Abdurrahman Reidegeld: Der Fluch des Übermaßes

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Wer ernsthaft die Ausgangslage der heutigen “Fleischindustrie” betrachten will, kann dies nur dann ehrlich tun, wenn er zu einem besonderen Eingeständnis bereit ist: daß es keine “Industrie” von Fleisch gibt, sondern ein Räderwerk von ungehemmter Freßlust, ungeheurer Besitzgier und uneingeschränkter Blindheit. Diese drei “Zahnräder” bewegen einander in immer schnellerer Bewegung und zermahlen auf ihrem stetigen Rundumschlag ihre eigene Existenzgrundlage.

Genausowenig wie wir Menschen in riesigen Gruppen ohne Abstand nebeneinander stehen oder liegen mögen (am besten noch ohne Unterbrechung, jahrelang), ist das für die gängigen Nutztieren erträglich. Zeichen dafür sind aggressive Verhaltensmuster wie gegenseitiges Abbeißen von Ohren und Zitzen, Hornstöße außerhalb der Brunftzeit usw.
Krankheiten – oder besser ausgedrückt: Epidemien – können nur unter massivem Einsatz von Medikamenten eingedämmt werden, also von Stoffen, die über den Fleischkonsum wieder auf den Menschen zurückkommen.

Um so gewaltige Zahlen von Tieren zu ernähren, greifen die Massentierhalter – gedrängt durch die Kosten von Korn, Frischgras und dergleichen – auch zu artfremder Nahrung bis hin zur Untermischung von Tierkadaverabfällen bei vegetarisch lebenden und essenden Nutztieren; der sogenannte “Rinderwahn” entstand bekanntermaßen durch Untermischung von getrockneter Hirnmasse kranker Tiere in Rindernahrung.- eben weil Abfälle billig oder sogar kostenlos sind.

Artgerechte Haltung ist, das sei klar gesagt, bei Massentierhaltung unmöglich.
Doch der Kern der Perversität und des Grundübels liegt ganz woanders: in der Begierde des Menschen, immer und in schier unbegrenzten Mengen Fleisch zur Verfügung zu haben, und zugleich auszublenden, dass dies nur zu erreichen ist, wenn man Millionen von Tieren so schnell wie möglich tötet und verarbeitet.
Die Frage, ob ein so ungehemmter Fleischkonsum sich überhaupt in irgendeiner Hinsicht rechtfertigen lässt, wird heutzutage immer weniger gestellt: da die Begierde nach Fleisch nun einmal besteht, muss sie einfach befriedigt werden; da dies nur mit Massenhaltung möglich ist, muss eben diese als solche bestehen bleiben; da die Massen von Tieren ernährt und gehalten werden müssen, bleibt auch nicht aus, dass daran verdient werden muss, wo es nur geht.
In diesem Räderwerk der Verdorbenheit hat jedes Rädchen seine Existenzberechtigung: jedes Rädchen, das in dem Produktionsweg eingebunden ist, rechtfertigt mit seiner Notwendigkeit ja auch die notwendige Existenz seines Nachbarrädchens. Doch insgeheim bleibt der ketzerische Gedanke in eines Jeden in seinem Innersten lebendig, dass diese ganze Maschinerie ein Unrecht an der Schöpfung ist, auch gegen den Menschen selbst. Zur Würde des Essenden gehört auch die des Gegessenen, wer Müll frisst, entwürdigt sich; wer aber an sich gute und reine Nahrung vor dem Verzehr verunreinigt, entwürdigt sich selbst noch mehr.

Die “Ethik der Nahrung” – so könnte man es hilfsweise auszudrücken versuchen – kann man in einer Konsumgesellschaft nicht finden; zu stark und übermächtig ist das Grundpostulat der Nahrungsmittelindustrie, den Bedürfnissen und Erfordernissen der Bevölkerung dienen zu müssen. Und im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung stimmt dies auch: ist etwa die Masse der Menschen in Industriestaaten bereit, auf ca. 70 % ihres derzeitigen Fleischkonsums zu verzichten – bei erhöhtem Preisniveau des verbleibenden Restes an Produkten? Sollen wir zurückkehren zu den Essgewohnheiten unserer Vorfahren, oder auch nur unserer Großeltern, als man höchstens einmal im Monat Frischfleisch aß – und das auch nur in minimalen Mengen, verglichen mit heute? Soll das Festtagshuhn wiederkehren – sodass man also nur bei seltenem Besuch ein Schaf kaufen und schlachten lassen kann? Können wir ernsthaft erwarten, dass sich Millionen von Fleischkonsumenten der monströsen Massenschlachtungsindustrie entgegenstellen mit der Forderung: “Wir wollen nur noch ein Zehntel des bisherigen Fleischaufkommens”?
Das ist pure Utopie.
Daher sollte man die Sache nicht in erster Linie daran messen, ob eine Rückkehr zur artgerechten Tierhaltung und ethisch vertretbaren Nahrungsgewinnung an sich möglich ist, sondern vielmehr muss sich ein heute lebender, geistig gesunder und klar denkender Mensch die Konsequenzen des bisherigen und des zu erwartenden Verhaltens der Massenhaltungsindustrie klarmachen.

Es ist nicht so, dass klare und erfolgsversprechende Strategien nicht erstellt und durchgeführt werden könnten; die Tatsache ist, dass solche Strategien zu Verzicht zwingen würden, verordnet durch politischen Willen und gesetzgeberischen Akt – angesichts katastrophaler sozialpolitischer Rahmenbedingungen der heutigen Wohlstandsstaaten kämen solche Verordnungen einem politischen Selbstmord gleich.
Andererseits führt in einer Konsumgesellschaft jede Einschränkung eines Konsumverhaltens zu empfindlichen finanziellen Verlusten eines oder gleich mehrerer Industriezweige, gefolgt von Arbeitsplatzverlusten, Steuereinbußen, Kürzung von Sozialleistungen des Staates … und so weiter und so fort. Pointiert ausgedrückt: die Tierwelt leidet nicht zuletzt auch, damit die heute bestehenden Staaten nicht noch näher an den völligen Bankrott herangestoßen werden.

Betrachen wir andererseits die Angelegenheit aus Sicht des Endverbrauchers, so stellt sich das Problem naturgemäß unter anderer Gewichtung dar: die milliardenschweren Werbekosten (hierzu muss teilweise ja auch die Verpackung mitgerechnet werden) sprechen dafür, dass es letztlich der Verbraucher ist, der eine Marktveränderung in bestimmten Maßen herbeiführen kann. Die Einführung von (mehr oder weniger) artgerecht gewonnenen Bio-Produkten war sicher eine durch den Verbraucher erzwungene Veränderung, doch gerade im Bio-Gemüse- bzw. Bio-Frucht-Sektor können wir paradeweise erkennen, dass Bio-Produkte als ernstzunehmende Ergänzung, aber leider nicht als vollständiger Ersatz der zeitgleich angebotenen Nicht-Bio-Produkte dienen können.
Hier stellt sich das ethische Problem anders als bei der Massentierhaltung: die Nährstoffmengen bei Obst und Gemüse habe durch Auslaugung der landwirtschaftlichen Fläche so abgenommen, dass man im Vergleich zu den 80er Jahren schon heute die doppelte Menge an Frischgemüse bräuchte (und verzehren müsste), um denselben Nahrungsnutzen wie in den 80er Jahren zu erhalten; das ist aber praktisch betrachtet nicht möglich (der menschliche Magen kann nicht pro Tag 10 kg Gemüse plus sonstige Nahrung und Flüssigkeit aufnehmen, der Geldbeutel lässt zudem ein solches Kaufverhalten ohnehin nicht zu).

Doch zurück zum Tier und der aus ihm gewonnenen Nahrung.

Wo steht hier der Muslim? Ja was meinen wir überhaupt mit “Muslim” in diesem Zusammenhang?
Grundlage der islamischen Nahrungsethik ist der Begriff der Würde des Tieres einerseits und der Begriff der “guten” Nahrung – also einer Nahrung, die die Kriterien von materieller Reinheit und Qualität erfüllt, die auf den Ursprung von Schlachttier und seiner Aufzucht achtet und als Ziel die Zufriedenheit des Schöpfers hat, der Mensch und Tier erschuf und es dem Menschen erlaubte, Tiere zu schlachten, nicht aber, das Maß zu überschreiten. Als Ergebnis einer derartigen, gottausgerichteten Handlung steht am Ende die Baraka, die aktive Segenskraft des Schöpfers.
Baraka äußert sich bei Nahrung in deutlicher Weise: in der Güte des Fleisches, in dem Nährwert und in der Harmonie, die sich dem Essenden vor, während und nach dem Essen mitteilt.

Dieses Konzept der Baraka ist ein umso wichtigeres Prinzip, als es das Zusammenleben von Mensch und Umwelt zwingend regelt. In der rein körperlichen Ebene ist das leicht nachvollziehbar, insofern gute Behandlung und Aufzucht des Schlachttieres als auch die Reinheit bei der Weiterverarbeitung sichergestellt ist.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Der zweite – und nicht minder wichtige – Bereich umfasst die Gewissheit und innere Sicherheit des Menschen, die sich durch Zufriedenheit einstellt. Wer sich sicher ist, dass er alles Korrekte zur körperlichen Reinheit getan hat, und sich nach der Anordnung des Schöpfers gerichtet hat, weiß, dass er dafür allein schon Lohn zu erwarten hat. Hierdurch stellt sich die wirkliche innere Zufriedenheit mit dem, was man an Nahrung erhalten hat, ein. Logischerweise dankt man nun in Aufrichtigkeit Dem, von dem alle Versorgung (Rizq) her kommt, und wird dafür wiederum gewaltigen Lohn erhalten, denn, wie es im Quran heißt: „Und nur wenige Meiner Diener sind wahrlich dankbar“.

Hieraus entsteht ein Bewusstsein des stetigen Gehalten-Seins in der Zufriedenheit des Schöpfers – ein Zustand, der im Diesseits zu innerer und geistiger Gesundheit mitwirkt, und der im Quran als eine der wichtigsten Paradiesbeschreibungen verwendet wird: „Allah ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit Ihm zufrieden“.
Diese Harmonie ist außerdem nicht von der Masse des Gegebenen abhängig: auch ein Armer, der nur wenig zum Essen hat, kann in manchen Fällen durch Baraka mehr Freude und Zufriedenheit und Nutzen empfinden als ein Wohlhabender, dem alles schal erscheint.
Von diesem Zustand der Baraka, dem quasi- “vor-paradiesischen Zustand auf Erden”, sind wir heute aber so weit entfernt, dass wir kaum noch darauf vertrauen können, ihn wiederzuerlangen.
Davon abgesehen, dass es zu den Zeichen des herannahenden Jüngste Tages zählt, dass “die Baraka aus den Dingen des Diesseits, auch der Zeit, verschwinden wird” (erwähnt in vielen Sahih-Hadithen), ist es auch dem logisch denkenden Betrachter keineswegs ein Rätsel, warum die Baraka weniger wird bzw. oft aus ganzen Teilbereichen des Lebens verschwindet:

1. Grund: die perpetuierte Sünde und das Ausblenden der Sündhaftigkeit
Einem Sahih-Hadith gemäß ist es die gewaltigste Sünde, sich in leidenschaftlicher Liebe an das Diesseits zu hängen („Die leidenschaftliche Liebe zum Diesseits ist die gewaltigste [Voraussetzung zur] Sünde“); denn hieraus resultiert eine Neigung zu allen Begierden und der Wunsch, diese Begierden um jeden Preis befriedigen zu müssen. Auch die Gier nach zuviel Frischfleisch gehört hierzu, und da diese Gier nicht mehr als Übel wahrgenommen wird, ist der obige Hadith dem Sinn nach erfüllt.

2. Grund: Die Veruntreuung der Amana (des anvertrauten Gutes)
Die Nutztiere sind uns vom Schöpfer anvertraut worden; sie sind vielleicht formalrechtlich unser Eigentum, doch moralisch-religiös dürfen wir nicht beliebig oder willkürlich mit ihnen verfahren. Das Schlachten der Nutztiere ist zwar als solches erlaubt, doch steht der “korrekte Nutzen” des Fleisches im Vordergrund. Ein Tier, dessen Fleisch nicht (oder gerade nicht) genutzt werden kann und das auch im Moment nicht geschlachtet werden muss, darf eben gar nicht geschlachtet werden, solange sich diese Situation nicht ändert. Es gibt kein uneingeschränktes Schlachtungsrecht seitens des Din, das unabhängig von Zeit, Ort, Art der Schlachtung und Nutzen der Schlachtung bestünde; es ist eben nur grundsätzlich erlaubt, bestimmte Tiere auf bestimmte Art und Weise unter bestimmten Umständen zu schlachten.

Möge der Schöpfer den Menschen insgesamt den Verstand geben, die Grenzen wiederzuentdecken, das rechte Maß zu wiederzufinden, der Schöpfung Gerechtigkeit zukommen zu lassen – zu ihrer eigenen Rettung.

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