Allah im Unterricht

Die Universität Osnabrück bildet islamische Religionslehrer aus

Von Ita Niehaus

Bis vor ein paar Jahren mussten die rund 750.000 muslimischen Schülerinnen und Schüler in Deutschland das Klassenzimmer verlassen, wenn „Gott“ auf dem Stundenplan stand. Sie wurden an Koranschulen unterrichtet. Das ändert sich nun langsam. Nun bildet auch die Universität Osnabrück islamische Religionslehrer aus.

Sarrah Trabelsi: „Wir sind ja letztendlich alle Muslime, die da studieren. Man tauscht sich aus, man lernt sehr viel neben dem Fachwissen. Es ist so, dass man wirklich dialogfähiger wird, und ich möchte dann in Zukunft meinen Schülern diese Religiösität ja auch vermitteln.“

Bülent Ucar: „Lehrer müssen unterschiedliche Interessen vor Ort an der Schule beachten, verschiedene Sensibilitäten sehen und darauf entsprechend eingehen. Es gibt Lehrer, muslimische Eltern, nicht-muslimische Eltern, es gibt nicht den Islam, sondern unterschiedliche Formen des Islams. Wenn ein Lehrer diese Offenheit von Hause aus quasi nicht mitbringt, ist er für diesen Beruf nicht geeignet.“

Sarrah Trabelsi studiert Islamische Religionspädagogik bei Professor Bülent Ucar an der Universität Osnabrück. Der 31-jährige Islamwissenschaftler ist in Deutschland aufgewachsen. Jahrelang hat er selbst Schüler unterrichtet, an entsprechenden Lehrplänen und in der Lehrerausbildung in Nordrhein Westfalen mitgearbeitet.

Bülent Ucar: „Ich will nicht sagen, dass es ein Minenfeld ist, auf dem ich mich befinde, aber es ist nicht ein Fach wie theoretische Physik. Es gibt da gewisse Sensibilitäten auf allen Feldern und da muss man versuchen, die Balance zu halten und Brücken zu schlagen mit unterschiedlichen Playern.“

Professor Bülent Ucar ist gläubiger Moslem – wie auch seine beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter. Seine Strategie gegen Ängste und Vorurteile gegenüber dem Islam: Transparenz, Offenheit und Dialogbereitschaft.

Das heißt, die künftigen Islamlehrer lernen an der Universität Osnabrück nicht nur die Grundlagen Islamischer Theologie, der Religionspädagogik und der Arabischen Sprache. Sie setzen sich auch mit dem interkulturellen und interreligiösen Dialog auseinander und arbeiten interdisziplinär.

Bülent Ucar: „Beispielsweise haben wir zwölf Module bei uns im Studiengang, drei Module sind Bereiche wie interkulturelle Pädagogik, Migrationsgeschichte, christliche Theologien. Und in diesem Zusammenhang wird über die christlichen Theologien nicht aus der Perspektive des Islam berichtet, sondern in Kooperation mit den christlichen Theologien – wir sprechen nicht übereinander, sondern miteinander und wir lehren auch gemeinschaftlich.“

Ein Beispiel: Das interdisziplinäre Seminar über Islam und Christentum.

Bülent Ucar: „Auch in Mekka gab es Menschen, die über die Religionen gesagt haben, das sind Märchen der Altvorderen. Auch auf diese Spezifika geht der Koran ein, aber dass sind Ausnahmeerscheinungen.“

Professor Bülent Ucar gibt das Seminar gemeinsam mit dem evangelischen Theologen Professor Arnulf von Scheliha. Die meisten Studenten studieren nicht Islamische Religionspädagogik, sondern evangelische Theologie, Sozialpädagogik oder „Internationale Migration und interkulturelle Beziehungen“.

Nadya Yessen: „Wenn ich im Bereich Migration, Integration arbeiten möchte, dann ist es auf jeden Fall von Vorteil, wenn ich weiß, warum gewisse Diskurse im Islam und Christentum ablaufen. Und ich habe auch das Interesse, die Sichtweisen und Lebenswelten der Menschen mit Islam besser zu verstehen, um damit besser arbeiten zu können.“

Tim Süssle: „Bisher wusste ich wenig, zum Beispiel, wie der Islam ausgelegt wird, was der Koran bedeutet für die Muslime. Ich finde es interessant, festzustellen, dass die Parallelen zwischen Christentum und Islam eigentlich sehr groß sind.“

Interreligiöser Dialog im Studienalltag – auch für die 24-jährige Sarrah Trabelsi ganz selbstverständlich. Die Grundschullehrerin studiert im dritten Semester Islamische Religionspädagogik. Intensiv setzt sich die gläubige Muslima mit den unterschiedlichen Richtungen der Koranexegese auseinander.

Sarrah Trabelsi: „Dass ein Mann zum Beispiel vier Frauen heiraten darf, also dass man das nicht wörtlich nimmt, sondern dass das historisch bedingt alles einen Ursprung hat, dass man das jetzt nicht hinterfragt, aber dass das alles auf einer anderen Ebene zu verstehen ist.“

Die Universität Osnabrück hat bereits Erfahrung mit der Ausbildung von Religionspädagogen. In einem Fernstudiengang qualifizierten sich 24 Lehrer für den Islamunterricht weiter. Die positiven Erfahrungen ermutigten die Universität, noch einen Schritt weiter zugehen und den Masterstudiengang einzurichten. Das Besondere, so Professor Thomas Vogtherr, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Universität Osnabrück:

„das eine ist der Kontakt mit den islamischen Verbänden, die Abstimmung, um Akzeptanz zu Stande zu bringen. Und das Zweite ist, dass wir ein neues Wissenschaftsgebiet so konstituieren wollen, dass dieses neue Wissenschaftsgebiet seinen Inhalt bekommt, seine Umrisse bekommt und daran wollen wir arbeiten.“

Das heißt: Interdisziplinäre Zusammenarbeit in Lehre und Forschung. Der Masterstudiengang ist vernetzt mit dem Zentrum für Interkulturelle Islam-Studien. Auch der Niedersächsische Wissenschafts- und Kulturminister Lutz Stratmann unterstützt den neuen Studiengang. Für ihn ist Islamunterricht an niedersächsischen Schulen ein wichtiger Beitrag zur Integration und zum interreligiösen Dialog zwischen Muslimen und Christen:

„Um uns Christen deutlich zu machen, islamischer Religionsunterricht findet nicht in Hinterzimmern statt, bewegt sich im Rahmen unseres Grundgesetzes. Und für die muslimische Seite finde ich es wichtig, dass ich muslimischen Eltern sagen kann, wir halten ein Angebot vor, das nicht von uns Christen aufoktroyiert wird, sondern das in enger Abstimmung mit den muslimischen Gemeinschaften entstanden ist.“

Frühzeitig waren deshalb Vertreter der islamischen Verbände an der Planung des neuen Studiengangs beteiligt. Die Bilanz:

Lutz Stratmann: „Alles in allem gut. Natürlich haben Sie immer, auch in den Gesprächen mit den übrigen Kirchen, an ein oder der anderen Stelle unterschiedliche Auffassungen. Das Hauptproblem für uns ist, dass wir im Gegensatz zur evangelischen und katholischen Kirche einen viel größeren Chor auf der anderen Seite vorfinden, der zum Teil auch in unterschiedlichen Tonlagen singt.“

Thomas Vogtherr diskutierte mit am „Runden Tisch Islamische Religionspädagogik“. Manchmal war es schon ein Drahtseilakt, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Thomas Vogtherr: „Die größten Vorurteile bewegen sich auf einem Gebiet, das für uns, die wir in staatskirchenrechtlich geordneten Verhältnissen groß geworden sind, schwer verständlich ist. Der größte Vorbehalt war derjenige, dass sich die Universität als eine staatliche Institution in etwas hineindrängt, was nach dem Verständnis von Angehörigen des runden Tisches überwiegend, wenn nicht ausschließlich, eine Angelegenheit der islamischen Glaubensgemeinschaft ist.“

Die ersten Absolventen schließen in einem Jahr den Masterstudiengang ab und können dann als Islamlehrer arbeiten. Zur Zeit ist die Teilnahme am Islamunterricht in niedersächsischen Schulen noch freiwillig. In Zukunft will Niedersachsen das Fach gleichberechtigt mit evangelischen und katholischen Religionsunterricht anbieten. Wann es soweit sein wird, ist allerdings noch offen.

Lutz Stratmann: „Ich glaube, dass das eine ganz stabile Brücke werden kann, über die wir gemeinsam gehen und genau das ist der Grund, warum wir das in Niedersachsen so vorangetrieben haben.“

Bülent Ucar: „Ich hoffe, dass der Masterstudiengang zu einem grundständigen Studiengang ausgebaut wird. Ich hoffe es nicht, ich fordere es. Weil ich denke, dass nur über Gleichwertigkeit mit den Kollegen im katholischen und evangelischen oder jüdischen Bereich letztendlich Integration gelingen kann. Ich bin optimistisch, weil die politischen Signale da sehr positiv sind.“

Sarrah Trabelsi: „Was möchte ich weitergeben? Wertevorstellungen, wo es um den interreligiösen Aspekt geht, dass man die anderen Mitmenschen akzeptiert, andere Religionen, dass man sieht, letztendlich geht es darum, wir sind Menschen – in erster Linie natürlich die Wertevorstellungen.“

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