Der Mittelweg im Islam

Wenn nun der Islam die düstere Lebensauffassung, die im Christentum zum Ausdruck kommt, nicht teilt, so lehrt er uns dagegen, dem irdischen Leben nicht jenen übertriebenen Wert zuzuschreiben, den ihm die moderne westliche Zivilisation beimißt.

Während vom christlichen Standpunkt das irdische Leben als eine unangenehme Angelegenheit betrachtet wird, huldigt der moderne Westen im Unterschied zum Christentum dem Leben in einer Weise, wie der Schlemmer seinem Essen huldigt: er verschlingt es, hat aber keine Beziehung zu ihm. Der Islam dagegen betrachtet das irdische Leben mit Ruhe und Respekt. Er betet es nicht an, sondern hält es für einen organischen Abschnitt auf unserem Weg zu einem höheren Sein. Aber gerade, weil es ein Abschnitt, und zwar sogar ein wichtiger Abschnitt ist, hat der Mensch kein Recht, den Wert seines irdischen Lebens geringzuschätzen oder gar unterzubewerten. Unsere Reise durch diese Welt ist ein notwendiger und positiver Teil in Gottes Plan. Deshalb ist das menschliche Leben von ungeheurem Wert; wir dürfen nur nicht vergessen, daß es sich um einen rein instrumentalen Wert handelt. Im Islam gibt es weder einen Platz für den materialistischen Optimismus des modernen Westen, der proklamiert: «Mein Königreich ist nur von dieser Welt», noch für die Lebensverachtung der christlichen Aussage: «Mein Königreich ist nicht von dieser Welt». Der Islam beschreitet den Mittelweg. Der Koran lehrt uns, zu beten: …“unser Herr, gib uns im Diesseits Gutes und im Jenseits Gutes…“
(Der Koran, 2:201)

Die volle Würdigung dieser Welt und ihrer Güter ist also auf keinen Fall ein Hindernis für unser religiöses Streben. Materieller Reichtum ist wünschenswert, wenngleich auch kein Ziel an sich. Das Ziel all unserer praktischen Aktivitäten sollte immer die Schaffung und Erhaltung solcher persönlicher und sozialer Bedingun- gen sein, wie sie für die Weiterentwicklung moralischer Stärke im Menschen hilfreich sein könnten. Nach die- sem Prinzip führt der Islam den Menschen zu einem Bewußtsein moralischer Verantwortung in all seinem Tun, ob es sich dabei nun um Bedeutendes handelt oder um Geringfügiges. Das wohlbekannte Gebot des Evangeliums: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ hat im theologischen System des Islam keinen Platz, da der Islam das Vorhandensein eines Konflikts zwischen Moral und den sozioökonomischen Bedürfnissen nicht zuläßt. Bei allen Dingen kann es nur eine Art der Wahl geben: die Wahl zwischen Recht und Unrecht und nichts weiter dazwischen. Hieraus ergibt sich das ausdrückliche Festhalten am Handeln als ein unerläßliches Element der Sittlichkeit. Jeder einzelne Muslim muß sich selbst als persönlich verantwortlich für alles betrachten, was um ihn herum geschieht, und sich jederzeit und überall für die Errichtung des Rechts und für die Abschaffung des Unrechts einsetzen. Die Bestätigung für diese Verhaltensweise finden wir im folgenden Koranvers: Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen erschaffen wurde, ihr gebietet, was rechtens ist, und verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Allah.
(Der Koran, 3:110)

Dies ist die moralische Rechtfertigung des gesunden Aktivismus im Islam, eine Rechtfertigung für die frühen islamischen Eroberungen. Sie war und ist auch heute noch die Grundlage zur Errichtung einer irdischen Ordnung für eine optimale geistige Entwicklung des Menschen. Denn gemäß den Lehren des Islam nötigt moralisches Wissen den Menschen automatisch zu moralischer Verantwortung. Eine rein platonische Unterscheidung zwischen Gut und Böse, ohne ausdrücklich das Gute zu fördern und das Böse zu vernichten, ist eine große Unsittlichkeit in sich selbst. Im Islam lebt und stirbt die Sittlichkeit mit dem menschlichen Bemühen, ihren Sieg auf Erden herbeizuführen.

Quelle: Muhammad Asad (Leopold Weiss) – „Vom Geist des Islam“, S. 33-35

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9. Juni 2014 · 15:29

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