Einbürgerungstest in der Kritik

Berlin (dpa) – Deutsch-Türken, Linke und Grüne lehnen die geplanten zusätzlichen Prüfungsfragen beim Einbürgerungstest ab. Die Türkische Gemeinde in Deutschland kündigte an, die Fragen zum deutschen Staat, zu Gesellschaft und Geschichte an Ständen etwa in Berlin auch Deutschen vorzulegen. Angesichts der steigenden Zahl junger Deutsch-Türken, die das Erwachsenenalter erreichen, starteten mehrere Verbände zugleich eine Kampagne für die doppelte Staatsbürgerschaft. Nach seit 2000 geltendem Recht müssen sich Betroffene mit 18 für die deutsche oder die andere Staatsangehörigkeit entscheiden.

Das CDU-geführte Innenministerium veröffentlichte die insgesamt 310 Fragen für den Einbürgerungstest im Internet. Wer auf einem Prüfungsbogen bei 17 von 33 Fragen die jeweils richtige Vorgabe ankreuzt, besteht den Test. Die Türkische Gemeinde ist grundsätzlich gegen solche Befragungen, wie der Vorsitzende Kenan Kolat dem «Kölner Stadt-Anzeiger» (Mittwoch) sagte. Besser seien Einbürgerungskurse. Auch Einstellungen würden abgefragt. «Das finden wir nicht gut.» Mit dem Test werden ab 1. September Kenntnisse über Deutschland als zusätzliche Voraussetzung bei Einbürgerungswilligen abgeprüft.

Grünen-Chefin Claudia Roth sagte: «Wir brauchen keine neuen Hürden, sondern eine Liberalisierung der Einbürgerung durch die doppelte Staatsbürgerschaft.» Die Migrationsexpertin der Linken, Sevim Dagdelen, kritisierte, rund sieben Millionen Menschen in Deutschland würden mit der Staatsbürgerschaft auch viele Rechte verwehrt. Sie forderte radikal vereinfachte Verfahren.

Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz nannte den Test dagegen «völlig unbedenklich». «Der Einbürgerungstest wird keine Einbürgerungsverhinderungsveranstaltung sein», sagte er der «Mitteldeutschen Zeitung» (Mittwoch). Die Antworten könne man lernen. Die entsprechende Rechtsverordnung bedarf nicht der Zustimmung von Bundestag oder Bundesrat.

Die türkischen Verbände warben eindringlich für Erleichterungen für in Deutschland geborene Deutsch-Türken. Rund 340 000 Menschen über 18 stünden absehbar vor der Entscheidung zwischen deutscher und türkischer Staatsangehörigkeit, sagte Kolat. Dabei fühlten auch die vielen Jugendlichen, die sich längst für Deutschland entschieden hätten, weiter eine türkische Identität. Der Entscheidungszwang solle zur Möglichkeit gemacht werden. So könnten auch bei den Behörden 340 000 Verfahren gespart werden. Kolat rief Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einer Initiative gegen die sogenannte Optionspflicht auf.

Vor acht Jahren war das Geburtsortsprinzip eingeführt werden, nachdem nicht mehr nur die Abstammung die Staatsangehörigkeit begründet. Etwa in Deutschland geborene Deutsch-Türken müssen aber zwischen 18 und 23 erklären, welchem Staat sie angehören wollen. Vor allem die Union sperrt sich gegen die doppelte Staatsangehörigkeit. 2007 lebten in Deutschland mehr als 2,1 Millionen türkischstämmige Menschen. Die Zahl der Einbürgerungen von Türken ging binnen fünf Jahren von rund 65 000 auf zuletzt rund 29 000 zurück. Insgesamt sank die Zahl der Einbürgerungen zeitgleich um rund 42 000 auf 113 000.

Der Vorsitzende des Verbands Türkischer Studierendenvereine, Serdar Yazar, sagte: «Sich als Berliner, als Istanbuler, sich als Deutscher, als Türke zu fühlen, sind keine Gegensätze.» Vielfältige Identitäten seien Realität. Sein Kollege von den Türkischen Akademikern Europas EATA, Kerim Arpat, kritisierte, heute gebe es in den Schulen eine «Zwei-Klassen-Gesellschaft». Junge EU-Bürger und Deutsch-Türken aus gemischten Ehen bekämen zwei Pässe. «Es geht nicht um ein Stück Plastik», sagte Arpat, oder um das Wahlrecht, sondern um die Identität. Als beispielhaft nannte Kolat deutsche und zugleich türkische Fahnen an Autos während der Fußball-Europameisterschaft.

Grüne und Linke kritisierten auch die geplante erleichterte Zuwanderung für den Arbeitsmarkt als ungenügend. Ausländische Arbeitskräfte «sollen rechtlose Sklaven bleiben», sagte Dagdelen. Der Verwaltungsratschef der Bundesagentur für Arbeit, Peter Clever, sprach sich in der «Rheinischen Post» für eine Ausweitung aus. Binnen fünf Jahren seien mehrere hunderttausend qualifizierte Zuwanderer nötig.

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter deutschland, Migrationshintergrund, Türkei

3 Antworten zu “Einbürgerungstest in der Kritik

  1. Ein kurzfilm-Tipp zum Einbürgerungstest. Onlne Anschauen ist möglich.

  2. Hier eine mehrfach preisgekrönte Kurzfilm Satire zum Einbürgerungstest.
    Der komplette Film ist auch online anzuschauen.

  3. Die meisten Fragen sind leicht eigentlich. Hier gibt es ein Einbürgerungstest mit 33 Fragen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s