Warum?

Wie viel Sinn macht es als Nicht-Journalistin einen Artikel über ein Thema zu schreiben, das zurzeit hundertfach in den Medien ist und diesen ohne Kontakte zur Presse zu versenden? Ich weiß es nicht.

Doch kann ich nicht still bleiben. Es erdrückt mich. Dabei sind es nicht einmal die täglichen Bilder aus dem Gazastreifen. Diese machen betroffen, berühren, doch mit der Flut der täglichen Katastrophen haben wir wohl umzugehen gelernt. Wenn sie denn weit genug weg sind. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass das Schicksal der 1,5 Millionen Menschen im Gazastreifen die Außenwelt nicht sonderlich zu interessieren scheint. Und auch die Ereignisse in meiner unmittelbareren Umgebung, in der Westbank, sind nicht die Ursache für diese Schwere in mir. Denn auch an die tägliche Präsenz des Militärs in Jayyous, an Soldaten, selbst noch Kinder, die ihren Anweisungen folgend oder manchmal vielleicht auch nur aus Langeweile, ins Dorf kommen, habe ich mich gewöhnt. Und auch an die Tatsache, dass Demonstranten mit scharfer Munition begegnet wird. Kinder mit Steinen gegen Kinder mit einer M16. In Qalqiliya, dem nächst größeren Ort, hat dies gestern einem 20-jährigen das Leben gekostet, der vierte in der letzten Woche, also nicht ganz so häufig und dennoch schon fast normaler Bestandteil des Alltags. Und trotzdem finde ich in den Protesten momentan als einziges so etwas wie eine innere Ruhe, kann ich die Schwere in mir ertragen. Denn was mich innerlich zerreißt, mir wie ein unendlich großes Gewicht auf der Seele lastet ist der Schmerz in den Menschen die mich umgeben. Und das einzige, was ich tun kann ist mit diesen Menschen sein, mit ihnen reden, ihren Schmerz teilen. Ein Schmerz, der auf keinem Bild festzuhalten und mit Worten nur schwer zu erklären, der so allumfassend ist, dass er sich wie ein unsichtbarer Schleier über das legt, was einmal ein fast normales Leben war, der nun jedoch jeglichen Ansatz von Normalität unmöglich macht, ein Leben unmöglich macht. Sicher, die Menschen hier haben zu Essen und zu Trinken, ein Dach über dem Kopf und einige vielleicht auch eine gute Arbeit. Wie Walid, ein Freund aus Jayyous, der vor zwei Tagen eine neue Stelle an der Universität in Bir Zeit angefangen hat – ein Job, von dem er lange träumte. Doch kann ich seine Stimme kaum noch hören am Telefon, jedes Wort scheint eine unendliche Anstrengung zu sein, jeder Atemzug eine Qual. Wir haben viel gescherzt, uns gegenseitig aufgezogen, viele wundervolle Gespräche geführt – früher. Und wie sehr hat er sich auf diese Arbeit gefreut. Doch seit einer Woche ist nichts mehr wie es war. Ich merke, wie ich unbewusst unterteile, in vorher und nachher. Die Welt ist eingestürzt. Nur merkt das niemand. Es ist zu weit weg.

Heute Morgen sprach ich mit einer Freundin. Sie erzählte mir von ihrem gestrigen Besuch an der Schule in Aqraba, etwas weiter im Norden der Westbank. Und von den Fragen der Kinder. <Warum ist das Leben eines Israelis mehr Wert als das eines Palästinensers?>, <Warum sind wir seit so vielen Jahren besetzt und warum dürfen wir keinen Widerstand dagegen leisten?>, <Warum hilft uns niemand?>

Wissen Sie eine Antwort?

Kerstin Gollembiewski

zur Zeit für

Peace Watch Switzerland (EAPPI)

in Jayyous in der Westbank

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Krieg

2 Antworten zu “Warum?

  1. Patret

    „Warum ist das Leben eines Israelis mehr Wert als das eines Palästinensers?“

    Weil Israel jeden einzelnen seiner Bürger beschützt und sogar über den Tod hinaus bereit ist seine Bürger zu befreien.

    Weil die Hamas jeden einzelnen ihrer Bürger ins Feuer werfen würde, nur um ein bisschen Mitgefühl zu erhaschen.

    Darum.

  2. Wer beschützt Israelis vor ALLAH?
    Zerbrecht euern hirnlosen Kopf über diese Frage.

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