Glaubensbasiert und weltanschaulich neutral

Regeln für den muslimischen Religionsunterricht

Von Kersten Knipp

Rund 750.000 muslimische Schüler gibt es derzeit in Deutschland. Zunehmend drängen verschiedene Bundesländer darauf, für den muslimischen Religionsunterricht verbindliche Regeln festzulegen. In der Volkshochschule Bonn fand dazu eine hochrangig besetzte Diskussion statt, auf der die neuen Regelungen des Landes Nordrhein-Westfalen vorgestellt und diskutiert wurden.

Seit 1999 gibt es in Nordrhein Westfalen den Modellversuch für das Unterrichtsfach „Islamkunde in deutscher Sprache.“ 80 Lehrkräfte unterrichten es bislang. Davon sind 60 Muttersprachler aus den verschiedenen islamischen Ländern, 20 sind studierte Islamwissenschaftler. Das, so Bulent Ucar vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, soll sich jetzt ändern.

Wir möchten jedenfalls, dass unsere künftigen Lehrer, die wir für die Islamkunde einstellen, regulär in Deutschland ausgebildete Lehrkräfte sind mit zwei Fächern und zusätzlich mit einem Ergänzungs-, Erweiterungsstudiengang islamische Religionslehre.

Das Themenspektrum des Erweiterstudiengangs ist breit. Vor allem aber, so Stephan Conermann, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Orientwissenschaften der Universität Bonn, ist es westlichen Wissenschaftsstandards verpflichtet.

Dann werden halt die grundlegenden islamischen Wissenschaften dort unterrichtet, das heißt also die Rechtswissenschaften „fiq“, es sind natürlich theologische Inhalte, es geht um Koranexegese, es geht teilweise aber auch um Ethik, islamische, muslimische Ethik, das heißt also, die breite Paletten von den so genannten islamischen Wissenschaften aber immer gebrochen durch die wissenschaftliche Blickrichtung, das heißt also eine objektivierte Islamwissenschaft.

Dennoch müssen die Lehrer selbst muslimischen Glaubens sein. Doch im Schulalltag, so der Konvertit und Islamkundelehrer Bernd Bauknecht, sind vor allem seine wissenschaftlichen Qualifikationen gefordert.

Ich selbst bin ja Islamwissenschaftler, und ich finde das auch sehr wichtig, dass ich diesen Hintergrund habe, das ist immer wieder meine Matrix; weil jeden Tag bin ich an der Schule mit theologischen Fragen konfrontiert. Das ist so, und ich erde mich auch immer wieder mit meinen islamwissenschaftlichen Kenntnissen.

Die größte Herausforderung für angehende Islamkundelehrer dürfte der schwierige Spagat zwischen glaubensbasierten und weltanschaulich neutralen Haltungen zu vermitteln,. Beide Tendenzen, so Stephan Conermann, sind kaum voneinander zu scheiden.

In der Tat kann man, glaube ich, gar nicht trennen zwischen einem objektiven Curriculum und einem ideologisierten Curriculum, weil es darüber immer wieder Streitereien geben wird. … Die Frage also wird sein, inwieweit wir in … das Curriculum einen tatsächlich objektivierte Islamsicht von außen wissenschaftlich geprägt und dargestellt vermitteln, oder ob wir eben ganz eindeutig eben auch Glaubensinhalte vermitteln wollen, und da, denke ich, ist ein großes Konfliktpotential.

In einer Hinsicht hat das nordreheinwestfälische Ministerium die Weichen bereits gestellt: Künftige Islamlehrer sollen ein ganz reguläres Lehramtsstudium durchlaufen, mit Islamunterricht als zusätzlichem Fach. Und das, so Bülent Ucar, aus ganz einfachen Gründen.

Zunächst einmal ist entscheidend für die Akzeptanz der Lehrkräfte, dass sie auch in jeder Beziehung den anderen Lehrkräften gleichgestellt sind. … Und … diese Gleichstellung im Lehrerkollegium geht nur über eine Gleichstellung in der Ausbildung. Denn nur wenn man eine reguläre Ausbildung hier an einer Universität hat, kann man auch entsprechend vergütet werden, dann kann man auch entsprechend auf demselben Niveau dieses Fach unterrichten. Dazu gibt es noch den Vorteil, dass man nicht nur abhängig ist von diesem einem Fach islamische Religionslehre, sondern dass man dann auch noch andere Fächer unterrichten kann.

Einen ganz handfesten Vorteil bietet das Lehramtsstudium: Die Absolventen werden besser bezahlt. Islamwissenschaftler erhalten als Seiteneinsteiger derzeit noch ein geringeres Gehalt. Finanziell ist die Regulierung des Studiums also durchaus ein Segen.

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