Eine schlaflose Nacht

night

In einer schlaflosen Nacht, in der ich mich im Bett hin und her gewälzt habe, überkam mich eine Idee. Ja, eine Idee! Um zwei Uhr nachts. Verrückt, oder?

Und wisst Ihr was genau diese Idee war? Ich wollte mit den Gegenständen in meiner Wohnung sprechen. Sie fragen, ob sie sich wohl fühlen und ob sie genug Aufmerksamkeit von mir bekommen, ob ich mit ihnen viel Zeit verbringe.

Als erstes befragte ich mein Handy. Mein Tamtung® Handy war mit mir sehr zufrieden, weil ich es jeden Tag mindestens 20-mal in der Hand hielt. Mir MP3s damit anhöre, meine Termine eingebe und mich jeden Morgen damit zur Arbeit aufwecken lasse. Mein Handy lächelt mich sehr selbstbewusst an, denn es scheint zu wissen, dass ich mich von ihm abhängig gemacht habe.

Dann ging ich zu meinem PC. Auch er drücke seine Zufriedenheit aus. Warum auch nicht? Letztlich verbringe ich täglich 2-3 Stunden vorm Rechner. Surfe hier und da, lade meine Mails runter, schaue mir meine Videoklips unter YouFube® an. Mein PC lächelt mich sehr selbstbewusst an, denn es scheint zu wissen, dass ich mich von ihm abhängig gemacht habe.

Schließlich werfe ich einen Blick auf mein Bücherregal und sehe meinen verstaubten Qur’an und die Hadithsammlung von Bukhari. Ich sehe sie beide an und sie sehen mich an. Dann frage ich sie, ob sie sich wohl fühlen und ob sie genug Aufmerksamkeit von mir bekommen, ob ich mit ihnen viel Zeit verbringe. Doch sie antworteten mir nicht, denn der Staub auf ihnen verriet mir, dass ich sie zu lange vernachlässigt habe und dass sie deshalb von mir zutiefst enttäuscht sind.

Doch plötzlich regt sich etwas. Mein Qur’an und meine Hadithsammlung fangen an zu weinen. Mit einem tiefen Gefühl der Trauer. Denn sie wissen, dass ich meinem Handy und meinem PC mehr Zeit widme.

Ich gehe sofort in die Küche, hole ein Tuch und wische beiden Büchern die dicke Staubschicht ab. Ich küsse sie streichle ihren Hardcover, umarme sie und verspreche ihnen von nun an jeden Tag aus ihnen etwas vorzulesen. Nicht weil sie mir leid tun, nein, weil ich mir selbst leid tue, weil ich derjenige bin, der auf sie angewiesen ist, sogar viel mehr als auf mein Handy oder auf meinen PC.

Eine schlaflose Nacht.PDF

Dschunaid Salam – Diesseits, d. 23.05.2009

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