Der Status Quo der Ummah

Die derzeitigen Entwicklungen und die vielen aktuellen Probleme denen die muslimische Ummah (Gemeinschaft) gegenüber steht, stellen, besonders auf intellektueller Ebene eine ernste Herausforderung für den Islam dar. Deshalb war der Versuch, eine intellektuelle islamische Alternative das Denken und Wissen betreffend, auszuarbeiten, niemals so notwendig und erforderlich wie gerade jetzt.

Die folgenden Gedanken werden inschaAllah, helfen, eine klare und zusammenhängende Politik zu formulieren im Hinblick auf eine kulturelle Umwandlung, basierend auf festen Prinzipien und verläßlicher Vorausplanung. Wir hoffen auch, daß diese Politik zu wissenschaftlichen Entdeckungen führen wird. Als Einführung werden wir eine kurze Schilderung des derzeitigen Denkens- und Wissensstandes sowie der Erziehungs- und Kultursysteme der arabischen und muslimischen Welt geben.

Der gegenwärtige Stand des Denkens

Wenn man den gegenwärtigen Stand des Denkens unter Muslimen untersucht, kann man drei grundsätzliche Wege feststellen. Der erste kann als der traditionelle Weg beschrieben werden, welcher im großen und ganzen das traditionelle Denken der Ummah als ausreichend ansieht, imstande, so wie es ist, oder mit sehr wenig Änderungen angeboten zu werden. Dieser Weg vertritt die Ansicht, daß das geistige Leben der Ummah geformt und organisiert werden kann und daß die Kultur auf dieser Basis aufgebaut werden kann. Dieser Weg wird oft als authentischer Weg beschrieben. Die zweite Sichtweise betrachtet das zeitgenössische westliche Denken und seine Weltanschauung, seine Existenzvorstellungen, seine Vorstellung vom Leben und vom Menschen als universal. Ohne dieses Weltbild kann keine moderne Kultur und Zivilisation errichtet werden. Diese Vorstellung verlangt die Übernahme des westlichen Denkens in toto, alle in ihr enthaltenen negativen Aspekte sind der Preis, welcher bei der Errichtung einer modernen Kultur und Zivilisation zu entrichten ist. Diese Ansicht wird oft als modernistisch beschrieben.

Der dritte Trend oder der selektive Weg, vertritt eine noch andere Ansicht. Er beinhaltet, daß man das Gesündeste des traditionellen Denkens übernehmen muß und vom modernen Denken das, was man als richtig ansieht und was sich als richtig erweist, dann faßt man diese beiden zu einem intellektuellen Gebilde zusammen. Dieses stellt dann eine sichere Grundlage für die zu bewältigenden Erfordernisse dar. Der traditionelle Weg in der Art, wie er dargeboten und befolgt wurde, konnte das Abgleiten der Ummah in einen Zustand von Niedergang und Misserfolg, unter welchem sie noch immer leidet nicht verhindern. Ähnlich kann das westliche Denken, so wie es dargeboten und befolgt wurde die Ummah nicht vor seinen ihm innewohnenden widrigen schmerzlichen und sogar katastrophalen Folgen schützen.

Andererseits haben die Verfechter des selektiven Weges noch keine Einzelheiten dieser vorgeschlagenen Mischung dargelegt, abgesehen davon, daß er noch nicht angewandt wurde. Dies alles führt uns zu der weitreichenden Frage: Geht die Ummah durch eine ernste intellektuelle Krise und wenn ja, welcher Weg führt aus dieser Krise heraus?

Der gegenwärtige Stand des Wissens, um obige Frage beantworten zu können ist ein kurzer Blick auf den zeitgenössischen Stand des Wissens notwendig. Es gibt gegenwärtig zwei Arten von Wissen, welches unseren Studenten vermittelt wird. Erstens sind es die zeitgenössischen Sozial- und Geisteswissenschaften ebenso wie die technischen und angewandten Wissenschaften. Diese Zweige des Wissens üben alle eine dominierende Kontrolle über die Organisation und Funktion jeglicher Aspekte des Lebens aus. Sie umfassen ohne Rücksicht darauf, daß Muslime zu den Grundlagen vieler dieser Zweige einen Beitrag leisteten einen Wissenskomplex, dessen Grundsätze, Regeln, Ziele und Methoden durch die westliche Mentalität geprägt sind, welche ihrerseits vor ihrem religiösen, intellektuellen und philosophischen Hintergrund zu sehen ist. Jeder Aspekt dieses Wissens ist mit der westlichen Kultur eng verbunden. Die zweite Art des Wissens ist das Wissen, welches von den Muslimen häufig als Scharf (Wissen, das sich aus der Scharia ableitet, welche die Rahmenbedingungen für die menschlichen Beziehungen darstellt) oder Asli (Wissen, basierend auf den Grundlagen des Islam) beschrieben wird. Dieses wissen besteht wiederum aus zwei Arten: dem Wissen der Ziele und dem Wissen der Mittel.

Experten, welche klassifizieren und katalogisieren setzen beide unter die Überschrift von „ulum al nagliyya‘ (übermitteltes Wissen). Das meiste dieses Wissens hatte als Antwort auf die historischen Gegebenheiten, welchen sich die Ummah damals gegenübersah mit den Themen jener zeitlichen Periode zu tun, welche dem 3. Jh. nach der Hijra folgte, in welchem die islamischen Wissenschaften entstanden waren. Die Bücher und die diesbezüglichen Werke, welche unter den Studierenden dieser Art von Wissen allgemein bekannt waren wurden verfaßt, nachdem die Zeit des ijtihad (kreative Bemühung um Gesetzeslösungen auf der Basis anerkannter Quellen) vorbei war und Taqlid (Nachahmung der Schlußfolgerungen früherer Gelehrter) weit verbreitet war. Die Autoren pflegten ihre Werke mit äußerster Sorgfalt vorzubereiten, sie legten großen Wert auf linguistische Details und künstlerischen Stil, um bei ihren Studenten, Kollegen oder Rivalen die Tiefe ihres Wissens hervorzuheben. Es sind eher Monologe als Lehrbücher.

Die Methoden und der Gehalt solchen Materials unterstützten die Idee des Taglid und ermutigten die Menschen, an ihm festzuhalten. Die Absicht war, die Leute von jeder Art Ijtihad fernzuhalten, abgesehen von dem was nötig war um die Bücher zu verstehen, die ihn dazu bringen würden, ijtihad zu verachten. Diese Art von Wissen konnte niemanden befähigen, der Realität des Lebens ins Gesicht zu sehen.

Es ermutigte und förderte es blindes Nachfolgen und Nachahmen und bedeutete das Ende intellektueller Aktivität und Kreativität. Ein Mensch, der Wissen suchte, fand sich also gefangen zwischen der Möglichkeit, entweder fremdem zeitgenössischen Denken zu folgen oder der alten, traditionellen Art des Denkens verhaftet zu bleiben. Keine Art des Wissens befähigte ihn, wirksamen ijtihad zu betreiben, welcher ihm helfen könnte, zeitgenössischen Problemen auf vernünftige und angemessene Art gegenüberzutreten.

Der gegenwärtige Stand der muslimischen Erziehung

Wenn wir uns nun den Erziehungssystemen innerhalb der muslimischen Welt zuwenden, so entdecken wir das Vorhandensein eines dualen Erziehungssystems.

Als erstes ist das traditionelle „islamische System“ zu nennen welches den Studenten ein Programm bietet, das die Wissenschaften (die islamischen Gesetze betreffend) einschließt. Dieses System ist darauf begrenzt, die Studenten auf den Umgang mit persönlichen Angelegenheiten vorzubereiten, sie außerdem zu befähigen, bestimmte Erziehungsfragen anzugehen und das salah (Gebet) in Moscheen zu leiten. Dieser Bereich bleibt zum größten Teil eine private Angelegenheit mit begrenztem Zugang zu öffentlichen Mitteln. Das für diesen Bereich benötigte Geld stammt aus wohltätigen Stiftungen. Wo öffentliche Gelder verfügbar gemacht wurden, werden, im Namen des „Modernismus Forderungen nach Säkularisierung gestellt.

Das zweite, am weitesten verbreitete System ist das nicht religiöse, säkulare System welches alle Arten zeitgenössischen Wissens und moderner Wissenschaften während der verschiedenen Erziehungsetappen vermittelt. Es orientiert sich nicht am Islam und hat kolossale Ausmaße angenommen, wobei es das islamische System verdrängt, weil die Studenten des islamischen Systems nicht mit der Realität des zeitgenössischen Lebens und seinen Herausforderungen in Berührung kommen, stellen sie gegenüber den im säkularen System Ausgebildeten keine Konkurrenz dar. Konsequenterweise bringt das nicht-islamische, säkulare System die politischen und intellektuellen Führer der Ummah, die Manager ihrer Betriebe und Produktionsmittel hervor. Als Ergebnis dieser Zweiteilung wurde das Erziehungssystem zum Mittel, die Ummah zu teilen und ihr die Energie zu entziehen. In Wirklichkeit sollte Erziehung ein Mittel sein, Muslime zusammenzuführen und ihnen eine einheitliche kulturelle Perspektive zu bieten, welche sie in Richtung Fortschritt und Aufbau führt. Erziehung sollte Harmonie erzeugen und einem gemeinsamen Zweck dienen, nämlich alle Anstrengungen auf die Entwicklung eines rechtschaffenen Muslims zu richten, dessen Geist und Seele, dessen Verhalten, Entschlußkraft und Verstand stark und produktiv sind. Viele der offenkundigen Erscheinungen von Trennung und Zerstückelung, ja sogar der tragischen Konflikte, an welchen verschiedene Teile der arabischen und muslimischen Welt leiden, tragen die Züge der negativen Aspekte dieser Zweiteilung. Zusätzlich treten die negativen Folgen anderer spezifischer Erziehungszweige hervor wie der militärischen, privaten und ausländischen Erziehung, welche durch das Verhalten der Studenten und ihre kulturelle Sicht reflektiert werden.

Der gegenwärtige kulturelle Stand der Ummah

Die Gebiete der heutigen Ummah gehören zu den strategisch bedeutendsten und reichsten Ländern der Erde. Sie besitzen die wichtigsten Bodenschätze, welche die westliche Industrie benötigt und verfügen über ein gewaltiges Potential an Menschen. Muslimen wurde ein wundervolles Erbe zuteil. Sie können auf die besten Quellen der Führung zurückgreifen, insbesonders die der göttlichen Offenbarung (Wahy), welche sich zweifach zeigt: durch den unnachahmbaren Qur’an, seine Auslegung und Anwendung eingeschlossen und die Sunnah des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm). Dennoch ist die heutige Ummah innerlich zerstritten und zerrissen. Sie leidet an Unruhen Widersprüchen am eigenen Wesen, an Kriegen, welche sogar eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellen an unmäßigem Reichtum und bitterer Armut, an Hungersnöten und Epidemien.

Die Ummah hat sich gegen sich selbst gestellt. sie ist geteilt und zerstückelt in 50 oder mehr Nationalstaaten, getrennt durch künstlich errichtete Grenzen, durch welche Reibungen, Spannungen und Konfrontationen erzeugt und aufrecht erhalten werden, besonders unter den Nachbarstaaten. Keiner dieser Staaten hatte die Chance zu dauerhaftem Frieden und Stabilität oder die Chance zu einer Einheit zu werden, indem seine Bürger ihre Energien zum Aufbau und zur Entwicklung des Staates hätten einsetzen können. Erscheinungsformen von Disharmonie wie Sekti Parteienklüngelei und Nationalismus sind so dominant, daß sie einem Zustand zu ständiger Instabilität und Unsicherheit geführt haben. Dies konnte jederzeit leicht durch fremde Staaten ausgenutzt werden. Als Folge dieser Manipulationen zeigen sich Unruhen und Anarchie.

Das Fehlen individueller Freiheit verhindert intellektuelles und kulturelles Wachstum ebenso wie die natürliche psychische und spirituelle Entwicklung der Menschen. Der Muslim lebt weiterhin unter dem Schatten von Armut, Unterdrückung und Terror, entweder verursacht durch jene, welche besonders vorbereitet wurden der Ummah westliche Gedanken und Kulturformen aufzudrücken oder durch Militärdiktatoren, die gewaltsam die Macht ergreifen und durch Zwang, Folter und Einschüchterung die leichtfertige willkürliche und wunderliche Politik eines einzelnen aufrechterhalten. In solchen Diktaturen sind alle politischen und administrativen Institutionen völlig abgeschafft.

Alle Qualitäten und das kulturelle Potential des Menschen werden dadurch zerstört. Die überwältigende Mehrheit der Ummah besteht aus Analphabeten und Ungebildeten. Ihre eigenen Bedürfnisse übersteigen bei weitem die Menge der Güter, Rohstoffe und Leistungen, welche sie liefern können. Keiner der muslimischen Staaten kann sich, was die wichtigen und lebensnotwendigen Bedürfnisse betrifft selbst versorgen. Dieser Mangel wird gewöhnlich durch Importe ausgeglichen, wodurch die Abhängigkeit von anderen Staaten gesteigert wird. Was die Situation noch unerträglicher macht, ist die Tatsache, daß Rohstoffe den muslimischen Staaten zum niedrigsten Preis oder sogar kostenlos abgenommen werden wohingegen sie als verarbeitete Güter zu höchsten Preisen an sie zurückgehen.

Viele dieser Staaten leiden Hunger, und den anderen würde es genauso ergehen wenn die exportierenden ausländischen Staaten es so wollten. Die wenigen muslimischen Staaten, die den Weg der Industrialisierung einschlugen, waren nicht in der Lage vollständig autark zu werden einfach deshalb, weil sie von ausländischem Know-How zur Entwicklung ihrer Industrie abhängig sind. Diejenigen, die solches Know-How mitbringen, haben deshalb die Möglichkeit, die örtliche Industrie zu kontrollieren und sie entsprechend ihren eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen zu lenken.

In den meisten Fällen war die muslimische Industrie nicht dazu gedacht, den verzweifelten unmittelbaren und vitalen Bedürfnissen der Muslime abzuhelfen, sondern nur dazu, nebensächliche, zweitrangige Bedürfnisse in den Muslimen geweckte Konsumbedürfnisse und Konsumgewohnheiten zu befriedigen wiederum zum Nutzen anderer.

Unglücklicherweise hat die muslimische Welt die Gewohnheit entwickelt, die Produkte einer zeitgenössischen, fremden Kultur zu konsumieren. Sie hat damit viele ihrer äußerlichen Aspekte übernommen. Sie hat in ihren Hauptstädten moderne Straßen, Gebäude und Unterhaltungszentren nach westlichem Muster gebaut. Sie hat ebenfalls einige politische und wirtschaftliche Institutionen nach westlichem Modell eingerichtet. Aber all dies hat nicht die gewünschte Umwandlung herbeizuführen vermocht. Es hat die Ummah nicht einmal auf den Weg gebracht welcher sie in Richtung Umwandlung führen könnte.

Wie kann das geändert werden?

Quelle: Dr. Taha Jabir al Alwani „Entwurf eines alternativen Kulturplanes“ S. 2-7

(Fortsetzung folgt!)

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9. Juni 2014 · 15:44

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