Die Frau in der Bibel

Die Stellung der Frau im christlichen Abendland wird durch verschiedene Traditionen geprägt. Unter ihnen lassen sich drei Hauptstränge unterscheiden, nämlich die griechisch-römische, die germanische und diejüdisch-christliche Tradition.

Erst die christliche Tradition, die die griechisch-römische und die germanische integrierte, enthielt eine religiös geprägte Definition der Stellung der Frau. Charakteristisch ist, daß gegenüber den vorhergehenden Traditionen die religiöse Definition der Stellung der Frau gerade zu ihrer Unterordnung führte.
Die untergeordnete Stellung der Frau wurde schon von der Schöpfungsgeschichte her legitimiert. Die Frau sei aus einem Teil des Mannes, nämlich aus seiner Rippe gemacht worden, und Gott habe sie für den Mann gemacht, nämlich damit er »eine Gehilfin habe«.


Diese sekundäre Rolle der Frau erhielt noch eine besondere Note durch die Geschichte vom Sündenfall, denn darin geht es nicht nur darum, daß die Frau dem Manne gegenüber eine dienende Rolle einzunehmen hat, vielmehr präsentiert sie die Frau auch moralisch gesehen in einer minderwertigen Rolle: Sie ist es, die sich zuerst von der Schlange zur Übertretung von Gottes Gebot überreden läßt, und sie ist es, die dann auch Adam zu derselben Übertretung verführt.
Das heißt: Durch sie ist eigentlich das Unglück über die Welt gekommen, nämlich die Vertreibung aus dem Paradies. Diese Interpretation der Hebräischen Bibel ist jedenfalls diejenige, die sich im Laufe der christlichen Kirchengeschichte durchgesetzt hat. Religionswissenschaftlerinnen und Bibelforscherinnen heute zeigen neue Perspektiven dazu auf.
Das Neue Testament – der eigene christliche Beitrag zur Bibel -hat gegenüber dieser Konstellation keineswegs eine Befreiung gebracht. Vielmehr wurde die Situation verschärft, indem nun die MannFrau-Beziehung in der Schöpfungsgeschichte explizit zu einer Legitimation der Herrscherrolle des Mannes gegenüber der Frau ausgebaut wurde. Die entsprechenden Stellen finden sich bei Paulus, dem ersten
Theologen und grundlegenden Theoretiker des Christentums. Lesen wir dazu seinen ersten Brief an Timotheus. In Kapitel 2,8-15 steht:

»… Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, daß sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva.

Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot (…).«
Die Frau soll also still, bescheiden und unterwürfig sein, denn sie wurde nach Adam geschaffen, und sie ist die erste Sünderin. Die genannte Stelle fügt den schon erwähnten Punkten einen weiteren hinzu, der historisch sehr wirksam wurde: Eine Frau soll sich belehren lassen, aber nicht selbst lehren. Das hat, je mehr sich das Christentum zur Kirche formierte, dazu geführt, daß Frauen von Ämtern ausgeschlossen wurden.

Die Formation des Christentums zur Kirche, also zu einer gesellschaftlichen Institution, bildete auch den Hintergrund für eine weitere Legitimation der Unterordnung der Frau. Das Geschlechterverhältnis, oder allgemeiner: die Ordnung der Familie wurde nämlich in Analogie zur hierarchischen Ordnung der Kirche gedacht. Die Einheit der einen wie der anderen menschlichen Gemeinschaft konnte nur als Einheit durch Unterordnung unter ein Oberhaupt vorgestellt werden. Auch dies wird wieder deutlich bei Paulus ausgesprochen. In seinem Brief an die Epheser in Kapitel 5,21-33 lesen wir: »Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen (…).«
Allerdings werden die Männer auch zur Sanftmut gegenüber ihren Frauen aufgefordert, doch es bleibt die Sanftmut des Herrsehenden, des Patriarchen. So heißt es im Brief an die Kolosser 3,18-19: »Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie! (…)«

Bekanntlich ist das Christentum gegenüber der Sexualität und überhaupt allen leiblichen Regungen äußerst skeptisch, um nicht zu sagen feindselig. Die »fleischliche Lust« ist ohnehin nur im Rahmen der Ehe zugelassen bzw. umgekehrt: Die Ehe wird als eine Kanalisierungs- und Kontrollmöglichkeit für die fleischlichen Begierden gesehen, als eine moralisch notwendige Institution. Im l. Korintherbrief 7,1 -16 und 25-40 wird die Ehelosigkeit gelobt. »Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben, und jede soll ihren Mann haben (…).« Besser allerdings wäre es, daran läßt vor allem Paulus keinen Zweifel, wenn man von alledem überhaupt frei wäre. So empfiehlt er zumindest den Amtsträgern die Ehelosigkeit – natürlich vorausgesetzt, daß sie sich der fleischlichen Lust enthalten können. »Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine. Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht (…)« (Vers 27.28).

Von besonderem Interesse im Vergleich zum Islam ist die Frage, ob die christliche Religion über die allgemeine Forderung der Sittsamkeit hinaus den Frauen auch bestimmte Vorschriften darüber macht, wie sie sich zu kleiden haben. Das ist allerdings der Fall, und wir können bis heute feststellen, daß in manchen Teilen des Christentums von den Frauen zumindest in kirchlichen Räumen die Bedeckung des Kopfes verlangt wird. Diese Forderung war allerdings ursprünglich allgemeiner und betraf das Erscheinen der Frauen in
der Öffentlichkeit überhaupt. Sie geht vermutlich auf Paulus‘ Brief an die Korinther zurück. In 1. Korinther 11,3-16 heißt es: »Ihr sollt aber wissen, daß Christus das Haupt des Mannes ist, der
Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann
betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahlscheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des
Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit
Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen (…) Urteilt selber! Gehört es sich, daß eine Frau unverhüllt zu
Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, daß es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen?
Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinde Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.«
Interessant an dieser Stelle ist besonders, wie Paulus das Auftreten der Geschlechter geradezu konträr definiert: Was für das eine
Geschlecht gut ist, ist für das andere Geschlecht schändlich und umgekehrt. Eine besondere Begründung gibt es dabei nur für die
Seite des Mannes, für den er hier anstößigerweise die Gottesebenbildlichkeit allein beansprucht. Ein Hinweis auf den im Islam so ernst genommenen erotischen Reiz der Haare findet sich dagegen bei Paulus nicht. Wichtig ist aber festzuhalten, daß sich im christlichen Abendland die Reglementierung von Haartracht und Kopfbedeckung sehr weit ausdifferenzierte und je nach geseiischafflieher Stellung und Lebensalter zu unterschiedlicher Vorschriften führte. Ähnliche Entwicklungen gab es auch in den islamischen Gesellschaften.

Über die Witwen lesen wir in 1. Timotheus 5,3-16 auch wenig
Gutes, denn gewarnt wird hier vor allem vor liederlichen und schwatzhaften jüngeren Witwen. »Jüngere Witwen weise ab; denn wenn die Leidenschaft sie Christus entfremdet, wollen sie heiraten und ziehen sich den Vorwurf zu, ihrem Versprechen (das sie Christus gegeben haben) untreu geworden zu sein. Außerdem werden sie faul und gewöhnen sich daran, von Haus zu Haus zu laufen. Aber nicht nur faul werden sie, sondern auch geschwätzig; sie mischen sich in alles und reden über Dinge, die sie nichts angehen.«
Heute haben diese biblischen Leitsätze allerdings eher den Charakter von Erinnerungen. Die gegenwärtige Situation der Frau in westlichen Ländern ist durch mehrere Liberalisierungswellen und
die Emanzipationsbestrebungen der Frauenbewegung verbessert worden. Im Ergebnis muß man sagen, daß das gesellschaftliche Verständnis der Rolle der Frau heute weitgehend säkular bestimmt wird. Aber all das hat noch keine lange Tradition und ist keineswegs durchgängig realisiert. Um so nötiger ist es, daran zu erinnern, daß auch im christlich-abendländischen Kulturkreis eine religiöse Prägung der konkreten Situation der Frau und ihres Rollenverständnisses selbstverständlich war und zum Teil auch noch ist.

Aus dem Buch:

Die islamische Frau ist anders – Vorurteile und Realitäten,  S. 38-43
von  Farideh Akashe-Böhme

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13. Oktober 2014 · 23:13

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