Muslime im Postkolonialismus

Die Entwicklung der Lage islamisch-arabischer Frauen in unserem müssen wir im Zusammenhang mit der Überwindung des Kolonialismus und der Entstehung eines arabischen Nationalismus sehen. Der arabische Nationalismus ist eine im 19. Jahrhundert entstandene politische Bewegung, die sich die Bildung einer arabisehen Nation zum Ziel gesetzt hatte.

Dieses Ziel ist Ausdruck des Kampfes gegen Fremdherrschaft, d.h. konkret zunächst gegen das Osmanische Reich und nach dessen Ende (1918) gegen die Kolonialherrschaft europäischer Staaten im Nahen Osten, insbesondere gegen Franzosen und Engländer. Der arabische Nationalismus hat bis heute nicht zu einem Nationalstaat geführt, wohl aber zu einer lokkeren Verbindung von Staaten »arabischer Nation«, nämlich derArabischen Liga, die 1945 von Irak, Ägypten, Syrien und Jordanien gegründet wurde. Die ideologische Bedeutung des Naüonalismus für die Länder der »Dritten Welt« wurde von Frantz Fanon in einer Theorie der Befreiung herausgearbeitet. Fanon hält die Entwicklung eines nationalen Selbstbewußtseins der ehemaligen Kolonialvölker für unumgänglich.

Er schreibt: »Der Kolonialismus ist, seiner Struktur nach, separatistisch und regionalistisch. Er begnügt sich nicht damit, die Existenz von Stämmen festzustellen, er verstärkt ihre Zwietracht, er entzweit sie.« Fanon sieht die koloniale Strategie der Entzweiung als eine wesentliche Voraussetzung für die Fortdauer der kolonialen Herrschaft an. Er betrachtet daher die Nationalbildung als konstitutiv für die Dekolonisation, denn die »Nation ist nicht nur Bedingung der Kultur, ihres Aufschwungs, ihrer ständigen Erneuerung, ihrer Vertiefung. Sie ist auch eine Notwendigkeit. Der Kampf für die nationale Existenz gibt zunächst die Kultur frei, öffnet ihrer Produktion die Türen.“

In der ersten Phase der Befreiung und Emanzipation von kolonialer Herrschaft ist die Existenz einer nationalen Einheit für die Gmppensolidarität wesentlich; die Nation ist eine Alternative zur kolonialen Wirklichkeit, sie vereinigt das Volk und mobilisiert es für den notwendigen Aufbauprozeß. Das Nationalbewußtsein ist aus dieser Sicht zwar nötig, aber nur eine der politischen Ordnung untergeordnete und zeitlich befristete Erscheinung. »Die Nation als Herrschaftslegitimität und der Nationalstaat als Ordnungsprinzip enthüllen sich, sobald sie Selbstzweck geworden sind, als Farce. Sinnvoll sind sie nur als Mittel einer Entwicklungspolitik in einem ÜbergangsStadium«, schreibt der Politikwissenschaftler Bassam Tibi in seinem Buch »Vom Gottesreich zum Nationalstaat«.

Fanon zufolge hat die nationale Frage im Emanzipationsprozeß der Kolonialvölker zwar einen sehr hohen Stellenwert. Die Gefahren eines Nationalismus antizipierend, pladiert er allerdings für die Herstellung eines Nationalbewußtseins ohne Chauvinismus. Der antikolonialistische Widerstand soll das Bodenständige gegenüber dem Fremden betonen, was zu einer Form der Selbstbehauptung, »einer Defensiv-Kultur« führt. Denn der Kolonialismus ist nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein kulturelles System; die ökonomische Durchdringung durch die Kolonialmächte wurde von einer kulturellen Penetration angeführt. Demgegenüber soll das »Nationalbewußtsein« zu einem neuen Selbstbewußtsein der unterdmckten Völker führen.
Der Begriff »Nation« selbst aber ist ein europäisches Konstrukt.

Für Rousseau objektiviert sich der »volonte generale« im nationalen Staat und die nationale Souveränität tritt an die Stelle der dynastischen. Der einzelne geht in der nationalen Gemeinschaft auf. Dies ist aber nur dann akzeptabel, wenn die Gemeinschaft keine totalitäre, d.h. also selbst wieder an das Glück des einzelnen gebunden ist. Rousseau beschreibt in seinen „Bekenntnissen“ ein anderes Phänomen, das ich »Nation als Gefühl« nennen möchte. Dieses Phänomen »Nation als Gefühl« enthält allerdings die Gefahr des Chauvinismus, wenn nämlich die Liebe zum Eigenen (also Sprache, Kultur, Gastronomie etc.) umschlägt in ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen. Während in Europa die Nationbildung Ausdruck der fortschreitenden Emanzipation des Bürgertums ist und der Nationalismus der ideologische Ausdruck sich vollziehender sozialer Prozesse der Nationbildung, »so ist er in den Ländern der >Dritten Welt<, wo er einen akkulturativen Charakter hat, die ideelle Antizipation noch zu vollziehender sozialer Umwälzungen.

Der Nationalismus entfaltet sich hier, noch ehe eine Nationsbildung stattgefunden hat, noch bevor es einen formal-juristischen Ausdruck der artikulierten Nationalität gibt.« Dieser Nationalismus »diente in der postkolonialen Phase in den einzelnen arabischen Ländern als Ideologie, die über die sozialen Widersprüche und die herrschenden Mißstände hinwegtauschte«. Die Nationalstaaten in der Dritten Welt haben nämlich durch eine einseitige Anpassung an den Westen nicht die sozioökonomischen Voraussetzungen geschaffen, die notwendig wären für eine von den Industrienationen unabhängige, dem jeweiligen Land angepaßte nationale Wirtschaft.

Die Orientierung am Westen änderte kaum die bestehenden Strukturen der Unterentwicklung. Es wurden westliche Lebensformen übernommen, z. T. westliche Formen von Erziehung und Bildung. Sie blieben aber oberflächlich, weil die grundlegenden Strukturen, also Formen des Wirtschaftens und der Abhängigkeit sich nicht verändert hatten.

S. 53 ff.

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16. Oktober 2014 · 19:44

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