Vier deutsche Muslime über die mediale Debatte zum Thema „Konvertiten“

Nicht gefährdeter als andere

(iz). In immer wiederkehrenden Zyklen finden sich im öffentlichen Diskurs Aussagen, wonach neue Muslime, so genannte „Konvertiten”, im Hinblick auf eine Neigung zu Terrorismus oder Extremismus besonders gefährdet seien und ihnen daher besondere sicherheitspolitische Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse. Auch wenn in letzter Zeit häufiger auch betont wird, dass diese „neuen” Muslime nicht unter Generalverdacht gestellt werden sollten – zusammen mit anderen Berichten, in denen sie als „Außenseiter”, mit psychischen Problemen behaftet oder einfach „bizarre Gestalten” dargestellt werden -, entsteht aus verständlichen Gründen ein entsprechend unattraktives Bild von Menschen, die den Islam angenommen haben. Die IZ fragte die vier prominenten deutschen Muslime Kathrin Klausing, Dr. Murad Hofmann, Ahmad Aries und Dr. Ayyub Köhler über ihre Sicht dieser Problematik.

Islamische Zeitung: In Medien und Aussagen einzelner Politiker und Vertreter von Sicherheitsbehörden wird immer wieder suggeriert, dass Deutsche, die den Islam angenommen haben, so genannte „Konvertiten”, besonders zum Extremismus neigten und daher besonders gefährlich seien. Was sagen Sie dazu?

Kathrin Klausing: Ich kann da nur fragen, welche Zahlen man dafür hat. Gibt es Erhebungen oder Studien, die dies belegen? Nein, bisher nicht. Daher halte ich das für Stereotypen. Ich sehe es auch in der Realität nicht, dass der Großteil der Terroristen oder fanatischen Muslime Konvertiten sind oder umgekehrt oder dass die Konvertiten fanatischer veranlagt wären als andere Muslime.

Dr. Ayyub Köhler: Diese Argumentation ist nicht ungefährlich. Sie führt zu Ausgrenzung und Entfremdung auf beiden Seiten. Wir wissen nicht, wie viele Konvertiten es gibt, und wie viele davon überhaupt anfällig für Gewalt oder Terrorismus sein könnten. Es gibt natürlich auch das Phänomen, dass sich Konvertiten als besonders korrekte Muslime zeigen und beweisen wollen. Wenn diese Muslime dann in ihrem Glauben nicht gefestigt sind und es Anlässe wie den Krieg in Gaza gibt, können sie leicht Opfer von Demagogen und Scharfmacher werden.

Dr. Murad Hofmann: Es ist tatsächlich eine Erfahrung mit Konvertiten in allen Religionen, dass sie – zumindest am Anfang – zu Perfektionismus in der Ausübung ihrer neuen Religion neigen. Daraus ist jedoch nicht auf eine besondere terroristische Gefahr durch deutsche Konvertiten zu schließen. Wer dies tut, unterstellt dem Islam als solchem völlig zu Unrecht eine besondere Affinität zu Terrorismus. Man könnte genauso gut den umgekehrten Schluss ziehen, wonach alle Konvertiten besonders friedlich seien, weil der Islam eine Religion des Friedens ist. Auch dieses Pauschalurteil wäre indessen falsch. Der Wahrheit kommt man am nächsten, wenn man auch deutschbürtige Muslime als die Individuen begreift, die sie sind.

Ahmad Aries: Ich gehöre nicht zu den gegenwärtigen Konvertiten; ich bin 1954 Muslim geworden, damals waren wir noch ganz wenige. Ich sehe da einen deutlichen Unterschied. Wir sind auf der Suche nach Sinn zur Offenbarung Allahs gekomen und haben darin eine geistliche Heimat gefunden, häufig ohne viel Kontakt zu Muslimen zu haben. Viele der Jungen, die heute zum Islam kommen, kommen aus sehr unterschiedlichen Gründen an den Islam als Religion und nicht unbedingt dominant als Glaubensaussage. Religion meint die geschichtlich ausgebildeten Traditionen und Normen. Wir Älteren sind über den Tauhid gekommen; meines Eindrucks nach kommen die Jüngeren nicht unbedingt über den Tauhid, sondern über die Orthopraxie der Muslime. Sie haben da ein moralisches Korsett, an dem sie sich orientieren können. Es gibt offensichtlich auch eine Gruppe, die durch die problematischen sozialen Verhältnisse und die Widerstandsformen muslimischer Mehrheitsgesellschaften und Minderheiten eine Möglichkeit sehen, ihr Gerechtigkeitsempfinden zum Ausdruck zu bringen. Eine andere Gruppe scheint einen geistigen Weg zu gehen und stößt auf die Angebote der Tariqas und kommt so zum Islam. Man könnte das noch weiter ausdifferenzieren.

Islamische Zeitung: Könnten diese Aussagen auch auch gezielt dazu dienen, die Muslime gewordenen Deutschen und das Muslim werden zu diskreditieren?

Dr. Ayyub Köhler: Ich glaube nicht, dass diese Berichterstattung vordergründig dazu dient, Konvertiten insgesamt in Misskredit zu bringen. Dass sie dafür ausgenutzt werden kann, will ich nicht ausschließen.

Kathrin Klausing: Ich weiß nicht, ob dies bewusst passiert. Politiker oder Sicherheitsleute versuchen natürlich, möglichst Abstufungen oder Bewertungen vorzunehmen, welche Gruppen denn nun die gefährlicheren sind, nach Kriterien zu suchen, nach denen man die Leute einordnen kann. Vielleicht erregen Konvertiten unbewusst schon deshalb Verdacht, weil sie zu einer Religion übertreten, die von vielen als feindlich oder zumindest fremd angesehen wird.

Dr. Murad Hofmann: Es gibt tatsächlich eine Tendenz in deutschen Medien, alles islamische zu verteufeln: als Gefahr für die hier angeblich herrschende abendländisch-christliche Kultur. Dies ähnelt den jetzt tabuisierten, aber in Deutschland vorhandenen anti-jüdischen Vorurteilen. Man will einfach nicht wahrhaben, dass Europa in seinem Werden nicht nur vom Christen- und Judentum, sondern auch vom Islam bereichert wurde. Die aufkommende Deutschtümelei profitiert offenbar von einem Feindbild-Denken, bei dem hiesige Muslime – neben anderen – eine wichtige Rolle spielen.

Ahmad Aries: Was sehr deutlich ist, und das hat mir ein Politiker auch mal im kleinen Kreis gesagt: Der deutsche Bürger, der den Mainstream einer christlich-säkularen Gesellschaft verlässt und den Islam annimmt, wird als „Kulturverräter” gesehen. Und Verräter sind immer ein Problem. Daran ist interessant, dass dies gesellschaftspolitisch gesehen wird, und nicht unter der Option der Sinnwahl und des Bekennens zu einem Sinn und damit zu Gott dem Erhabenen. Das wird auch durch die unterschiedliche Interpretation von Art. 1 und 4.1 mit dem Begriff der Gewissensfreiheit nicht ganz abgedeckt, denn das Gewissen allein ist es nicht, sondern es ist die Glaubensentscheidung, die hier mit gemeint ist, und die wird in der politischen Diskussion nicht thematisiert.

Islamische Zeitung: Tatsächlich gibt es neue deutsche Muslime, die in extreme Kreise geraten, welche nicht unbedingt terroristisch ausgerichtet sein müssen, aber doch innerhalb des Islam extreme Positionen und Minderheitenmeinungen vertreten. Wie soll man darauf reagieren?

Dr. Murad Hofmann: Hintergrund dieses Phänomens ist das bei Neumuslimen häufig anzutreffende „Kafir-Denken”; also die Zweiteilung der Gesellschaft in (gute) Muslime und (böse) Ungläubige. Solche Muslime müssen mit der grundsätzlich pluralistischen Ausrichtung des Islam bekanntgemacht werden, wie sie im Qur’an vor allem in der Sure Al-Baqara, 256 („Kein Zwang im Glauben”), Al-Baqara, 109 („Euch euer Glaube und mir mein Glaube!”) und der Sure Junus, 99 („Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden?”) zum Ausdruck kommt. Unsere neuen Brüder und Schwestern müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass religiöser Pluralismus Gottes Wille ist (Sure Hud, 118).

Kathrin Klausing: Davon sind konvertierte Muslime keinesfalls mehr gefährdet als nichtkonvertierte. Da gibt es die gleichen Gefahren bei Jugendlichen oder Menschen, die nach Identität suchen. Ich kenne Konvertiten, die überall gelandet sind, sowohl im extrem liberalen Spektrum des Islam als auch im extrem konservativen, die zum Beispiel extreme Vorstellungen zur Geschlechtertrennung haben oder auch bezüglich Beziehungen zu Nichtmuslimen. Wenn man da versucht, aufzuklären, wirkt dies auch nur bei jenen, die es hören wollen. Viele Muslime haben eine historische Amnesie; sie nehmen die islamische Geistesgeschichte nicht wahr und haben ein sehr plattes, sehr monolithisches Bild von dem, was Islam war und ist. Ich sehe eine große Aufgabe in Bildung und der Vermittlung eines vernünftigen Umgangs mit Entwicklungen im islamischen Recht, islamischem Denken, Staats- und Politiktheorien, ohne dabei zu abgehoben zu sein. Sowohl Nichtmuslimen als auch Muslimen fällt heute ein differenziertes Denken in Bezug auf den Islam oft schwer. Es gibt viel Schwarz-Weiß-Denken.

Dr. Ayyub Köhler: Hier tragen die islamischen Verbände eine große Verantwortung, nämlich aufzuklären und die Emotionen in sinnvolle und konstruktive Aktionen zu lenken. Hier ist sogar Seelsorge angesagt. Wichtig erscheint mir, dass sich die Funktionäre und Imame ihrer Verantwortung den Muslimen gegenüber bewusst werden. Sie dürfen die Muslime mit ihren aufgeheizten Emotionen nicht allein lassen. Denn die Hassprediger und Scharfmacher warten schon auf sie. Auch im Interesse der einzelnen Muslime kann uns nicht daran gelegen sein, Hass zu erzeugen oder zu befördern, denn Hass zerfrisst die Seele und führt zur eigenen Isolation und zur Unfähigkeit zum konstruktiven Handeln. Wer seine Umgebung oder das Land, in dem er lebt, als Feind betrachtet, zerstört sich die Basis für seine persönliche Entfaltung. Wir müssen uns konstruktiv mit unserer Gesellschaft und der Politik auseinandersetzen. Allerdings werden wir keine kurzfristigen Erfolge erzielen. Wir müssen Geduld haben.

Ahmad Aries: Hier muss man in der einzelnen Biografie hinsehen, wo der Auslöser steckt. Ich sehe das sehr psychologisch. Ich denke, dass zum einen dieses jugendliche Gerechtigkeitssuchen ein Auslöser sein kann. Ein weiteres psychologisches Problem ist das Laissez-faire in moralischen Dingen, von Gut und Böse, von Halal und Haram. Dabei erfolgt dann keine Differenzierung mehr, wie sie sich so bewundernswert im Qur’an findet. Wenn das zugespitzt wird, taucht eine Radikalität auf, die unter Umständen zu pietistischer Frömmelei wird oder auch – wenn sie in die Aggression kippt – zur gewalttätigen Explosion. Es sind häufig junge Leute im Übergang zwischen Pubertät und Adoleszenz. Wenn sie auf jemanden stoßen, der die Radikalisierung der eigenen Haltung noch verstärkt, dann wird es zum Problem. Diejenigen die dann in die Radikalität wandern sind wenige. Prozentual gesehen sind das extrem geringe Zahlen.

Islamische Zeitung: Haben die neuen Muslime eine besondere Bedeutung für die muslimische Gemeinde in Deutschland insgesamt? Wenn ja, ist diese Rolle von der muslimischen Community ausreichend erkannt worden und werden die neuen Muslime entsprechend unterstützt?

Ahmad Aries: Viele neue Muslime tauchen in den Moscheen auf, sprechen ihr Bekenntnis und verschwinden wieder. Hinzu kommt, dass es in der deutschen Gesellschaft nicht ganz einfach ist, seine Religiosität allzu deutlich zu zeigen. Ich habe viele deutsche Muslime mit unterschiedlichem Hintergrund kennen gelernt, die ihr Muslimsein geheim halten. Auch manche der jüngeren Neumuslime verschwinden in der Privatheit ihres Glaubens. Die Konvertiten neigen nicht mehr zur Reflexivität als alle anderen Mitbürger auch. Viele muslimische Brüder und Schwestern betrachten die Konvertiten als einen Erfolg für sie, aber da sie nicht so sehr im Hof ihrer eigenen Situation stehen und sich teilweise nicht so stark im Bereich der Orthopraxie bewegen, werden sie oft nicht als ganz wirkliche Muslime betrachtet. Beim Sich-Eingewöhnen in die Orthopraxie einer bestimmten Gruppe stößt man mitunter auch auf Probleme bestimmter Höflichkeitssysteme, an die sich deutsche Muslime teilweise nicht so recht gewöhnen. Ich sehe selbst bei gebildeten Muslimen der zweiten Generation oft Unverständnis. Wir deutschen Muslime haben eine Übersetzungspflicht, der nur wenige nachkommen. Wir haben eine Bringschuld gegenüber denjenigen Muslimen, die seit ein oder zwei Generationen hier leben und in der Normativität der deutschen Gesellschaft und politischen Verhältnisse nicht groß geworden sind.

Dr. Ayyub Köhler: Zunächst einmal können sie gute Brückenbauer sein. Sie sind hier sozialisiert und sie kennen die Befindlichkeiten der Mehrheitsgesellschaft. Auf lange Sicht könnten sie dazu beitragen, dem Islam ein „deutsches Gesicht” zu geben. Sie könnten einen wesentlichen Beitrag zur Integration des Islam in die Mehrheitsgesellschaft und die deutsche Kultur leisten. In verschiedenen traditionellen islamischen Gruppierungen, die noch sehr durch ihre ausländischen Bindungen geprägt sind, werden diese Chancen oft unterschätzt.

Dr. Murad Hofmann: Deutschstämmige Muslime haben die nur von ihnen zu lösende Aufgabe, ihren Landsleuten den Islam als eine orts-und zeitungebundene Weltreligion vorzustellen. Nur sie können den hiesigen Eindruck wirksam bekämpfen, der Islam sei eine für unterentwickelte, farbige und diktatorisch regierte Länder der Dritten Welt geeignete Religion. Die muslimische Gemeinde ist dabei, dies zu verstehen, indem sie sich neuerdings zunehmend von deutschstämmigen Muslimen repräsentieren lässt. Es wird aber noch lange dauern, bevor der Durchschnittsdeutsche den Islam nicht mehr mit Türkisch-Sein assoziiert. Andererseits halte ich es auch nicht für richtig, Moscheen oder Zentren eigens für deutschstämmige Muslime zu unterhalten. Das hieße, den ethnozentrischen Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen.

Kathrin Klausing: Der wichtigste Ort für muslimisches Leben sind die Moscheen. In arabischen Moscheen wird bereits vielfach versucht, auf neue Muslime einzugehen und ihnen etwas anzubieten, zum Beispiel mit Übersetzungen der Freitagskhutba, deutschsprachigem Unterricht und so weiter. In türkischen Moscheen ist dies eher nicht der Fall. Oft wird versucht, neue deutsche Muslime in Öffentlichkeitsarbeit einzubinden, um das eigene Image aufzubessern. Das ist im Grunde gut, hat nur manchmal ein wenig den Anschein, dass man Konvertiten dort in Positionen platziert, wo es einem gerade passt, ihnen aber keine anderen Positionen gibt. Daher gibt es nicht wenige, die sich von Moscheen abwenden und andere Organisationsformen suchen; zum Beispiel gemeinsame Projekte zu starten, Jugend- oder Studentengruppen zu gründen oder in ihnen mitzuwirken. Ich persönlich dränge auch nicht darauf, als Konvertitin besonders repräsentiert zu sein, da ich nicht sehr andere Bedürfnisse habe als andere Muslime auch. Ich denke, neue Muslime haben lediglich spezifische Erfahrungen, weil sie sich an irgendeinem Punkt ihres Lebens geändert haben und in ihrem Umfeld auf besondere Problemstellungen treffen. Ich habe oft gesehen, dass Konvertiten sich zurückgezogen haben, das gibt es aber auch bei anderen Muslimen. Sie haben keine Lust mehr auf Moscheegemeinden oder größere Ansammlungen von Muslimen, die etwas ganz tolles machen wollen. Jemand hat mal eine Idee, wie man die Situation verbessern kann, wird dann ganz enthusiastisch, und dann nach vier Wochen ist die Luft raus und alle sind frustriert. Wenn man so etwas drei oder vier mal durchgemacht hat, lässt man das irgendwann sein. Ich halte das zwar für falsch, aber für manche ist es der Ausweg, sich zurückzuziehen und sein Ding zu machen.

Islamische Zeitung: Wir danken ­ihnen alle für ihre Antworten.

Quelle: http://www.islamische-zeitung.de/?id=11530

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