Stellungnahme zur Schalke Hymne

Oberhausen, den 4.August 2009

Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen FC Schalke 04 aufgrund des Vereinslieds „Blau und Weiß wie lieb ich dich“

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Sachverhalt:
Seit einigen Tagen (genauer Ende Juli) ist in den Medien zu lesen, dass einige Muslime sich via Internet und E-Mail an den Fußballverein Schalke 04 wenden und sich über die Vereinshymne beschweren, da diese eine Verunglimpfung des Propheten Muhammad beinhalte und ihn offen diffamiere. Anscheinend sind zahlreiche Muslime insbesondere von einer bestimmten Strophe irritiert, in der dargelegt wird, dass der Prophet von „Fußball nichts versteht“. Nach Auskunft des Staatsschutzes gibt es von einigen Personen offene Beschimpfungen, Boykottaufrufe und schließlich Androhung von Gewalt gegen den Verein.

Problemstellung:
Hierzu ist festzuhalten, dass es jedermann in einer demokratisch verfassten Gesellschaft im Rahmen der Meinungs- und Religionsfreiheit zusteht, seine positive wie auch negative Meinung über den Propheten kundzutun. Allerdings ist eine offene Diffamierung, Beleidigung und bewusste Herabwürdigung von religiösen Führern im Allgemeinen für das gesellschaftliche Zusammenleben nicht förderlich, zumal damit bestimmten religiösen
Extremisten der Rücken gestärkt und die Gefühle von entsprechend sich bekennenden Menschen verletzt werden. Übereinstimmend damit besagt §166 StGB ganz klar : (1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3)  eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. Um eine Aussage bzw. einen Text dieser Art verstehen zu können, bedarf es jedoch bestimmter Kriterien. Hierzu gehören neben dem objektiven Bedeutungsgehalt einer Aussage, die subjektive Zielsetzung des Verfassers und schließlich die objektive Wirkung des Textes bei den Empfängern, die sich selbstverständlich auf subjektiver Wahrnehmung
begründet.

Prüfung:
Nach dem ersten Kriterium ist zu konstatieren, dass die Aussage objektiv richtig und zutreffend ist, denn im 7.Jahrhundert gab es schlicht keinen Fußball. Außerdem gehört eine gehörige Portion Humorlosigkeit dazu, um diesen Text als Herabwürdigung des Propheten und Hasskampagne gegen seine Person zu verstehen. Sie beinhaltet auch keine irgendwie beleidigende Substanz und ist daher auch nicht als Hetze zu verstehen. Im Gegenteil:
Eingangs wird sogar die Gesandtschaft des Propheten Muhammad bestätigt. Auch nach dem zweiten Kriterium ist nichts zu beanstanden, da weder das ursprüngliche Gedicht bzw. Volkslied und dessen Verfasser Ludwig Karl von Wildungen (1797), noch der spätere Verfasser Hans J. König (gest.1992) islamkritische Absichten in diesem Zusammenhang hatten, kann auch nicht von einer „Verunglimpfung des Propheten“ gesprochen werden. Historisch gesehen entstand der Text in einem ganz anderen Zusammenhang, wobei weder die Intentionen der Verfasser betreffend, noch hinsichtlich der inhaltlichen Prägung eine bezweckte Diskreditierung unterstellt werden kann. Vielmehr wurde der Prophet Muhammad ursprünglich aufgrund seiner Zuneigung für die Farbe Grün im Volkslied erwähnt. Erst 1935 wird die Farbe Grün in Blau-Weiß umgeändert und 1963 wird ein Zusammenhang zwischen dem Propheten und der Farbkonstellation Blau-Weiß hergestellt, mithin die Vereinsfarben des Fußballvereins Schalke 04. Die Melodie bzw. der Reim und der inhaltliche Aufbau des Vereinslieds gehen demnach auf die des viel älteren Volkslieds „Grün ist Wald und Flur“ zurück. Das Volkslied geht wiederum seinerseits auf ein Gedicht von Ludwig Karl von Wildungen aus dem Jahr 1797 zurück, so dass bis zum Jahre 1935 dieser Text die Grundlage für das heutige Vereinslied bildete.

Grün ach Grün wie lieb ich dich, wie lieb ich dich
süße Hoffnung ein Trost für mich, Trost für mich
Grün ach Grün ist Wald und Flur
Grün ist auch das Festkleid der Natur.
Hätte ich ein Königreich
wollt ich‘s machen der Natur so gleich,
alle Mädchen so jung und schön jung und schön
müssen alle Grün gekleidet gehn.
Mohamed war ein Prophet,
dieser liebt ein Blumenbeet
und vor aller Farbenpracht, Farbenpracht
hat er sich das holde Grün wohl auserdacht.

In anderer Version:
Mohammed war ein Prophet
Der von Farben allerlei versteht.
Und aus aller Farbenpracht
Hat er sich doch das schöne Grün auserdacht.

Erst 1935 wird – nach Auskunft von Schalke 04 – auf der Grundlage dieses Volkslieds
erstmalig der Versuch unternommen, diesen Text in eine Schalker Hymne umzuwidmen.

Hier der Text des Vereinslieds, der in der Sportzeitschrift „Kicker“ am 18. Juni 1935 veröffentlicht wurde:

Blau und Weiß, wie lieb ich Dich
Blau und Weiß, verlass ich nicht
Blau und Weiß ist ja der Himmel nur
Blau und Weiß ist unsere Fußballgarnitur
Hätten wir ein Königreich
Machten wir es den Schalkern gleich
Alle Mädchen, die so jung und schön
Müssten alle Blau und Weiß spazieren gehn
Unsere Spieler Hand in Hand
hatten heute einen schweren Stand
sollten sie dennoch siegen im Schweiß
halten sie noch höher in Ehr´n ihr Blau und Weiß
Darum höret unser letztes Wort
bleibt zusammen und geht nicht fort
mag der ganze Platz auch unter Wasser steh´n
der FCS 04 wird niemals untergeh´n
Und wenn ich einst gestorben bin
traget mich zum Friedhof hin
doch mein aller letzter Wunsch soll sein
wickelt mich in Blau und Weiße Tücher ein
(Auf meinem Grabstein lasset steh´n
blau und weiß wird niemals untergeh´n)

Erst Hans J. König (1992 im Alter von 61 Jahren verstorben), ein Schalke-Fan aus Köln und zudem Musiker in der Band „Conti-Combo“, verfasste einen neuen Text und orientierte sich dabei offensichtlich stark am oben genannten Volkslied, welches er auf den FC Schalke 04 im wahrsten Sinne des Wortes umdichtete. 1959 entstand die Version in Köln, 1963 sicherte er sich juristisch die Autorenrechte beim Rheinischen Musikverlag.

Hier der seit Anfang der 60er Jahre gesungene Text:

Blau und Weiß, wie lieb ich Dich
Blau und Weiß, verlass mich nicht
Blau und Weiß ist ja der Himmel nur
Blau und Weiß ist unsere Fußballgarnitur
Hätten wir ein Königreich
Machten wir es den Schalkern gleich
Alle Mädchen, die so jung und schön
Müssten alle Blau und Weiß spazieren gehn
Mohammed war ein Prophet
Der vom Fußballspielen nichts versteht
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht
Tausend Feuer in der Nacht
Haben uns das große Glück gebracht
Tausend Freunde, die zusammenstehn
Dann wird der FC Schalke niemals untergehn.

Von Hans J. König ist nicht bekannt, dass er in irgendeiner Form islamkritisch oder gar feindlich gewesen ist. Ebenso distanziert sich der Fußballclub Schalke 04 – nach einer Erklärung des Clubvorstands, die mir vorliegt – davon, mit diesem Vereinslied den Islam herabwürdigen zu wollen oder gar Muslime zu diskriminieren. Vor diesem Hintergrund ist weder objektiv am Bedeutungsgehalt des Textes orientiert, noch subjektiv nach den
Intentionen der Verfasser und des Vereins gerichtet, ein islamfeindlicher Sinngehalt bei diesem Vereinslied festzustellen.

Es ist zu vermuten, dass bei einigen Muslimen aufgrund anderer gesellschaftlicher und weltpolitischer Entwicklungen, sowie durch bestimmte Meldungen in den Medien objektiv besondere Sensibilitäten in diesem Zusammenhang entstanden sind, die eine derart subjektive Wahrnehmung, wonach der Prophet verhöhnt und diffamiert werde, jedoch nicht rechtfertigen. Deshalb kann auch auf dieser Grundlage kein Befund für eine islamfeindliche Gesinnung dieser Strophe erkannt werden. Die Formulierung ist zwar etwas salopp, kann jedoch bei einem Sportereignis durchaus vertreten werden. Schließlich ist ein Fußballspiel keine Unterweisung in islamischer Katechese und keine Einführung in die Benimmregeln des Islam. Etwas mehr Humor und Entspannung täte allen Seiten gut! Im Rahmen einer demokratischen Streitkultur, gehören Diskussionen dieser Art zum Alltag und müssen friedlich -fern von Drohungen und Überlegenheitsansprüchen- ausgetragen werden.

Ergebnis:
Als muslimischer Islamwissenschaftler und islamischer Religionspädagoge freue ich mich vielmehr darüber, dass im Club des Reviers – meiner Heimat – der Prophet Muhammad (Friede sei auf Ihm) in diesem Vereinslied seit annähernd einem halben Jahrhundert erwähnt und bestätigt wird. Das Glas ist halbvoll und auf Schalke sind und sollten alle Fans weiterhin zu Toleranz und Respekt im Umgang miteinander verpflichtet bleiben. Auch der Prophet war nach einhelliger Überzeugung aller Muslime nur ein Mensch, der nicht in die Zukunft gucken und damit ein Fußballexperte sein konnte. Er hatte schließlich wichtigeres zu tun!

Prof. Dr. Bülent Ucar
Universitaet Osnabrueck
FB 3 Erziehungs- und Kulturwissenschaften
Lehrstuhl fuer Islamische Religionspaedagogik
Geschäftsführender Leiter des Zentrums für Interkulturelle Islamstudien
49069 OSNABRUECK


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