann geschah der 11. September, was den Islam inmitten der Mehrheitsgesellschaft auftauchen ließ. Dies motivierte mich, aktiv zu werden und die Religion wieder zu praktizieren. Ich bekam viele Fragen und musste mir auch jede Menge herab setzender Bemerkungen von nichtmuslimischer Seite anhören, sodass ich dem begegnen und diese Fragen beantworten wollte. Das hat meinen Islam wieder in mir bestärkt. Im gewissen Sinne hat mich Allah durch dieses erschreckende Ereignis daran erinnert, dass der Islam mein Schicksal ist.

Islamische Zeitung: Hast Du das Gefühl, dass sich Deine Heimat durch den 11. September verändert hat?

Hyder Abbasi: Auf jeden Fall. Gerade die muslimische Gemeinschaft hier hat gut darauf reagiert. Die Muslime erkannten, dass sie nun in der Pflicht standen und viele Missverständnisse aus dem Weg räumen mussten. Es hat im ganzen Land enorme Anstrengungen geben, wie beispielsweise die „Islam Awareness Week“, die in jeder Universität Englands zu jedem Thema stattfindet.

Islamische Zeitung: Das Bild der britischen Muslime wurde in den letzten Jahren ja sowohl von säkularen Pop-Muslimen wie auch von Extremisten wie Abu Hamza oder dem debilen „Schuhbomber“ geprägt. Wie wirksam sind diese Bilder in Deinem Land selber?

Hyder Abbasi: Natürlich gibt es den allgemeinen Versuch, die extremistischen Elemente an den Rand zu drängen und ihnen keine Plattform zu ermöglichen. Wir alle waren vom 7. Juli schockiert. Niemand von uns hatte die Vorstellung, dass es so etwas geben könne. Danach mussten wir uns als Gesamtgemeinschaft einigen harten Fragen stellen. Du hast Recht, das Bild wird im Grunde von zwei Extremen geprägt: den Dschihadis auf der einen und den säkularistischen Muslimen auf der anderen. Es bleibt da nur wenig Platz in der Mitte. Es gibt in den so genannten „Reality TV Shows“ eine ganze Reihe von diesen säkularen Muslimen, die dort auftauchen und behaupten, sie würden uns junge Muslime vertreten. Und auf der anderen Seite haben wir Charaktere wie den berüchtigten Abu Hamza. Es ist sicherlich nachträglich zu kritisieren, dass wir Personen wie diesen Mann nicht öffentlich verurteilt haben.

Islamische Zeitung: Der organisierte britische Islam unterhält offenkundig recht gute Beziehungen zur offiziellen Politik. Für wie effektiv hältst Du das und glaubst Du, dass es ein Feedback zurück in die Community gibt?

Hyder Abbasi: Es geschieht im Augenblick eine Menge. Für mich ist vieles davon nur vorgeschoben, um den Anschein zu erwecken, es gäbe so etwas wie einen „Dialog“. Noch vieles muss hier bei uns geschehen. Es gibt große Unterschiede zwischen der muslimischen Gemeinschaft und ihrer nichtmuslimischen Umwelt. Der Dialog zwischen beiden muss fühlbar werden. Es gibt eine Arbeitsgruppe zwischen der Regierung und den muslimischen Gruppen in London, um dem Extremismus in den Gemeinden zu begegnen, was ich für sehr positiv halte. Allerdings besteht die Gefahr, dass große Organisationen wie das „Muslim Council of Britain“ zu viel von unserer Substanz kompromittieren. Es wird so das Bild erzeugt, dass ein gemäßigter Muslim weniger gefestigt in der religiösen Praxis wäre als die anderen. Ich glaube nicht an das Konzept des „gemäßigten Islam“. Meiner Meinung nach ist das der Versuch, die Regierung zu beruhigen.

Islamische Zeitung: Wie sehr stehen Eure Gemeinschaften im Austausch mit der Außenwelt?

Hyder Abbasi: Auch wenn vieles heute im Fluss ist und meine Generation immer mehr ein Teil der britischen Gesellschaft wird, wundert man sich doch manchmal, wie gerade in Mittelengland Gemeinschaften entstanden sind, in denen noch in der dritten Generation überwiegend Panjabi, Urdu oder Gujarati gesprochen wird. Viele haben wenige Außenkontakte und sprechen zum Teil ein recht schlechtes Englisch.

Islamische Zeitung: Apropos Englisch, Du studierst englische Literatur, was sicherlich nicht das beliebteste Studienfach unter Deinen muslimischen Kommilitonen ist…

Hyder Abbasi: (lacht) … Nein, sicher nicht. Ich bin in meiner Universität, in meinem Jahrgang der einzige männliche Muslim in diesem Studienfach. Die meisten Muslime entscheiden sich für ganz handfeste Studiengänge wie Medizin, Recht, Betriebswirtschaft oder etwas aus dem IT-Bereich. Nur wenige haben einen Zugang zu so etwas wie Literatur. Da ich aber immer gerne gelesen habe, schien mir das ein logischer Schritt zu sein.

Islamische Zeitung: Lieber Hyder, vielen Dank für das Gespräch.

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