VERBINDUNG VON RELIGION UND POLITIK

Ein anderer Aspekt, der dem westlichen Betrachter ungewohnt ist und von ihm nur schwer recht beurteilt werden kann, ist die Verbindung von Religion und Politik, von dīn ū daula. Während der Muslim die reine Jenseitsbezogenheit der Botschaft Christi und die Abwendung von der Welt als unvollkommen und mangelhaft ansieht, erscheint es ihm überzeugend, dass ein erfolgreicher Prophet seine von Gott empfangene Botschaft auch auf Erden mit irdischen Mitteln ausbreitet.

Der scheinbare Widerspruch zwischen Prophet und Staatsmann ist nach seiner Auffassung gerade ein Zeichen für die allumfassende Leistung des Propheten, der Beweis für die Größe und Wahrheit seiner Botschaft. Die rasche Ausbreitung des
Islams über die Arabische Halbinsel noch zu Lebzeiten
Muhammads, aber noch mehr die unvorstellbar schnelle
Ausdehnung des islamischen Reiches in den ersten hundert Jahren nach seinem Tod ließ keinen Zweifel zu, dass
diese siegreiche Religion die wahre Religion war und derjemge, der sie gepredigt hatte, der wahre, die endgültige
Offenbarung bringende Prophet Gottes.

Der Beweis für die Wahrheit von Muhammads Botschaft aus dem Erfolg seiner Religion ist schon in früher
Zeit verwendet worden, wird aber besonders in der Neuzeit immer wieder gefiihrt. Demjenigen, der Religion und
Politik säuberlich voneinander zu trennen versucht und
Religion als private Angelegenheit ansieht, wird erklärt,
dass Religion und Staat wie die beiden Seiten einer Münze zusammengehören. Muhammads staatsmännische Klugheit, seine sozialen Verbesserungen in Mekka und Medina, seine als Muster moderner demokratischer Einrichlangen gepriesene Gemeindeordnung von Medina, seine
kluge Wirtschaftsfühmng werden dem modernen Muslim als Vorbild hingestellt, nach dem auch er sein Leben gestalten soll. Für einen Dualismus zwischen »guter geistiger« und »böser irdischer« Sphäre gibt es im ursprünglichen Islam keinen Raum. Der Mystiker, der versunken im
Anschauen Gottes verharren möchte, wird mit dem Propheten kontrastiert, der nach der Zwiesprache mit Gott
immer wieder in die Welt zurückkehrt, um sie zu verbessern und in ihr zu handeln und nutzbringend zu wirken.
In dieses Bild gehört auch dschihäd, die »Anstrengung auf dem Wege Gottes«, was meist mit einem von den
Kreuzfahrern benutzten, ursprünglich nicht islamischen
Ausdruck »Heiliger Krieg« übersetzt wird. Dies wird mterpretiert als Anstrengung oder Krieg gegen den Unglauben zur Herstellung emerpax islamica. Man verinnerflehte den dschihäd auch und hörte den Propheten sagen,
dass der größte dschihäd der gegen die niederen Triebe und Instinkte, gegen das »Fleisch« im weitesten Sinne ist.
Die von ihm aufgestellten ethischen Regeln sind denen
gleich, die alle großen Religionen lehren. Gefragt, was
Tugend sei, antwortete er: »Verlange ein Rechtsgutachten von deinem Herzen: Tugend ist, wobei sich das Herz
beruhigt; Sünde ist, was in der Seele Unruhe stiftet und
im Busen poltert.« Und gefragt, was der besteklamsel; antwortete er: »Der beste^Islam ist, daß du die Hungrigen speist und Frieden verbreitest unter Bekannten
bekannten.«
Die Nachahmung der edlen Sitten, die Muhammad seine Gemeinde gelehrt hatte, sollte die Muslime formen, aus aus jedem von ihnen ein Abbild des Propheten machen,
der gleich ihm von der Einheit Gottes Zeugnis ablegt
Es ist diese imitatio Muhammadi, die der islamischen
Welt von Marokko bis Indonesien ein so einheitliches
Gesicht gegeben hat: wo immer man ist, man weiß, wie man sich beim Eintritt in ein Haus zu verhalten hat, welehe Grußformeln angebracht sind, was man in Gesellschaft tun und was man meiden soll, wie man isst und wie man reist. Durch Jahrhunderte hin wurden die Kinder in
diesen Traditionen erzogen, und erst in den letzten Jahrzehnten brach diese Welt zusammen, weil sie mit der modernen technischen Zivilisation zusammenprallte. Die
Erkenntnis dieser Gefahr, der die islamische Tradition ausgesetzt ist, hat sicherlich zur Entstehung des muslimisehen Neo-Fundamentalismus beigetragen.
Es wäre undenkbar, dass sich eine solche Tradition gebildet hätte, wenn Muhammad nicht mit einem ungewohnlichen Charisma begnadet gewesen wäre. Sicherlich
hat der schwedische lutherische Bischof Tor Andrae Recht, wenn er in seiner Studie über die Prophetenverehrung schreibt: »Wir haben alle Ursache, anzunehmen,
daß Muhammad wirklich die Kunst, Herzen zu gewinnen, in seltenem Maße verstanden hat.«

Aus dem Buch: Muhammed, S. 32-34
Von Annemarie Schimmel

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