Sabine Schiffer und Constantin Wagner vergleichen Antisemitismus und Islamophobie. Informationen und die Einleitung zum Buch
Ein längst überfälliges Buch ist erschienen: Die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer, häufiger Gast bei den “Friedenspolitischen Ratschlägen” der AG Friedensforschung, hat mit dem Soziologen und Religionswissenschaftler Constantin Wagner eine Arbeit vorgelegt, in der die historischen Wurzeln und Strukturen des Antisemitismus analysiert und mit dem – in unserer Gesellschaft relativ jungen – Phänomen der Islamfeindschaft verglichen werden.
Im Folgenden informieren wir über die Neuerscheinung mit einem Überblick von Hans-Werner Kummerow (HWK Verlag) sowie mit dem ersten Kapitel des Buches, das uns Sabine Schiffer freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
Sabine Schiffer und Constantin Wagner: Antisemitismus und Islamophobie — Ein Vergleich, HWK Verlag: Wassertrüdingen 2009, 288 Seiten, 24,80 €; ISBN 978-3-937245-05-8
Erinnern alleine reicht nicht …
Auch so könnte man die Auseinandersetzung überschreiben, die die Autoren in ihrem Buch austragen. Denn offensichtlich verhindert die Erinnerungskultur um den Holocaust nicht, dass der Antisemitismus weiterlebt und neue Formen von Rassismus am Horizont aufscheinen. Etwa das Feindbild Islam. Aber gerade das Thema Islamfeindlich¬keit scheint jene aufzuschrecken, die sich eingerichtet haben im Wohnzimmer der rückwärtsgewandten Betrachtung der Geschichte – ohne etwaige Erkenntnisse auf die Gegenwart zu beziehen. Dieser Prozess ist mit diesem Buch nicht mehr aufzuhalten.
In fast regelmäßigen Abständen ergibt sich die Diskussion, ob die heute feststellbare Islamfeindlichkeit mit dem Antisemitismus früherer Zeiten vergleichbar sei. Meist aufgeregt und schnell unsachlich kochen die Polemiken hoch. Unvergleichlichkeitsdogmen werden formuliert, Tabus beschworen sowie vermeintliche Tabus gebrochen und mit viel Verve und vergleichsweise wenig Sachverstand an Moral und Political Correctness appelliert. All dies dient nicht der Klärung.
Auch als sich das renommierte Zentrum für Antisemitismusforschung in seinem Jahrbuch 2008 und auf Tagungen mit diesen Fragestellungen befasste, erntete es vorgefasste Ablehnung statt sachdienlicher Auseinandersetzung. Der Streit deutet auf tiefsitzende Ängste einerseits, und ebenso tiefsitzendes Unverständnis und Unwissen andererseits hin. Haben wir die richtigen Lehren aus der deutschen Geschichte gezogen? Welche genau sind dies? Was wurde nicht erkannt? Und vor allem, warum gelingt es uns so schlecht, uns antisemitische Muster außerhalb des Nationalsozialismus zu vergegen¬wärtigen? Und wie kommen wir dazu zu glauben, dass wir heute davor gefeit seien, andere zu diskriminieren – ja gar zu verachten und schließlich zu entmenschlichen?
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