War Frantz Fanon Muslim?

HELLSICHTIGER ANALYTIKER DER DRITTEN WELT*Eine neue Biographie entzerrt das Bild Frantz Fanons

Es gibt offenbar durch reine Willensanstrengung kaum zu verkürzende Fristen, die verstreichen müssen, ehe ein Land reif geworden ist, mit seinem kollektiven Selbstbild schwer vereinbare Episoden seiner jüngeren Geschichte als Daten der nationalen Geschichte anzuerkennen. In Frankreich beispielsweise haben etwa vierzig Jahre vergehen müssen, ehe der von 1954 bis 1962 geführte Algerienkrieg ohne die übliche Beschönigung in Augenschein genommen werden konnte. Nach Erscheinen einer Reihe dem Krieg kritisch gewidmeter Bücher räumten Ende 2000 pensionierte Armeegeneräle auf einmal ein, dass bei der Bekämpfung des algerischen Aufstands in der Tat gefoltert, gemordet und zur Abschreckung auch wahllos massakriert wurde, und zwar auf allerhöchsten Befehl, und dass Generäle zuweilen auch selbst mit Hand anlegten. Mit dem veränderten Zeitklima hängt auch zusammen, dass nun einem der bedeutendsten Köpfe der algerischen Revolution, dem schwarzen Denker Frantz Fanon, nach langen Jahren posthumer Verleumdung und geistiger Exkommunikation endlich Gerechtigkeit widerfahren kann.

Unternommen wird das in einem jüngst bei Le Seuil in Paris erschienenen Buch, das die französische Psychoanalytikerin und Psychiatrin Alice Cherki verfaßt hat: Frantz Fanon. Portrait ist die Arbeit schlicht überschrieben, die sich nicht als konventionelle Biographie versteht. Die in der jüdischen Minorität des französischen Algerien aufgewachsene Autorin war mit dem 1961 verstorbenen Fanon als Arztkollegen in der psychiatrischen Anstalt des algerischen Blida gut bekannt gewesen; doch mit Anekdoten aus dem Leben des aus Martinique stammenden schwarzen Psychiaters und Schriftstellers wartet sie nicht auf, womit sie auch Fanon selbst die Treue hält, der Details seines Lebens als nebensächlich ansah. Es kommt ihr vielmehr darauf an, die Entwicklung seines Denkens von den gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen her zu erläutern, die darin verarbeitet sind. Das ist ihr hervorragend gelungen.

Der 1925 als Sohn eines schwarzen Zollinspektors und einer mulattischen Kleinhändlerin in Fort-de-France, der Hauptstadt Martiniques, geborene Frantz Fanon wuchs in einer französischen Kolonialgesellschaft auf, die sich ihm erst dann als fremdbestimmte Ordnung eigener Art zu erkennen gab, als er im Zweiten Weltkrieg mit der Welt jenseits der Antillen in Berührung kam. Noch vor dem Schulabschluss meldete sich Fanon freiwillig bei de Gaulles auf Seiten der Alliierten gegen Hitler kämpfenden Forces Françaises Libres, wurde zur Ausbildung nach Nordafrika geschickt und dann als Soldat der gegen die deutsche Wehrmacht kämpfenden 1. Kolonialarmee eingesetzt. Die Befreiung des Elsass von der Nazibesetzung, die er im Frühjahr 1945 miterlebte, empfand Fanon nicht als ungetrübten Triumph der Freiheit. In Briefen an seine Eltern zeigte er sich bitter enttäuscht von den Verhältnissen in der antifaschistischen Armee, in der er auf Schritt und Tritt weißem Rassismus begegnete. Bei den Siegesfeiern im Mai 1945 wurden die schwarzen Soldaten, die stets als erste den Kopf hatten hinhalten müssen, nach Möglichkeit versteckt. In Fanons ersten, 1952 veröffentlichten Buch Schwarze Haut, weisse Masken sind Erfahrungen dieser Art reflektierend verarbeitet.

In Lyon nahm Fanon danach das Medizinstudium mit Fachrichtung Psychiatrie auf, hörte Vorlesungen des Philosophen Merleau-Ponty, las Sartres Zeitschrift Les Temps Modernes, beschäftigte sich mit Freud und mit Hegel. Nach Promotion und Approbation als Facharzt für Psychiatrie wurde der neunundzwanzigjährige Fanon auf den Posten des Chefarzts der psychiatrischen Klinik in Blida südlich von Algier berufen. Von dem bald danach ausgebrochenen Aufstand blieb das Klinikleben nicht lange unberührt. Es wurden Patienten gebracht, die von dem Erlebnis der Gewalt traumatisiert waren, darunter ebenso Gefolterte wie Folterer; einige dieser Fälle hat Fanon später in seinem Buch Die Verdammten dieser Erde dokumentiert. Über christliche Hilfsorganisationen, die sich um erkrankte algerische Aufständische kümmerten, kam der Arzt Fanon mit der politischen Unabhängigkeitsbewegung selbst in Kontakt. Angesichts der sturen Weigerung der Pariser Regierung, den algerischen Aufstand anders als mit militärischer und polizeilicher Gewalt zu beantworten, legte Fanon den Chefarztposten nieder und siedelte mit Frau und Kind nach Tunis, den Sitz der provisorischen algerischen Regierung, über.

Zunächst als Psychiater weiterarbeitend, beteiligte er sich dort mehr und mehr publizistisch und politisch am Kampf der Algerier um die Unabhängigkeit. 1959 brachte er bei dem debütierenden Pariser Verleger François Maspero sein zweites Buch heraus, L’an V. de la révolution algérienne, zu deutsch Das Jahr 5 der algerischen Revolution. Das die Kolonialmacht Frankreich anklagende Buch skizziert ein künftiges freies Algerien, in dem Araber, Kabylen, Juden und christliche Europäer gleichberechtigt nebeneinander würden leben können. Bald nach Erscheinen wurde das Buch in Frankreich verboten.

Das Verbot machte den Namen Frantz Fanon erst recht bekannt, vor allem in Afrika und in dem Teil der Welt, den die französischen Ethnologen Albert Sauvy und Georges Balandier um diese Zeit als Tiers-Monde, Dritte Welt, definierten. Der französische Staat setzte unterdessen alles daran, Auftritte Fanons auf internationalen Kongressen zu verhindern, notfalls auch mit Hilfe von Attentaten. Wer auch immer Fanon nach dem Leben trachtete, er musste sich fortan nicht mehr allzusehr bemühen, denn Ende 1960 wurde bei Fanon eine besonders bösartige Form von Leukämie diagnostiziert. Der Arzt Fanon wusste, was das hiess und dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.

Nach Verabredung mit seinem Verleger Maspero nahm Fanon die Arbeit an einem neuen Buch auf, dessen Untersuchungsgegenstand der gesamte Entkolonisierungsprozess sein sollte. Im Wettlauf mit der Zeit diktierte er in Tunis Seite um Seite. Jean-Paul Sartre sagte zu, ein Vorwort zu verfassen. Nach Abschluss des Manuskripts reiste Fanon im Herbst 1961 auf Drängen von Freunden zur Behandlung seiner Krankheit in die USA. In einer Klinik bei Washington nahm er am 3. Dezember das druckfrische Exemplar seines Buchs, dessen Titel Die Verdammten dieser Erde er selbst bestimmt hatte, in Empfang. Drei Tage später, am 6. Dezember 1961, starb Fanon im Alter von 36 Jahren.

Welche Botschaften hat Frantz Fanon mit diesem Buch hinterlassen und für wen? Über das flammende Vorwort des zornbebenden Sartre, dem Fanatiker des französischen Algerien damals zweimal die Wohnung in Paris zerbombt hatten, sind viele offenbar nicht weit hinausgekommen, sonst wäre ihnen aufgefallen, dass der Autor Fanon sich nicht lange damit aufhält, die Kolonialmächte wortreich zum Teufel zu wünschen. Das Kolonialzeitalter war für ihn im Jahr der Niederschrift 1961 unwiderruflich zu Ende; ihm ging es darum, die in den Gesellschaften der unabhängig gewordenen Staaten der Dritten Welt weiterwirkende Hinterlassenschaften sowohl des Kolonialismus als auch der eigenen Stammesgeschichten namhaft zu machen und zu ihrer Überwindung beizutragen.

„Missgeschicke des nationalen Bewussteins“ ist ein zentrales Kapitel überschrieben, das die Bewohner der Dritten Welt mit allem Nachdruck dazu auffordert, in ihren neugeschaffenen Staaten die Bildung politisch bewusster, produktiver Bourgeoisien voranzutreiben. Gelingt dies nicht, warnte Fanon, dann bleibt die Gesellschaft beim Bewußtsein unpolitischer kleiner Zwischenhändler stehen, und die Befreiungsbewegung verkommt zur Einheitspartei, der, wie Fanon schrieb, modernen „Form der bürgerlichen Diktatur ohne Maske, ohne Schminke, skrupellos und zynisch.“ Mangels nationaler Perspektive ist der Weg zur „Stammesdiktatur“, wie er schreibt, dann nicht mehr weit, die ethnische und religiöse Spannungen anheizt und am Ende den jungen Staat zerfallen lässt.

Zu einem Zeitpunkt, als vielerorts in der Dritten Welt die neugewonnene fahnengeschmückte Unabhängigkeit noch euphorisch gefeiert wurde, hat Fanon aufgrund einer unbestechlichen Gesellschaftsanalyse die Gefahren benannt, die die postkolonialen Länder von innen bedrohten. Was später in Algerien unter und nach Boumedienne, aber auch in Nigeria, in der Kongo-Region, im Sudan, in Ruanda und anderswo geschehen ist, hat Fanon als fatale Möglichkeit bereits vor vierzig Jahren vorausgesehen. Wäre Die Verdammten dieser Erde tatsächlich und vollständig gelesen worden, hätte man sich in Europa viel wortreiches und sprachloses Entsetzen über die jüngsten afrikanischen Katastrophen sparen und mehr von ihren Ursachen begreifen können. Fanon hatte freilich gehofft, dass es so weit nicht käme. Vorzuwerfen wäre ihm post festum allenfalls das Festhalten an dieser Hoffnung.

Als schwarzer Rassist und Gewaltprediger ist Frantz Fanon in den achtziger Jahren von auch in Deutschland beachteten „neuphilosophischen“ Pariser Essayisten abgekanzelt worden, die sich schreibend der kränkenden Erinnerung an die eigene einstmals überbordende Drittweltbegeisterung zu entledigen anstrengten. Alice Cherkis informatives Fanon-Porträt bringt nun das desolate Ausmaß an Ignoranz und rassistischem Ressentiment zum Vorschein, das in diesen unter irreführenden Vorzeichen veranstalteten Abrechnungen steckt. Zur Korrektur solcher Verzerrungen böte sich im deutschen Sprachbereich an, Alice Cherkis ausgezeichnete Arbeit Frantz Fanon. Portrait ins Deutsche zu übersetzen.

Alice Cherki: Frantz Fanon. Portrait, Éditions du Seuil, Paris 2000, 313 S., 130.- FF

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