Buchtipp: Was wurde aus den Kindern Tschetscheniens?

Opfer eines vergessenen Krieges

Was wurde aus den Kindern Tschetscheniens?

Bis Anfang der 90er Jahre war Tschetschenien außerhalb der Grenzen Russlands kaum ein Begriff. Erst der Krieg zwischen den nach Unabhängigkeit strebenden Rebellen und der russischen Armee rückte die Kaukasus-Republik in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit.
Zwei blutige Kriege

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten die Tschetschenen 1991 die Unabhängigkeit erklärt. Drei Jahre später stoppte der Kreml mit militärischer Gewalt die Separationsbestrebungen. Bei den blutigen Kämpfen bis zum Waffenstillstand 1996 kamen fast 80.000 Menschen ums Leben. Drei Jahre existierte die unabhängige tschetschenische Republik Itschkeria unter dem auch von Russland anerkannten Präsidenten Maschadow. Das Eindringen von tschetschenischen Rebellen in die Nachbarrepublik Dagestan und Sprengstoffanschläge in mehreren russischen Städten nahm Moskau 1999 zum Anlass, Tschetschenien erneut zu besetzen und als Teilrepublik in die russische Förderation einzugliedern. Mit dem Kadyrow-Clan installierte der Kreml eine ihm genehme Führung, der er im Zuge der „Tschetschenisierung“ des Konflikts weitreichende politische und finanzielle Vollmachten übertrug.
Aufhebung des Anti-Terrorstatus

Jetzt hat Moskau seinen Militäreinsatz in Tschetschenien für beendet erklärt. Nach zehn Jahren hob der russische Geheimdienst FSB Mitte April den Anti-Terrorstatus im früheren Kriegsgebiet auf. Damit verbunden soll auch der Abzug von rund 20.000 in Tschetschenien stationierten russischen Soldaten sein.
Brutalisierung einer ganzen Gesellschaft

Offiziell herrscht heute Ruhe im Land. Doch zwei Kriege haben ihre Spuren hinterlassen. In ihrem Buch „Der Engel von Grosny. Tschetschenien und seine Kinder“, das am 13. Mai in Deutschland erscheint, zeigt die norwegische Journalistin Åsne Seierstad, in welchem Maße sie eine ganze Gesellschaft brutalisiert und zerrüttet haben. Für die „Sunday Times“ ist ihre beeindruckende Reportage „das wichtigste Buch über einen der brutalsten und unbeachtetsten Kriege der Welt.“

Die renommierte Kriegsberichterstatterin hat Russland und Tschetschenien zwischen 1994 und 2007 mehrfach besucht. Vor allem aber hat sie intensiven Kontakt zu jenen Menschen gehalten, die bis heute am schlimmsten von den Auswirkungen des Krieges betroffen sind: Mütter und Söhne.
Das Buch

Ganze vier Flugstunden von uns entfernt liegt eine vergessene Welt von Krieg und Terror: Tschetschenien. Jeder Zehnte wurde umgebracht, die überlebenden Männer verstecken sich oder leisten weiter Widerstand. Die Frauen kämpfen ums Überleben.

Am härtesten aber trifft es die Kinder. Allein und auf sich gestellt leben sie in den Ruinen Grosnys in Pappkartons oder in Rohren am Fluss. Sie, die die Zukunft sein sollten, sind die größten Opfer. Zehntausende Kinder wurden in den beiden Tschetschenien-Kriegen getötet. Darüber hinaus verloren laut Schätzungen der Kinderhilfsorganisation UNICEF rund 25.000 Kinder einen Elternteil, mehr als 1.200 sind Vollwaisen, 19.000 Invaliden. Welche Schicksale sich hinter diesen unpersönlichen Zahlen verbergen, davon erzählt Åsne Seierstad in ihrem Buch. Sie gibt den Betroffenen einen Namen und ein Gesicht.

Wir treffen Abdul, einen Kriegswaisen, der seine Schwester der Ehre wegen töten muss. Oder den zwölfjährigen Timur, der sich nur spüren kann, wenn er Hunden den Schädel einschlägt. Bereits als Baby hörte er zum ersten Mal den Einschlag von Bomben. Mit einem Jahr verlor er den Vater. Die Mutter rettete sich mit dem Sohn zu den Schwiegereltern. Wenige Monate später verschwand auch sie. Bei den Großeltern erlebte Timur einige Jahre so etwas wie Frieden, bis erneut der Krieg in sein junges Leben einbrach.
Unbewältigte Traumata

Åsne Seierstad beschreibt unsentimental und doch voller Mitgefühl das Unvorstellbare, das Abdul, Timur und all die anderen erlebt haben. Die sensiblen Porträts ihrer Protagonisten lassen erahnen, was es bedeutet, wenn Angst, Gewalt und Tod zum Alltag von Heranwachsenden gehören, und welche unbewältigten Traumata und seelischen Wunden damit verbunden sind.

„Die Kinder, die Mitte der Neunziger Jahre geboren wurden, als ich dort war während des ersten Tschetschenienkrieges, sind jetzt Teenager. Sie haben eine total verzerrte Sicht auf die Welt. Sie glauben, alle Probleme müsste man mit einer Waffe lösen. Es ist ein Land mit völlig traumatisierten Kindern“, so die Autorin.
Åsne Seierstad

Åsne Seierstad; Foto: WDRtv Bildunterschrift: Renommierte Kriegsberichterstatterin ]
Åsne Seierstad, 1970 in Oslo geboren, ist international eine der renommiertesten Kriegsbericht-erstatterinnen. Sie arbeitet als Korrespondentin für verschiedene skandinavische Medien in Russland, China, auf dem Balkan, in Afghanistan und dem Irak. Für ihren weltweiten Bestseller „Der Buchhändler aus Kabul“ erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen.

Buchtipp

Åsne Seierstad: Der Engel von Grosny.
Tschetschenien und seine Kinder
S. Fischer Verlag 2009
ISBN 978-3-10-072524-0, Preis: 21,95 Euro

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Krieg

Eine Antwort zu “Buchtipp: Was wurde aus den Kindern Tschetscheniens?

  1. dosch

    Danke für den Beitrag und Info. Wusste von dem Buch nichts, sehr interessant – Danke 😉

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