Karadzic versteckte sich hinter falscher Identität

22. Juli 2008, 12:06 Uhr

KRIEGSVERBRECHER

Karadzic versteckte sich hinter falscher Identität

Zwölf Jahre lang narrte der mutmaßliche Kriegsverbrecher Karadzic seine Häscher – wie er so lange unentdeckt bleiben konnte, haben die serbischen Fahnder nun enthüllt: Karadzic legte sich eine neue Identität zu. Mit langem weißen Haar, Bart und Brille arbeitete er in einer Arztpraxis in Belgrad.

Belgrad – Es wurde unruhig im Raum, als der serbische Minister Rasim Ljajic bei der Pressekonferenz zur Festnahme Radovan Karadzics ein kleines Foto in die Luft hielt: Das Bild zeigt den einst meistgesuchten Mann des Balkans – in schwarzer Kleidung, mit langen schlohweißen Haaren, langem Bart und Brille. Das soll Radovan Karadzic sein? Das zumindest ist das Geheimnis seiner langen Flucht: eine falsche Identität.

Rasim Ljajic, als Minister zuständig für die Zusammenarbeit der serbischen Regierung mit dem Uno-Kriegsverbrechertribunal, berichtet, Karadzic habe zuletzt in einer privaten Arztpraxis in Belgrad gearbeitet. Er habe sich mit „alternativer Medizin“ beschäftigt und sei wegen seiner perfekten Tarnung nicht entdeckt worden. Er habe unerkannt durch Belgrad marschieren können und einen gefälschten Personalausweis auf den Namen Dragan Dabic besessen.

Die Enttarnung des früheren bosnischen Serbenführers gelang durch einen Zufall. Nach Behördenangaben entdeckten die Ermittler Karadzic bei der Suche nach dem ebenfalls flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic. Polizei und Geheimdienste hätten die Helfershelfer von Mladic observiert und seien auf Karadzic gestoßen, sagte Ljajic in Belgrad.

Serbien steht seit Jahren unter erheblichem internationalem Druck, mutmaßliche Kriegsverbrecher an das Uno-Kriegsverbrechertribunal auszuliefern. Karadzic ist wegen Völkermords und anderer Verbrechen angeklagt. So wird er unter anderem gemeinsam mit dem damaligen Befehlshaber der bosnisch-serbischen Streitkräfte, Ratko Mladic, für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem 8000 Muslime ermordet wurden. Karadzic war seit zehn Jahren untergetaucht.

Der Festgenommene wurde noch in der Nacht verhört, hat sich aber zu den Vorwürfen des Völkermords bislang nicht geäußert. Zu den Umständen seiner Festnahme gibt es unterschiedliche Angaben. Die offizielle Version lautet, er sei am Montagabend gefasst worden. Karadzic selbst allerdings gab laut seinem Anwalt an, er sei bereits am Freitag festgenommen und tagelang gefangen gehalten worden. Die Behörden wiesen das allerdings nun zurück.

Nach der Festnahme versammelten sich in der Nacht Dutzende seiner Anhänger vor dem Gerichtsgebäude in Belgrad, in dem der Festgenommene dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurde. Schwerbewaffnete Einheiten der serbischen Polizei zogen in der Nacht vor dem Gebäude auf. Die Einsatzkräfte bildeten einen dreifachen Sicherheitsring um das Gebäude. Auch die US-Botschaft, die bereits im Februar im Kosovo-Konflikt zur Zielscheibe serbischer Ultranationalisten geworden war, wurde von der Polizei geschützt.

Mehrere Anhänger Karadzics vor dem Gebäude wurden festgenommen, nachdem sie auf Reporter losgegangen waren. Karadzic wird von vielen Serben immer noch als Patriot verehrt. „Karadzic, du Held“, riefen seine Anhänger, und „Tadic, du Verräter“.

Freudenfeiern in Sarajevo

Mit Autokorsos und Hupkonzerten feierten hingegen bosnische Muslime in der Nacht zum Dienstag in Sarajevo die Festnahme Karadzics. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der bosnischen Hauptstadt. Viele Bewohner zogen jubelnd, singend und tanzend auf die Straßen.

Der Chefankläger des Haager Tribunals, Serge Brammertz, gratulierte den serbischen Behörden zu der Festnahme. „Das ist ein wichtiger Tag für die Opfer, die seit über einem Jahrzehnt auf diese Festnahme gewartet haben“, sagte er. „Es ist auch ein wichtiger Tag für die internationale Justiz, da dies klar vor Augen führt, dass niemand außerhalb des Gesetzes steht und dass alle Flüchtigen früher oder später der Justiz überstellt werden.“ Sollte Karadzic nach Den Haag ausgeliefert werden, wäre er der 44. Serbe, der dem Tribunal überstellt wird.

Prominentester Verdächtiger war bislang der frühere serbische Präsident Slobodan Milosevic, der 2000 gestürzt wurde und 2006 in Untersuchungshaft in Den Haag starb.

Jetzt fahndet das Uno-Tribunal noch nach zwei mutmaßlichen Kriegsverbrechern: Karadzics frühere rechte Hand Mladic und dem früheren Serbenführer in Kroatien, Goran Hadzic. Dem Bosnien-Krieg von 1992 bis 1995 fielen rund 100.000 Menschen zum Opfer, etwa 1,8 Millionen wurden in die Flucht getrieben.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Krieg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s